Zwischen Käsefondue und Kulturaustausch

Zwischen Käsefondue und Kulturaustausch

Jeden zehnten Schweizer hat es ins Ausland verschlagen. Rund 1.200 leben in der Tschechischen Republik

24. 1. 2013 - Text: Yvette PolášekText und Foto: Yvette Polášek

 

Sie werden als die „Fünfte Schweiz“ bezeichnet: Rund 700.000 Eidgenossen, die sich für ein Leben im Ausland entschieden haben. Die Zahl ist beträchtlich, wenn man bedenkt, dass es sich um etwa zehn Prozent aller Schweizer Bürger handelt. Die Auslandsschweizer leben über sämtliche Kontinente verstreut, von Ägypten bis Zypern, von Afghanistan bis Venezuela. Der weitaus größte Anteil, rund 26 Prozent, ist jedoch auf dem Alten Kontinent geblieben. Frankreich führt mit über 180.000 gemeldeten Eidgenossen das Feld der größten Auslandsschweizer-Gemeinschaften an, gefolgt von Deutschland mit etwa 79.000 Personen.

In der Tschechischen Republik leben rund 1.200 Eidgenossen. Rund drei von vier in Tschechien ansässigen Schweizern haben dabei eine doppelte Staatsbürgerschaft: Die der neuen und die der alten Heimat. Laut Marianne Gerber Szabo, Botschaftsrätin der Schweizer Botschaft in Prag, hängt dies mit der eng verwobenen Migrationsgeschichte der beiden Länder zusammen. Alleine nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts als Reaktion auf den Prager Frühling fanden etwa 15.000 Tschechen Zuflucht in der Schweiz. Ein Teil der Kinder dieser Immigranten kehrte nach der Samtene Revolution 1989 auf der Suche nach ihren Wurzeln in die Tschechische Republik zurück.

Umtriebige Unternehmer
Aber auch auf der Handels- und Kulturebene sind sich laut Schweizer Botschaft beide Länder nahe. So sind rund 300 Schweizer Unternehmen in Tschechien tätig, von diesen haben etwa 100 eigene Produktionsstätten oder Vertretungen vor Ort. Zu den langjährigen Investoren zählen ABB, Nestlé, Ringier oder Novartis. Die intensive kulturelle Zusammenarbeit spiegelt sich in häufigen Auftritten schweizerischer Künstler bei Festivals wie etwa dem Prager Frühling, dem Theaterfestival Deutscher Sprache oder den Frankophonietagen wider. Um die ausgezeichneten Beziehungen zwischen beiden Staaten zu würdigen, organisiert die Schweizer Botschaft im März einen multidisziplinären „Schweizer Frühling“. Ausstellungen und Vorträge etwa sollen den Wissensaustausch fördern. Der Anlass: Vor genau 20 Jahre hat die Schweiz die Tschechische Republik als unabhängigen Staat anerkannt.

Für Jürg Zwahlen ist es vor allem der Sport, der verbindet. „Richtig eingelebt habe ich mich erst, als ich einem Eishockey-Klub beigetreten bin“, erzählt der Geschäftsführer eines Schweizer Immobiliendienstleisters in der Tschechischen Republik. Seit über 15 Jahren lebt Zwahlen mit seiner Familie in Prag. „Nicht zu Unrecht heißt es bei uns in der Schweiz: Wenn ein Ausländer wirklich Fuß fassen möchte, muss er einem Verein beitreten. Die sozialen Kontakte ergeben sich danach automatisch.“

Fehlt: Salat und Pünktlichkeit
Auch Alex A. Rickli hat inzwischen viele Gemeinsamkeiten zwischen Tschechen und Schweizern entdeckt: „Die Zusammenarbeit mit tschechischen Kollegen ist einfach und problemlos. Ähnlich wie die Schweizer sind Tschechen eher bescheiden in ihrem Auftreten, keine Blender. Sie sagen ihre Meinung offen, können durchaus kritisch sein, liefern aber, was sie versprechen. Insgesamt haben sie eine gute Arbeitseinstellung, auch wenn es für sie freitags ab 15 Uhr kein Halten mehr gibt“, fügt er hinzu. Rickli arbeitet als Finanzdirektor bei der tschechischen Niederlassung eines Technologiekonzerns. An die Moldau hat es ihn vor drei Jahren mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern verschlagen hat. Als positiv empfindet er die flexiblen Öffnungszeiten, die Solidarität und Hilfsbereitschaft, junge Leute, die in der Tram aufspringen, um älteren Fahrgästen ihren Sitzplatz anzubieten „Nur die Sprache ist unheimlich schwierig. In Prag sind die Menschen sehr sprachgewandt und reden gerne in Fremdsprachen. In der Schweiz ist das ähnlich – zum  Leidwesen vieler Ausländer, die ihre mühsam erworbenen Sprachkenntnisse nie anwenden können“, sagt Rickli.

Was ihn in Tschechien nervt? Unpünktlichkeit. „Auch sonntägliche Straßenbauarbeiten ab sechs Uhr morgens gäbe es in der Schweiz nicht.“ Und weiter? Mangelnde Lebensmittelqualität. „Frische Blattsalate sind oft schwer zu finden. Für uns Schweizer ein echtes Problem, sind wir doch Weltmeister im Salatessen.“

Ihren Käse bringen viele Eidgenossen lieber gleich aus der Heimat mit. Das Ehepaar Barbara und Peter John, das seit 1998 in Tschechien lebt, hat aus der Schweizer Liebe zu Käse ihr Geschäftsmodell aufgebaut. Seit zweieinhalb Jahren haben sie in Jesenice bei Prag ein kleines, gemütliches Geschäft eröffnet: „Swiss Cheese“. In ihren Regalen finden Kunden  Klassiker wie Appenzeller, Gruyère und Tilsiter, Spezialitäten wie Hagenbutten-Käse und würziger Hagu-Hans, aber auch Raclette-Käse und Fonduemischungen werden alle vierzehn Tage frisch aus der Schweiz geliefert. Außerdem im Angebot: köstliches Bündnerfleisch, Schokolade, Schweizer Destillate und hausgemachte Marmelade. „Swiss Cheese“ vermietet Fonduegeschirr und Raclette-Öfen und gibt Fondue-Kochkurse. Bei besonderen Anlässen kommt Peter John, der von Beruf Hotelier ist, zu seiner Kundschaft ins Esszimmer, um dort ein typisches Raclette zuzubereiten.

Schweizer keine Expats
„Wir sind wohl die einzige rein Schweizer Familie, die bereits so lange in Prag lebt“, erzählt Barbara John, die aufgrund ihrer ausgezeichneten Tschechisch-Kenntnisse bei ihrer Kundschaft oftmals als Einheimische durchgeht. Integration ist ein wichtiges Thema für Familie John und dabei sind sie kein Einzelfall: Die wenigsten Schweizer bewegen sich in Expat-Kreisen – im Gegensatz zu den in Tschechien lebenden Deutschen und Österreichern. Bis auf eine  Ausnahme, den im Herbst 2011 gegründeten Swiss Club, findet man in Tschechien auch keine Vereine oder ähnliche Zusammenschlüsse von Schweizer Bürgern. Barbara John sieht darin auch für ihren Nachwuchs Vorteile: „Unsere drei Kinder besuchen tschechische Schulen und lernen den hiesigen Alltag kennen. In der englischen Schule hätte man ihnen eine andere Realität, ein anderes Weltbild vermittelt. Außerdem ist doch jede zusätzliche Sprache, die man spricht, ein Gewinn.“

Schweizerische Botschaft, Pevnostní 7, 162 00 Prag 6, Tel. 220 400 611, www.eda.admin.ch/prag

Swiss Club in Tschechien, Georg Stuber, Tel. 722 492 816, www.swissclub.cz

Swiss Cheese, Budějovická 1116, 252 42 Jesenice u Prahy, Tel. 241 403 286, E-Mail: info@swisscheese.ch, www.swisscheese.cz, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9–20 Uhr, Samstag 9–16 Uhr

Auslandsschweizer-Organisation (ASO), Alpenstr. 26, 3006 Bern, Tel. 0041/31/356 61 00, www.aso.ch

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