Wo Grenzen verschwimmen

Wo Grenzen verschwimmen

Tschechien und Österreich initiierten in den vergangenen Jahren zahlreiche gemeinsame Kulturprojekte

13. 2. 2013 - Text: Yvette PolášekText: Yvette Polášek; Foto: Krisztina Erdei

Randgebiete in Großstädten beinhalten das Potenzial, zu Problemzonen zu werden. Sei es durch die vorherrschende Anonymität in den urbanen Peripherien, sei es durch soziale und wirtschaftliche Probleme, die hier auf relativ kleinem und zugleich dicht besiedeltem Raum aufeinandertreffen. Daneben lässt sich in den Vorstädten ein Mangel an gesellschaftlicher Aktivität beobachten, während die Cities selbst Zonen politischer Agitation sind. Über die letzten Jahrzehnte hinweg gewannen die Vorstädte zwar an Größe, sie verloren aber auch an Wohnlichkeit. Diese verschiedenen Aspekte hat das Prager „Centre for Central European Architecture“ (CCEA) aufgegriffen und in einem zweijährigen, von der EU geförderten Projekt „Culburb – Cultural Acupuncture Treatment for Suburb“ („Culburb – Kulturelle Akupunktur- Behandlung für den Vorort“) thematisiert.

Gemeinsam mit verschiedenen Co-Organisatoren, unter anderem der österreichischen Künstlerinitiative „Soho in Ottakring“ und der slowakischen Plattform „Verejný podstavec“ („Öffentlicher Sockel“), versucht man, mittels kulturellen Eingriffen in ausgewählten Stadtrandgebieten von Prag, Wien, Bratislava, Budapest, Ljubljana und Warschau eine Veränderung herbeizuführen. Meist handelt es sich bei diesen „Akupunktur-Interventionen“ im öffentlichen Raum um transnationale Kooperationen, welche die jeweils betroffenen Bewohner der Gebiete in ihr Projekt integrieren und so ein geteiltes Bewusstsein für den gemeinsamen Lebensraum schaffen.

Zwischen Brache und Leben
In Prag wurde hierfür die kleine, sieben Kilometer südlich von Prag gelegene Vorstadt Psáry ausgewählt. Ein typisches Beispiel für heutige Urbanisierung am Stadtrand. Es dominieren monotone Kolonien moderner Einfamilienhäuser und weitläufige, ungenutzte Freiflächen. Kleine Geschäfte sterben, während in unmittelbarer Nähe große Einkaufszentren aus dem Boden schießen. Da sich die Einwohnerzahl in Psáry im letzten Jahrzehnt mehr als verdoppelt hat, kämpft das Städtchen nun mit den Folgen einer fehlenden sozialen Infrastruktur sowie der mangelhaften Kommunikation zwischen eingesessener Bevölkerung und den neu Zugezogenen.

Das Architektenteam Moba, bestehend aus der Tschechin Yvette Vašourková und dem Bosnier Igor Kovačević, hat sich dieser Herausforderung gestellt und unter Einbindung der Ortsansässigen ein Konzept für die weitere Stadtentwicklung erarbeitet. „Wir hatten das Glück, in Psáry auf einen sehr aktiven Gemeinderat zu stoßen, der uns gemeinsam mit dem Bürgermeister voll unterstützt“, erzählt Klara Mergerová von CCEA. „Drei von fünf Vorhaben konnten bereits abgeschlossen werden. Die Projekte ‚Ideale Satellitenstadt‘ und ‚50.000‘ laufen noch, müssen aber wie die anderen Projekte in allen sechs Teilnehmerländern bis Ende April 2013 zum Ende kommen. Danach treffen sich die Verantwortlichen in Ljubljana zur großen Abschlussveranstaltung, um die erreichten Erfolge zu diskutieren und zu überlegen, ob man manches davon eventuell auch in andere Vororte transportieren kann.“

Abenteuer unter freiem Himmel
In Wien konzentriert sich Culburb auf das Gebiet um Sandleiten, einen Gemeindebau im 16. Stadtbezirk. Nach dem Ersten Weltkrieg entstand hier neuer Wohnraum für rund 220.000 Menschen. „Wir haben diese Location aufgrund ihrer avancierten Planung als ‚Stadt in der Stadt‘ ausgewählt“, erklärt Beatrix Zobl, Projektverantwortliche in Wien. „Zu seiner Entstehungszeit war der Sandleitenhof mit seinen 58 Werkstätten, 75 Geschäftslokalen, einer Volksbibliothek, einem Kino- und Theatersaal, einem Freibad und dem ersten Montessori-Kindergarten Wiens fortschrittlich konzipiert. Das ist auch architektonisch und räumlich sichtbar. Er galt als Bekenntnis zu Vergemeinschaftung mit einem gehaltvollen öffentlichen Leben.“ Inzwischen hat sich das Bevölkerungsbild hier gewandelt, der Wohnraum wurde zur Heimat für viele Zuwandererfamilien und so hat Sandleiten heute mit Spannungen, Vorurteilen und Kommunikationsproblemen zwischen den alten, angestammten und neu hinzugekommenen Bewohnern zu kämpfen.

Eine Gruppe junger Künstler versucht daher, einen Dialog zwischen den Bewohnern herbeizuführen. Die Italienerin Carla Della Beffa lädt mittels ihres Projekts „Love Song Exchange“ zu einem musikalisch-geprägten Austausch ein, denn „es bedarf keiner Instrumente, nur unserer Stimmen, um sich zu verständigen. Jede Sprache und jeder Stil sind willkommen.“ Sylvia Winkler und Stephan Köperl setzen hingegen auf „Die sichere Bank“ und schlugen vor, gemeinschaftlich eine Nacht auf einer öffentlichen Parkbank zu verbringen. „Es war ein künstlerisches Experiment auf unsicherem Terrain. Wir wollten, dass die Sandleitner ihre Wohnungen verlassen und das Abenteuer, unter freiem Himmel zu schlafen, genießen. Selbstverständlich wachte ein professioneller Sicherheitsdienst über die Leute“, erklärten die beiden österreichischen Künstler.

Dialog ankurbeln
Culburb ist aber nicht das einzige grenzüberschreitende künstlerische Projekt zwischen Österreich und Tschechien. Das alle zwei Jahre stattfindende Festival „Soho in Ottakring“ lud jüngst tschechische Graffiti-Künstler ein, das Wiener Brunnenviertel mit ihrer Straßenkunst zu verschönern. Derzeit sind die Wandbilder der Sprayer Jan Kaláb und Petra Valentová auf der Fassade der Marmeladenfabrik Staud’s zu sehen. Weitere Initiativen, den Dialog und das Verständnis zwischen beiden Ländern zu fördern, werden kontinuierlich vom Tschechischen Zentrum Wien ins Leben gerufen. Gegenwärtig sind in der Stadt an drei verschiedenen Orten – in der Tschechischen Botschaft, im Tschechischen Zentrum und im Stift Klosterneuburg – Collagen aus der Sammlung der Prager Gaswerke zu sehen. Es handelt sich hierbei um die erste umfassende Österreich-Präsentation dieser einzigartigen Sammlung, zu der die Werke von Toyen, Jindřich Štyrský, Jiří Kolář und Michal Cihlář zählen. Im Idealfall führen die länderübergreifenden Kooperationen zu dem, was Henry Ford einst beschwor: „Zusammenkommen ist ein Beginn, Zusammenbleiben ein Fortschritt, Zusammenarbeiten ein Erfolg.“



Anzeige

Wir bedanken uns bei unserem Partner für die Unterstützung:

© 2020 pragerzeitung.cz
Datenschutz, Cookies & Tracking, Netiquette, Kontakt und Impressum

Design: ideasfirst, s.r.o. | Code: www.rinovo.cz