„Wo ich kritisieren darf, bin ich zu Hause“
Interview

„Wo ich kritisieren darf, bin ich zu Hause“

Die Schriftstellerin Irena Brežná setzt sich mit der schwierigen Integration in einer fremden Gesellschaft auseinander

7. 11. 2012 - Interview: Franziska Neudert

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Als Irena Brežná 1968 mit ihrer Familie in die Schweiz kommt, ist alles anders. Anders die neuen Landsleute – korrekt und distanziert, ordnungsliebend und kühl – und das neue System, dem die Menschen dienen: „Da die Dinge in der Demokratie in der Mehrzahl waren, hatten sie Macht, und die Menschen (…) priesen sie mit der Zahl 9,99 und deren Variationen an. Vor Nullen hatten sie Angst wie vor Obdachlosen. War jemand eine Null, wurde er obdachlos.“ Anders bleibt auch sie, die damals 18-Jährige, der ein Grenzbeamter „alle Flügel und Dächlein“ vom Namen strich, so dass sie sich selbst nicht wiedererkannte. In ihrem jüngsten Roman „Die undankbare Fremde“ erzählt Brežná aus der Ich-Perspektive des jungen Mädchens über die schwierige Ankunft in einer fremden Welt. In Rückblenden berichtet sie vom permanenten Anrennen gegen die Wände der neuen Ordnung, gegen die Wände zwischen den Menschen und über den langwierigen Prozess einer Integration, die nie vollkommen sein kann.

Das gewaltsame Ende des Prager Frühlings trieb die Familie damals zur Auswanderung. Seitdem wohnt Brežná in der Schweiz. Ihren Platz fand sie zwischen den Sprachen – arbeitete als Journalistin und Dolmetscherin, half Heimatlosen auf ihrem Weg durch die Fremde. Viele Jahre setzte sie sich als Koordinatorin von Amnesty International für die Freilassung sowjetischer politischer Gefangener ein. Die Autorin erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Theodor-Wolff-Preis für ihre Kriegsreportagen aus Tschetschenien. Im Gespräch mit PZ-Redakteurin Franziska Neudert sprach die 62-Jährige über Heimat, Identität und die Hürden der Integration.

1968 sind Sie in die Schweiz emigriert. Das liegt also 44 Jahre zurück. Warum ist die Auseinandersetzung mit Ihrer Auswanderung erst jetzt erschienen?
Brežná: Jahrzehntelang habe ich mich für die geregelte, ruhige Schweiz nicht interessiert, sondern brach immer wieder in heruntergewirtschaftete Länder auf, auch in Kriegsgebiete und schrieb literarische Reportagen. Das war meine Antwort aufs Exil; einmal in Bewegung geraten, konnte ich nicht still stehen. Erst kürzlich fing ich an, meine Identität auszuloten.

Welcher war Ihr erster nachhaltiger Eindruck, als Sie damals in die Schweiz kamen?
Brežná: Die Schweiz in den sechziger und siebziger Jahren war ein konservatives Land, das Kontrolle über alles stellte und die Gefühle unterwarf. In der Deutschschweiz sagt man „Grüezi“, um jemanden willkommen zu heißen. Das ist aber keine Aufforderung zum Kennenlernen, sondern ein Stoppschild mit der Aufschrift „Bitte nicht stören“. Die Heldin meines Buches versteht das nicht, versucht immer wieder, mit Menschen auf der Straße in Kontakt zu kommen. Als das nicht klappt, reagiert sie mit Hohn und Spott.

Bestätigen diesen Eindruck auch Ihre heutigen Erfahrungen?
Brežná: Natürlich. Die Zuwendung zu den Einwanderern findet in der Schweiz vor allem auf struktureller Ebene statt. Dort funktioniert es ziemlich gut. Es gibt Sozialarbeiter, Flüchtlingsheime, Therapeuten. Doch die Menschen, die sich mit den Fremden befassen, treten nicht aus ihrer Rolle heraus. Inzwischen ist die Schweiz ein multikulturelles Land geworden. Die Einwanderer idealisieren zunächst den Zufluchtsort. Sie denken, sie wechseln nur das Land, die Sitten bleiben die gleichen. Und es gibt mehr Geld und es geht gerechter zu. Dann merken sie, dass es im Zwischenmenschlichen hapert.

Im Buch rebellieren Sie als Fremde dagegen, nicht als Fremde erkannt zu werden. Sind Sie heute immer noch fremd in der Schweiz oder fühlen Sie sich inzwischen selbst als Einheimische? Wie lange haben Sie gebraucht, um in der Schweiz anzukommen?
Brežná: Jahrzehnte. Ich wollte gar nicht weg, die Emigration war die Entscheidung meiner Eltern. Es war Kalter Krieg, ich konnte nicht zurück. Die Tatsache, dass ich es wage, mich als mündige Bürgerin so kritisch über die Schweiz und differenziert über den schwierigen Prozess der Emigration zu äußern, ist auch ein Zeichen dafür, dass ich irgendwo angekommen bin. Beim Schreiben über solche Dinge habe ich meine Identität gefunden. Ein Motiv des Buchs ist die Meinungsfreiheit. Sie wird in der Schweiz durch das Gesetz garantiert. Aber ist sie immer erwünscht? Wo ich kritisieren darf, dort bin ich zu Hause. Insofern habe ich mich mit diesem Buch in der Schweiz eingebürgert.

Was bedeutet für Sie das Recht auf Fremdheit?
Brežná: Meine Heldin erkennt, dass sie sich nicht dem Diktat beugen muss, sich vorbehaltlos zu integrieren. Dass sie vieles nicht muss, sondern sein darf, wie sie ist, und sich trotzdem für integriert halten kann. Sie ist wie ich fremd. In diesem meinem Fremdsein möchte ich anerkannt werden. Der Senegalese Léopold Senghor machte aus dem Schimpfwort Neger die Bewegung Négritude, er hat es auch umgepolt. Das ist die Fremdheit im positiven Sinne, der Abstand eben. Im Buch zitiere ich Friedrich Dürrenmatt, der gesagt hat: „Sei human, bewahre Abstand.“

Haben Sie je daran gedacht, zurückzukehren?
Brežná: Natürlich. Aber ist das nicht die beste Rückkehr, wenn ich sowohl in der Slowakei wie auch in Tschechien publiziere?
Wo ist Ihre Heimat?
Brežná: Die Exilanten, Wanderer zwischen mehreren Welten, sind hybride Persönlichkeiten. Ich suche keine geographische Heimat mehr.

Sie arbeiten auch als Dolmetscherin – in welcher Sprache fühlen Sie sich am meisten zuhause?
Brežná: Sowohl im Slowakischen als auch im Deutschen, und auch das Russische und das Französische oder Englische habe ich gerne. Ich wechsle Sprachen je nach Bedarf.

Zum Thema Einwanderung: Warum haben wir – die Gesellschaft – Ihrer Meinung nach Angst vor den Fremden? Was müssen wir ändern?
Brežná: Es gibt Ängste auf beiden Seiten. Wenn man über Einwanderung spricht, ergreifen die Einwanderer selbst nicht das Wort. Es ist ein Diskurs verschiedener politischer Lager – geführt von Schweizer Bürgern. In Deutschland dagegen reden schon einzelne Einwanderer mit, fordern statt Integration die Partizipation. Wie ausgegrenzt sich die Fremden in der Gesellschaft fühlen, welche Schwierigkeiten sich ihnen stellen, das will die Schweizer Öffentlichkeit nicht wissen. Es herrscht die Meinung, die haben es doch gut bei uns. Die Schweizer halten sich gerne für ein auserwähltes Volk. Doch die Fremden wollen nicht unbedingt und können gar nicht so werden, sie haben eine Prägung und Vorbehalte, die für ihre Identität lebensnotwendig sind. In eine fremde Kultur einzuwandern, egal in welche, kann einer Naturkatastrophe gleichen.

Viele Einwanderer fühlen sich hier auf schwachem Boden und fordern bloß etwas für sich selbst: Gebt mir dies und das, macht mich gesund, helft mir. Sie spuren, um zu überleben und sehen sich selbst nicht als Akteure im gesellschaftlichen Leben. Viele meiner tschechoslowakischen Landsleute sind angepasst, haben Karriere gemacht, Häuser gebaut. Aber wie sieht es in ihrem Innern aus? Solche Einwanderer mögen es nicht, wenn einer von ihnen motzt. Denn dann erkennen sie ihre eigene unterdrückte Wut, die sie um jeden Preis unterbinden wollen. Wenn wir die Wut, die Hilflosigkeit, die Schwäche, die Stärke der Menschen, die kommen, zur Seite schieben und von den Fremden nur eine höfliche Dankbarkeit verlangen, entsteht eine Disharmonie. Viele fliehen aus Diktaturen, in denen sie unterdrückt wurden, sie beklagen, dass man dort nicht frei reden darf. Und wenn sie im Exil sind, ducken sie sich. Ich verstehe, dass sie verunsichert sind. Aber das hat mich schon immer befremdet. Weshalb haben wir diese existentielle Erfahrung auf uns genommen so nackt anzukommen? Nur, um uns dann wieder zu ducken? Dann hätten wir doch gleich zuhause bleiben können. Die Fremden sind da, sie könnten mit ihren Talenten den Gastländern eine Dynamik schenken. Dafür müssen sie aber selbst aus ihrer bequemen Passivität ausbrechen. Nur eine große Anstrengung von beiden Seiten kann eine harmonische Gesellschaft entstehen lassen.

Warum haben Sie das Buch geschrieben?
Brežná: Ich wollte mich nicht selbst verraten und wiederholen, was die Fremden hier offiziell jeweils verlauten lassen: wie wunderbar alles sein soll. Ich weiß um die unterschwelligen Gefühle bei Migranten, über die wir nie lesen. Wenn ich Porträts von Zugewanderten lese – geschrieben von Schweizer Journalisten –, wird immer etwas Beschönigendes gesagt. Wenn ich als Fremde mit ihnen reden würde, erzählten sie mir etwas ganz anderes. Als ich 1968 in die Schweiz kam, war ich auf den Status eines Tieres degradiert: Ich hatte keine Sprache. Umso mehr kam die Sehnsucht, die Stimme zu erheben. Erst als ich anfing, selbst in der deutschen Sprache zu schreiben, kam meine Auferstehung. Wenn ich etwas verstehen, wenn ich denken und meine Gedanken ordnen will – dann schreibe ich. Endlich dieses Schweigen brechen über all das, was die Verpflanzung in eine andere Kultur bedeutet – über meine eigenen Erfahrungen sowie die anderer Migranten. Es ist ein universelles Thema. Und es geht mir nicht nur um den Inhalt, die Hauptarbeit war das Schleifen an der Sprache.

Irena Brežná: Die undankbare Fremde. Verlag Galiani Berlin 2012, 140 Seiten, 16,99 Euro (D), ISBN 978-3-86971-052-5

Der Sammelband tschetschenis-cher Reportagen „Die Wölfinnen von Sernowodsk“ erschien vor kurzem in tschechischer Über-setzung unter dem Titel „Vlčice ze Sernovodsku“ (Paseka-Verlag).

Weitere Informationen zur Autorin und deren Werk unter www.brezna.ch

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