„Zu viel Sex im Kopf“

„Zu viel Sex im Kopf“

In München schreibt der gebürtige Prager Jaromír Konečný ein Jugendbuch nach dem anderen. Manche Schuldirektoren finden sein Werk zu pornografisch

16. 7. 2015 - Text: Sabina PoláčekText: Sabine Poláček; Text: Sabine Poláček; Foto: Kubinska & Hofmann

 

Das Motto einer jungen Frau hat Jaromír Konečný inspiriert: „Spring! Deine Flügel breitest du unterwegs aus.“ Der gebürtige Prager, der sich in Deutschland als Schriftsteller und zweifacher Vizemeister im bundesweiten Poetry-Slam einen Namen gemacht hat, zieht Parallelen zu seinem Leben: „Ich bin manchmal zu spontan. Wenn mich etwas begeistert, dann springe ich hinein, ohne mich groß vorbereitet oder informiert zu haben“, sagt der 58-Jährige. „Vielleicht zeugt das von meinem ungesunden Selbstbewusstsein, das mir ein Lehrer in der sozialistischen Tschechoslowakei in einer Kader-Beurteilung attestierte“, sagt der promovierte Chemiker, der früher als Schiffsmeister bei der tschechischen Elbe-Oder-Schifffahrt und zwei Jahre als Techniker in Libyen arbeitete.

Heute – 33 Jahre nach seiner Emigration in die Bundesrepublik – tritt er als Slam-Poet auf und liest aus seinen Büchern. Sein „bähmisch-bayerischer“ Akzent macht ihn unverwechselbar, seine Erzählungen und Romane auch. „Konečnýs Sprache ist plakativ und direkt, seine Geschichten voll kernig-groteskem Humor. Lieblingsthema Sex nie weit“, hieß es in einer Zeitungskritik. „Die Tschechen sind nun mal so. Zu viel Sex im Kopf. Wohl aufgrund der tschechischen sexuellen Toleranz“, meint Konečný. Seine Offenheit wurde ihm mit seinem Buch „Doktorspiele“, das 2014 verfilmt wurde, zum Verhängnis. Nachdem ihn  Schuldirektoren zuerst eingeladen hatten, sein Buch vor Klassen vorzustellen, bekam er kurz darauf Leseverbot. Zu „pornografisch“ sei sein Werk.

Doch gerade seine Art, die Dinge beim Namen zu nennen, bewegte ihn vor Jahren dazu, für Jugendliche zu schreiben statt für Erwachsene. Als der Cheflektor eines großen Verlags seine Geschichten „zu sexlastig“ fand, traf Konečný eine „pragmatische Entscheidung“, wie er selbst sagt. Er beschloss, für junge Leute zu schreiben, für die Liebe und Sexualität eine große Rolle spielen.

In seinem neuen Buch „Falsche Veilchen“, das erst im Juni erschienen ist, entführt er seine Leser in die Münchner Unterwelt. „Ich habe mich schon immer als Underdog gefühlt“, so Konečný, der sich in der Subkultur zuhause fühlt. Die Handlung: Leon und Laura – bereits Protagonisten in Konečnýs Jugendkrimi „Tote Tulpen“ – versuchen als Ermittler einen Mordfall aufzuklären. Dabei müssen sie sich den verrückten Hauptkommissar Hauptmeister, HaHa genannt, vom Leib halten. Smartphone, Google und Musik sind in dem Roman ebenso Thema wie Gangsta-Jargon, Liebe und Sexualität, begleitet von Smileys, Songtexten und vielen Lautmalereien. Dass sich „Fredy am Sack kratzt“ und Leon „Scheiße“ ruft,  ist für Konečný so normal wie dass Leon davon träumt, Laura verzaubert zu haben.

Jaromír Konečný nimmt kein Blatt vor den Mund. Zu direkt und derb sei sein Stil, meinen die einen, sehr menschlich und komisch, finden die anderen. Schon Ende September kommt sein nächstes Jugendbuch „Herz Slam“ in Deutschland auf den Markt. Seine Werke verfasst der Wahlmünchner stets in deutscher, nie in tschechischer Sprache. „Prag bleibt aber in meinem Herzen verankert“, sagt er. „Klar mag ich München als Stadt. Die Seen und die Berge in der Umgebung sind fantastisch. Die archaische Magie von Prag spüre ich hier aber nicht.“

 
Jaromír Konečný: Falsche Veilchen. DTV, München 2015, 256 Seiten, 9,95 Euro, ISBN 978-3-423-71632-1

Promovierter Poet
Jaromír Konečný wurde 1956 in Prag geboren, 1982 emigrierte er nach Deutschland, wo er zuerst ein Jahr in einem Sammellager in Niederbayern verbrachte. Er studierte Chemie an der Technischen Universität München und promovierte über die Entstehung des genetischen Codes. Der zweifache Vizemeister im gesamtdeutschen Poetry-Slam verfasste zahlreiche Bücher für Erwachsene und Jugendliche, darunter „Zurück nach Evropa“ (Ariel-Verlag 1996), „Das Geschlechtsleben der Emi­granten“ (Ariel-Verlag 2000) und „Jäger des verlorenen Glücks“ (Bertelsmann 2007). Als gebürtiger Tscheche schreibt Konečný auf Deutsch. Nur zwei Bücher wurden in seine Muttersprache übersetzt und sind in Tschechien erschienen: „Hip und Hop und Trauermarsch“ (Bertelsmann 2006) und „Mährische Rhapsodie“ (Ariel-Verlag 1998). 



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