„Wer Angst hat, bleibe zu Hause. Ich gehe!“

„Wer Angst hat, bleibe zu Hause. Ich gehe!“

Zum 100. Geburtstag von Jan Opletal, der als Anführer antideutscher Proteste im Herbst 1939 in Prag erschossen wurde

7. 1. 2015 - Text: Friedrich GoedekingText: Friedrich Goedeking; Foto: APZ

Bis zum 28. Oktober 1939 gab es im Protektorat Böhmen und Mähren keine größeren öffentlichen Proteste oder gar Massen­demonstrationen gegen die deutsche Besatzung. Da die NS-Politik das Ziel verfolgte, die wirtschaftlichen Ressourcen für ihre Kriegswirtschaft zu nutzen, war es auch im Interesse der Besatzer, wenn die Tschechen in Ruhe ihrer Arbeit nachgingen.

Der Widerstand gegen die Diktatur der Deutschen beschränkte sich in den ersten sieben Monaten der Okkupation auf einen passiven, der sich vor allem in antideutschen Flugblättern artikulierte. In der Bevölkerung verbreitete sich die Hoffnung, dass ein bald ausbrechender Krieg mit einer Niederlage der Okkupanten enden und damit die Befreiung bringen würde. Der erfolgreiche Blitzkrieg gegen Polen und die Passivität der Westmächte machte solche Hoffnungen jedoch schnell zunichte.

Doch vor allem in der Studentenschaft wuchs die Bereitschaft, wirksame öffentliche Proteste zu organisieren. Jan Opletal, Medizinstudent in Prag, gehörte mit zu den Initiatoren von Widerstandsaktionen, mit denen die Studenten die Weltöffentlichkeit auf den Freiheitswillen der tschechischen Bevölkerung aufmerksam machen wollten. Als sich am 28. Oktober 1939, dem Jahrestag der tschechoslowakischen Unabhängigkeit, der Widerstand in Massendemonstrationen unter maßgeblicher Führung der Studentenschaft entlud, war Jan Opletal eines der ersten Opfer, die von der Polizei getötet wurden.

Jan Opletal wurde am 1. Januar 1915 als achtes Kind einer armen Kleinbauernfamilie in dem Dorf Lhota nordwestlich von Olomouc geboren. Seine Eltern gaben den 31. Dezember 1914 als Geburtstag an, um Jan früher einschulen zu können. Damit hätte er möglichst jung als Arbeiter zum Unterhalt der Familie beitragen können. Ein kleiner gepachteter Acker und eine Kuh waren alles, wovon sich die Familie ernährte. Nebenbei verdingte sich der Vater als Waldarbeiter. Schon als Kind musste Jan auf dem Feld und im Wald seinen Eltern und Geschwistern tüchtig zur Hand gehen. In der Grundschule fiel er durch seine großen Begabungen auf, sodass die Lehrer die Eltern drängten, den Jungen auf das acht Kilometer entfernte Gymnasium in Litovel zu schicken. Den täglichen Schulweg legte Jan zu Fuß zurück, es sei denn, er konnte das Familienfahrrad benutzen, wobei er dann einen Mitschüler auf der Lenkstange mitnahm.

Letztes Geleit
Opletal entwickelte sich zu einem außergewöhnlichen jungen Mann, der es durch seine vielseitige Begabung und Beharrlichkeit schaffte, als Kind aus armen Verhältnissen Medizin zu studieren. Als Schüler und Student war er bei seinen Alterskameraden wegen seiner Hilfsbereitschaft sehr beliebt. Lehrer und Professoren schätzten seine Intelligenz und Belesenheit. 1936 begann er in Prag mit dem Medizinstudium und bekam einen Platz in einem Wohnheim, das vor allem Studenten aus ärmeren Schichten offenstand. Opletal wurde dort bald zu einem der Sprecher des Heims gewählt.

Sein Vorbild und mit ein Grund für seine Berufswahl war der Arzt Dr. Strava in Jans Schulort Náklo. Wie er wollte sich Jan für die Armen einsetzen und sie umsonst behandeln. Außerdem schmiedete er Pläne, wie Albert Schweitzer als Arzt in armen afrikanischen Ländern tätig zu werden.

Der 28. Oktober 1939 wurde von den Studenten zum Tag des Protestes gegen die deutsche Besatzungsmacht erklärt. Schon die Tage zuvor wurden illegale Flugblätter verteilt, auf denen die Tschechen aufgefordert wurden, sich an verschiedenen Formen des Widerstandes zu beteiligen. So hießen die Parolen unter anderem „Fahrt nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln!“, „Tragt dunkle Kleidung!“, „Männer, geht barhäuptig durch die Straßen mit einem Hut in der Hand!“, „Geht nicht zur Arbeit!“ oder „Beteiligt euch an Streiks!“. Jan Opletal rief seine Kommilitonen auf: „Die Welt muss erfahren, dass das tschechische Volk die Nazi-Okkupation ablehnt. Wer Angst hat, bleibe zu Hause. Ich gehe!“ Die Tschechen gingen zu Tausenden auf die Straße, viele in den Nationalfarben. Sie versammelten sich auf den Plätzen der Stadt und an historischen Gedenkstätten. Sie sangen die Nationalhymne und skandierten Parolen wie „Weg mit den Deutschen!“, „Wir wollen Freiheit!“, „Es lebe Beneš!“ und „Weg mit Hitler!“.

Als Tausende von Studenten zum Wenzelsplatz zogen, gab der damalige Staatssekretär der Protektoratsregierung Karl Hermann Frank den Befehl, die Demonstranten in die Nebenstraßen abzudrängen und dabei auch von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Vermutlich erhielt die Polizei von Studenten, die mit dem Regime kollaborierten, den Hinweis auf Jan Opletal als einen der Rädelsführer. Er wurde angeschossen und mit einer schweren Bauchwunde ins Krankenhaus eingeliefert. Am 11. November 1939, also 13 Tage später, erlag er dort seinen Verletzungen. Es gibt Hinweise dafür, dass Jan, der über eine hervorragende sportliche Kondition verfügte, hätte gerettet werden können. Doch der behandelnde Gestapo-Arzt Dr. Golla unterließ bewusst lebensrettende Maßnahmen.

Opletals Tod und seine Beerdigung lösten in Prag und anderen Städten erneut antideutsche Massenproteste aus. Trotz eines Demonstrationsverbotes säumten abermals Tausende die Straßen in Prag, als Opletals Sarg von seinen Kommilitonen zum Bahnhof getragen wurde. Eine große Menschenmenge gab ihm dann auch in seinem Heimatort das letzte Geleit.

Die Protektoratsregierung ergriff nun harte Gegenmaßnahmen und ließ am 17. November neun Teilnehmer der Studentenproteste hinrichten. 1.200 Studenten wurden festgenommen und in deutsche Konzentrationslager deportiert. Die Universitäten und Hochschulen des Landes wurden für drei Jahre geschlossen. Adolf Hitler erklärte, es sei ein Fehler gewesen zu glauben, dass die Tschechen eine bessere Behandlung als die Polen verdient hätten. Er hätte von Anfang an – wie in Polen – mit brutaler Härte jeden Widerstand in der Bevölkerung unterdrücken müssen. Sollten es die Tschechen wagen, noch einmal gegen die deutsche Besatzung aufzubegehren, so würde er Prag dem Erdboden gleich machen.

Das brutale Vorgehen der Besatzer löste in der tschechischen Öffentlichkeit einen Schock aus. Willkürlich erscheint noch heute die Auswahl der neun Hingerichteten. Dass sich unter den Ermordeten auch ein Sympathisant der Protektoratsregierung befand, weckte bei den Tschechen die Angst, dass von nun an jeder von ihnen damit rechnen musste, ein Opfer des totalitären Regimes zu werden.

Im Schatten Opletals
Zwei Jahre nach diesen Ereignissen wird in London auf Initiative der tschechischen Exilregierung der 17. November zum internationalen Tag der Studenten erklärt. 1989 sind es wiederum Prager Studenten, die an diesem Tag mit ihren Protesten das Ende der kommunistischen Herrschaft einleiten. Auch in der seit 1993 bestehenden Tschechischen Republik wird der 17. November als Feiertag weiterhin begangen. Im vergangenen Jahr nutzten Studenten den Tag, um gemeinsam mit 15.000 Menschen beim Staatsakt in der Nationalstraße (Národní třída) Präsident Zeman für seine würdelosen Auftritte die rote Karte zu zeigen.

Bis heute wird Jan Opletal als Ikone des Widerstandes gegen die deutsche Gewaltherrschaft gewürdigt. Der 24-jährige Student ist zum Symbol für die größte öffentliche Demonstration der Tschechen gegen die deutsche Besatzung geworden. Seine Biografie hat viel zu dieser Verehrung beigetragen: Da ist der Dorfjunge aus ärmlichen Verhältnissen, der es schaffte, an der Universität zu studieren und der als Medizinstudent mit herausragenden Leistungen glänzte. Hinzu kam seine Solidarität mit den Armen, sein Mut als einer der Anführer des studentischen Widerstands gegen das Protektoratssregime und schließlich sein Tod als einer der ersten Blutzeugen für den Freiheitswillen des tschechischen Volkes. All das hat dazu geführt, dass Opletal seinen festen Platz in der kollektiven Erinnerung seiner Landsleute erhalten hat.

Die Heroisierung hat aber auch zur Folge, dass die Namen anderer Widerstandskämpfer fast in Vergessenheit geraten sind. Zu ihnen gehören die neun am 17. November standrechtlich erschossenen Studenten. Dazu rechnen kann man aber auch die 670 Männer und Frauen, die überwiegend der tschechischen Intelligenz angehörten und in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurden. Während in Tschechien zahlreiche Straßen den Namen Jan Opletals tragen und auch Schulen nach ihm benannt und Denkmäler errichtet worden sind, ist zum Beispiel die öffentliche Erinnerung an den Bäckergesellen Václav Sedláček kaum existent. Der 22-Jährige wurde bereits am 28. Oktober an der Straßenkreuzung Žitná/Ve Smečkách nahe des Wenzelsplatzes durch einen Schuss ins Herz getötet und am 4. November 1939 unter strengen Sicherheitsvorkehrungen in aller Stille bestattet. Da alle seine Angehörigen im Verlaufe des Krieges umkamen, gab es niemanden, der sich um sein Grab kümmerte. 1965 wurde es eingeebnet. An das erste Opfer der tschechischen Massenproteste erinnert weder eine Büste noch sonst irgend eine Form des Gedenkens im öffentlichem Raum.



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