Willkommen in Georgien

Willkommen in Georgien

Wandern, Wein und Wallfahrtsorte: Unterwegs im Land der unerbittlichen Gastfreundschaft

27. 10. 2015 - Text: Katharina WiegmannText und Foto: Katharina Wiegmann

 

„Hey girls! Stop! Come back!“ Die ausgelassene Runde vor der blank polierten Weinbar im Zentrum von Tiflis winkt den offensichtlich ausländischen Besucher­innen energisch zu. Wir können nicht widerspre­chen. „Trinkt einen Tschatscha mit uns. Aber zuerst: ein Toast auf Georgien!“ Der fällt zur Enttäuschung der Gruppe noch etwas holprig aus. Schließlich ist es noch keine zwei Stunden her, dass wir am Flughafen die Schiebe­türen mit der Aufschrift „Welcome to Georgia – EU associ­ated country“ passiert haben. Der Schnaps aus Haut, Fruchtfleisch, Samen und Stielen von Trauben – den Abfällen der Weinproduktion – nimmt uns kurz den Atem. Willkommen im Kaukasus.

Was wir im Vorfeld über das Land gelesen, gehört, gesehen haben: Seit der Rosenrevolution im Jahr 2003 hat sich die ehemalige Sowjetrepublik runderneuert. Die Korruption ist rückläufig. Die Organisation Transparency International listete Georgien in ihrem Korruptions­wahrnehmungsindex 2014 auf Platz 50 von 174 Ländern. Damit liegt es noch vor den EU-Staaten Italien, Griechenland, Kroatien und Tschechien. Noch besser sieht es beim Bericht der Weltbank aus, der die Unternehmer­freundlichkeit anhand von Gesetzen und Regulierungen bewertet. Georgien liegt hinter Deutschland und vor Kanada auf Platz 13. Und auch für Touristen ist das Land attraktiv: Die Stadt Batumi etabliert sich als ein Las Vegas der Schwarzmeerküste, Bergsteiger und Wanderer schätzen die oft nahezu unberührte Natur und die National­parks, nicht zu vergessen sind der Wein und die gute Küche.   

„Saakaschwili war sehr gut darin, Werbung für unser Land zu machen, ein positives Bild zu zeichnen“, meint Giorgi. Er ist seit kurzem Barbetreiber und zapft uns ein Bier hinter dem Tresen der „Makulatura“ nahe dem Platz der Freiheit im Stadtzentrum von Tiflis. „Georgien ist in Ordnung. Aber es gibt sicher bessere Reiseländer.“ Das versteht er nicht als Kritik an Michail Saakaschwili, der 2003 siegreich aus der Revolution hervorging und bis 2013 Präsident war. Er trieb die Annäherung an EU und NATO voran; heute ist er Gouverneur im Verwaltungsbezirk Odessa in der Ukraine. Dort wurde nach der Amtsenthebung des russlandfreundlichen Präsidenten Viktor Janukowitsch dringend unbeflecktes politisches Personal gesucht. In seiner Heimat liegt derweil ein Haftbefehl gegen Saakaschwili vor. Der Vorwurf: Amtsmissbrauch.

Spuren des Aufbruchs
Ich werde Giorgis Worte im Kopf behalten bei unseren Streifzügen durch Tiflis. Die Ära Saakaschwili hat hier auch architektonisch Spuren des Aufbruchs hinterlassen. Die futuristische Friedensbrücke wird in der Dunkelheit von zehntausenden LED-Lampen erleuchtet, unterhalb des Präsidentenpalasts mit einer transparenten Kuppel à la Reichstag entsteht derzeit eine neue Konzerthalle in einer von zwei riesigen Röhren aus Glas und Stahl. Weithin sichtbar wird sie sein, zum Beispiel vom Berg Sololaki, auf dem die „Mutter Georgiens“ als Statue stoisch auf Tiflis blickt, den „warmen Platz“, so die wörtliche Übersetzung des Stadtnamens aus dem Georgischen.

Ein Vorzeigeprojekt ist auch das prominent am Fluss Kura gelegene und überall stolz ausgeschilderte „Haus der öffentlichen Verwaltung“, das deutsche Journalisten schon zu wahren Begeisterungsstürmen hinriss. Mit seinen geschwungenen weißen Dächern über den Glas­fassaden sieht es aus wie ein Ufo. Transparenz soll es symbolisieren, Moderne. Einen neuen Pass bekommt man hier angeblich innerhalb von zwei Stunden – ausgehändigt wird er nach einer Benachrichtigung per SMS in der hauseigenen Café-Lounge.

Der Kontrast zu den Straßen­zügen mit den heruntergekommenen Häusern und ihren mit orientalisch anmutenden Schnitzereien verzierten Balkonen in der Altstadt könnte nicht größer sein. Orientalisch geht es auch auf den Basaren zu. Am Hauptbahnhof strecken sie sich in Katakomben und ehemals wohl als Bahnsteige geplanten Arealen ins Unendliche. Braungebrannte, faltige Bauernpaare verkaufen hier, was die georgische Erde hergibt: Tomaten, Kartoffeln, Auberginen, Knoblauch, Gewürze.

Klöster und Kathedralen
Die „Marschrutka“, ein billiges, halsbrecherisches Mittel der Fortbewegung in Georgien, bringt uns in 30 Minuten raus aus Tiflis, in ländliche Gebiete. Wir steigen in Mzcheta aus dem Sammeltaxi. Fast 1.000 Jahre die Hauptstadt der iberischen und kartlischen Könige, ist Mzcheta mit seinen knapp 7.000 Einwohnern heute eher provinziell. Touristen und Wallfahrer kommen wegen des Panoramablicks vom knapp 1.500 Jahre alten Dschwari-Klosters außerhalb des Ortes – und wegen der Kathedrale, der zweitgrößten des Landes.

Gulo, eine gebückt gehende aber erstaunlich behände ältere Dame mit Schalk in den Augen sieht uns mit Rucksäcken in Richtung Dorfplatz trotten. „Guesthouse!“ Es folgt eine lange Rede auf Russisch. Auch ihr können wir unmöglich wider­sprechen. Wir folgen ihr und werden platziert, türkischer Kaffee kommt auf den Tisch. Wie die anderen Einheimischen, die uns begegnen, fragt auch Gulo nicht lange. Sie weiß, was das Beste ist für die Besucher, wo sie hin sollen, wohin nicht.

Später suchen wir die Touristeninformation auf. Dort kommen wir erst wieder raus, als wir unter den strengen Augen einer Mitarbeiterin einen Gästebucheintrag hinterlassen und einen Bewertungsbogen über ihren Service ausgefüllt haben. Bestnoten natürlich. Direkt gegenüber befindet sich die Sweti­zchoweli-Kathedrale. Die Syrerin Nino, die Georgien vor ungefähr 1.600 Jahren zum Christentum missionierte, soll Gott persönlich um Hilfe beim Bau der Kirche gebeten haben. Ein Baum, dessen Stamm das Gebäude tragen sollte, ließ sich nicht in die richtige Form bringen. Unter ihm hatte sich die letzte Ruhestätte Sidonias befunden, die der Legende nach auf Umwegen an das blutbefleckte Hemd des gekreuzigten Jesus gekommen und mit dem Kleidungsstück unter der Kirche begraben sein soll.

Nachdem Nino intervenierte, erschien ein Engel, der den Baumstamm an den für ihn vorgesehenen Platz bewegte. Aus seinem Stamm tropfte ein Balsam, der durch das bloße Berühren von körperlichem Leid erlöste. Daher der Name Sweti­zchoweli: „lebensspendender Stamm“. Die Geschichten und Legenden um die zahlreichen Kirchen, Klöster, Kathedralen verschwimmen mit der Zeit, fließen ineinander. Was bleibt: Das Bild des jungen Paares, das in der spärlich beleuchteten Kirche mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm vor einem der Heiligenbilder steht, eine Kerze anzündet, sich bekreuzigt, den Rahmen küsst. Die Ernsthaftigkeit und Ruhe des Moments.  

Auf der Heeresstraße ins Hinterland
Die georgische Heeresstraße ist die Verbindung nach Russland und windet sich entlang der autonomen, vom großen Nachbarn protegierten Teilrepublik Südossetien bis auf 1.700 Meter Höhe in das Dorf Stepantzminda am Fuße des Berges Kasbek. Viele Besucher kommen, um seine 5.000 Meter zu bezwingen, andere geben sich mit dem Aufstieg zur Kirche Tsminda Sameba (Gergetier Dreifaltigkeitskirche) zufrieden.

Ungefähr eine Stunde geht es bergauf, vorbei an verlassenen Dörfern, friedlich weidenden Kühen, Schafen, Pferden; der Blick auf die ockerfarbenen Hänge wird immer schöner. Der Blick auf Tsminda Sameba, den Kasbek und die schneebedeckten Bergspitzen ist so erhaben, dass er auch Ungläubige fast zu Tränen rührt. Wir fühlen uns klein.

Auf dem Weg zurück fängt es in Strömen an zu regnen. Ein mit Schlamm bespritzter To­yota mit Allradantrieb und verdunkelten Heckscheiben hält neben uns. Die georgischen Fahrer sehen nicht sehr vertrauenswürdig aus, winken uns aber mit bestimmender Geste in das Auto, das mit fröhlichen polnischen Rentnern besetzt ist, wie wir beim Einsteigen merken. Warm und trocken ist es aber.

Es ist leicht, sich in diesem Land treiben zu lassen. Irgendjemand taucht immer auf, der Fremde irgendwohin dirigiert, in irgendein Auto setzt, zur nächsten Kirche fährt. Wir fühlen uns aufgehoben, aber nach einer Weile ein bisschen dumpf im Kopf. Das könnte allerdings auch am georgischen Wein liegen. Der wurde angeblich in der Region Kachetien erfunden – der nächsten Station unserer Reise.

Die Weite der Landschaft, die sanften Täler mit den Gebirgskämmen im Hintergrund sorgen bisweilen für optische Täuschungen – man glaubt das Meer in der Ferne funkeln zu sehen. Sighnaghi ist das Zentrum des Weintourismus im Osten des Landes, ein romantisches kleines Städtchen mit Kopfsteinpflaster, herausgeputzten Hotels und improvisierten Gästehäusern. „Stadt der Liebe“ ist der offizielle Marketingslogan. Herzlich geht es auch im Haus der Familie Zandarashvili zu. Abends wird zum Supra eingeladen, dem georgischen Gastmahl. Der Tisch ist voller Köstlichkeiten, der Wein aus eigener Herstellung fließt, ebenso wie der Tschatscha.

Giorgi ist der Tischredner des Abends und zeigt uns endlich, wie das mit den Trinksprüchen funktioniert – sie sind eine wichtige georgische Tradition. Bevor das Glas geleert wird, wird es philosophisch. Es geht um Familie, Liebe, Ehe. Aber auch die verrückten Vorstellungen der Deutschen, die lieber Fahrräder mieten als mit dem alten VW-Golf ohne Stoßstange kutschiert zu werden, fließen in die Trinksprüche ein. Und natürlich werden wir uns am nächsten Tag überreden lassen und doch in den VW-Golf einsteigen, Weingüter in Gurjaani besuchen, die Festung Gremi, das Kloster Nekressi. Schließlich setzt uns Giorgis Onkel auf einem Parkplatz am Straßenrand in das Auto eines Bekannten, der mit seiner Schwester und einem Freund nach einer Beerdigung zurück in die Hauptstadt fährt. Die Stimmung ist gedrückt, die junge Frau dennoch neugierig, wie Georgien uns gefallen habe. Sie löchert uns mit Fragen zu Familie und Religion. Schließlich kramt sie in der Tasche, bietet uns einen Kaugummi an. „Wir mögen Gäste hier gerne“, sagt sie mit trauriger Stimme, fast mechanisch. Es ist ihr unangenehm, unseren Beitrag zum Benzingeld anzunehmen.

Zum Abschluss also: Ein Toast auf Georgien. Auf die allgegenwärtigen Widersprüche, die sanften Hügel und Täler, den rötlichen Glanz der Sandsteinkirchen in den letzten Sonnenstunden des Tages, und darauf, dass das ständige Bekreuzigen die Fahrer der alten Ladas wirklich schützen möge. Aber vor allem: ein Toast auf die Offenheit und Unbeirrbarkeit seiner Bewohner. Prost und Gaumarjos! 

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