Wie starb Šimon Abeles?

Wie starb Šimon Abeles?

In seinem neuesten Roman befasst sich der Prager Schriftsteller Marek Toman mit einem jüdischen Kriminalfall aus dem 17. Jahrhundert

22. 4. 2015 - Text: Maria SilenyText und Foto: Maria Sileny

Die Teynkirche in der Prager Altstadt birgt einen unheimlichen Kriminalfall. Links neben dem Altar, nahe dem Grab des berühmten Astronomen Tycho Brahe, befindet sich, kaum sichtbar, eine weitere Grabplatte. Unter ihr liegen die Überreste eines jüdischen Jungen: Šimon Abeles. Der Zwölfjährige starb 1694, kurz nachdem er beschlossen hatte, zum Christentum überzutreten. Hat ihn sein Vater Lazar aus religiösem Hass ermordet? Damals gingen die Behörden in Prag davon aus. Der Vater wurde verhaftet und ein Aufsehen erregender Gerichtsprozess kam ins Rollen. Als sich Lazar Abeles nach zweifacher Folter das Leben genommen hatte, wurde der Onkel des Jungen, der 19-jährige Löbl Kurtzhandl, für schuldig befunden und grausam hingerichtet. Auf Flugblättern, die damals um ganz Europa gingen, wurde Šimon Abeles zu einem christlichen Märtyrer stilisiert. Die Tragödie spielte in einer Zeit, in der jüdische Konversionen zum Christentum politisch gewollt waren. Wie aber starb der Zwölfjährige wirklich?

Den Prager Schriftsteller und Philosophen Marek Toman, Jahrgang 1967, hat der Kriminalfall aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert dermaßen gepackt, dass er ihm vier Jahre seines Lebens widmete. Er recherchierte umfassend und schrieb anschließend einen Thriller mit dem Titel „Die große Nachricht vom schrecklichen Mord des Šimon Abeles“, der letztes Jahr im Prager Verlag Argo herauskam. Zwischen zwei schwarzen Buchdeckeln erzählt Toman die tragische Geschichte so, wie sie sich ihm aus dem Quellenstudium erschloss. Leser finden im Text echte Aussagen aus Verhörprotokollen, die erhalten geblieben sind, erleben Szenen, die tatsächlich stattgefunden haben, so den Moment, in dem Lazar Abeles in einem Verhör mit dem toten Körper seines Sohnes konfrontiert wird. Dass er dabei fast in Ohnmacht fiel, wurde damals als Bestätigung seiner Schuld ausgelegt. Nun: Hat der Vater seinen Sohn tatsächlich ermordet? Wie der Junge starb, bleibt bis heute ein Rätsel. Möglicherweise bei einem Epilepsie-Anfall – eine Erklärung, zu der auch Marek Toman in seinem Roman neigt.

Dem historischen Kriminalfall ist der Schriftsteller zum ersten Mal in Budapest begegnet. Dort hielt er sich von 2007 bis 2010 als Diplomat auf. In der Bibliothek der dortigen Universität ist er auf eine Dokumentation jüdischer Konversionen zum Christentum gestoßen. Darin fand sich ein kleiner Absatz zum Fall Abeles. „Als ich die Geschichte las, bin ich ihr sofort verfallen“, sagt Marek Toman heute. Denn sie enthält zwei Themen, die ihn bewegen: Es geht um eine Vater-Sohn-Beziehung und es geht um die jüdische Religion. Beide prägen Tomans eigene Lebensgeschichte: Im Jahr 1969, als der kleine Marek keine zwei Jahre alt war, flüchtete sein Vater aus der Tschechoslowakei und ließ sich in Deutschland nieder, wo er als Neurologe eine eigene Arztpraxis aufmachte. Marek Toman litt unter der Abwesenheit des Vaters. Auf der beständigen Suche nach ihm lernte er seine Religion kennen und lieben: das Judentum.

Andere Wirklichkeit
„Ich bekenne mich zum Beispiel zu den Ideen der jüdischen Mystik“, sagt der hochgewachsene Schriftsteller mit dunklen Haaren und randloser Brille. Er glaube an die magische Kraft der Buchstaben und der Texte, die sie bilden, fährt Toman fort. „Würde der Mensch eine Sprache in ihrer Ganzheit beherrschen, könnte er mittels Worte aus dem Nichts etwas erschaffen, so wie Gott es tat.“ Dabei bezieht sich Marek Toman auch auf die Prager Legende von Rabbi Löw und seinem Golem, einem Wesen aus Lehm, das mit einem Zettel, auf dem der Name Gottes stand, zum Leben erweckt werden konnte. „Mein Golem“ heißt eines der drei Bücher, die Toman für Kinder schrieb, besser gesagt: für seine zwei Söhne. Die berühmte Golem-Geschichte schildert Toman auf eigene Art – aus der Sicht eines 15-jährigen Jungen, der sich auf seine von den Eltern arrangierte Heirat vorbereitet. 2010 wurde das Jugendbuch für Tschechiens renommierten Litraturpreis „Magnesia Litera“ nominiert.

Der Thriller über Šimon Abeles ist Tomans viertes Buch für Erwachsene. Wie einst William Faulkner in seinem Roman „Wilde Palmen“ wagt auch Marek Toman zwei Erzählstränge zu weben.  Die historische Schilderung ergänzt eine Handlung, die in der Gegenwart spielt und reine Fiktion ist: Der Anthropologe Ladislav Albrecht, der sich dem Fall Šimon Abeles widmet und Ausgrabungen in der Teynkirche leitet, vermisst seinen eigenen Sohn und sucht ihn mit Hilfe der Polizei. Der Sohn heißt Šimon und spielt ein seltsames, beunruhigendes Videospiel, in dem es um Konflikte zwischen Christen und Juden geht. Hat sein Verschwinden mit diesem Spiel zu tun?

Die beiden Erzählstränge verflechten sich immer mehr ineinander, werden zu einem zeitlosen Epos über den verlorenen Sohn. Zugleich nutzt der Autor die Story, um sich mit philosophischen Begriffen wie Recht und Unrecht auseinanderzusetzen. Er beleuchtet die Macht der Politik, die mithilfe von Medien Tatsachen verzerren und Unschuldige büßen lassen kann – damals wie heute.

Dem Thema Rechtlosigkeit und Staatsgewalt widmete Toman auch seinen 2011 publizierten Roman „Frajer“, der von der Beziehung zweier Stiefbrüder vor dem Hintergrund der Prager Studentendemonstrationen 1989 handelt.
Neben dem Schreiben liest Marek Toman viel. „Ich bin ein leidenschaftlicher, fanatischer Leser“, sagt er, „meine Bücher versuche ich so zu schreiben, wie ich sie gerne selbst lesen würde.“ Ein guter Roman solle Leser in die Handlung hineinziehen, beunruhigen, sie einnehmen und unterhalten. „Ein Buch ohne Leser existiert nicht“, meint der Schriftsteller.

Er selbst liebt „den leicht veränderten Bewusstseinszustand“, wenn er in eine Lektüre und mit ihr „in eine andere Wirklichkeit“ eintaucht. Wenn er dann zurückkehrt, sieht er die Welt und das Leben anders. In fremde Geschichten eintauchen und eigene Geschichten erschaffen: Marek Toman mag es, so zu leben. Dafür steht er täglich etwas früher auf als er müsste, und bevor sein Arbeitstag im tschechischen Außenministerium beginnt, verbringt er eine halbe Stunde an seinem häuslichen Schreibtisch. Mit dem Roman über Šimon Abeles hat er der Teynkirche ein Geheimnis entrissen. In seinem neuen Buch spielt das Gebäude des Außenministeriums, das barocke Czernin-Palais auf dem Prager Hradschin, die Hauptrolle. Es erzählt, was es erlebt hat im Laufe der Zeiten. Im Zentrum der Erinnerungen stehen zwei Persönlichkeiten, zwei politische Schicksale auf tschechischem Boden: Hitlers stellvertretender Reichsprotektor Reinhard Heydrich (1904–1942) und der tschechoslowakische Außenminister Jan Masaryk (1886–1948).

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