Warten bis der Arzt stirbt

Warten bis der Arzt stirbt

In Aš mangelt es an Medizinern. Eine Behandlung im nahen Selb übernehmen die tschechischen Versicherungen aber nicht. Lokalpolitiker aus beiden Ländern wollen das ändern

30. 9. 2015 - Text: Corinna AntonText: Corinna Anton; Foto: ČTK/Slavomír Kubeš

Schwanger sollte man in Aš derzeit besser nicht werden. Seit dem Tod eines einheimischen Gynäkologen gibt es in der Grenzstadt nur noch eine Frauen­ärztin. Und deren Kapazitäten sind erschöpft. Auch im knapp 30 Kilometer entfernten Cheb (Eger) bekommen Frauen aus Aš kaum einen Termin. Vielen bleibt nichts anderes übrig, als bis nach Mariánské Lázně (Marienbad) zu fahren. Gut 100 Kilometer sind das hin und zurück. „Das kann für Frauen in der Schwangerschaft ein großes Problem sein“, weiß Dalibor Blažek, Bürgermeister von Aš. Ähnlich gehe es Senioren, fügt er hinzu, zum Beispiel Diabetikern, die Dutzende Kilometer fahren müssen, um ein lebenswichtiges Rezept zu bekommen.

Dabei läge die Lösung so nahe, nämlich knapp zehn Kilometer südwestlich von Aš, auf der deutschen Seite der Grenze. Dort befindet sich die Kreisstadt Selb, die rund 15.700 Einwohner zählt und „vergleichsweise gut“ mit Ärzten ausgestattet ist, wie Oberbürgermeister Ulrich Pötzsch sagt. Unter anderem könne Selb ein „hochmodernes Krankenhaus“ mit 145 Betten vorweisen. Das Klinikum Fichtelgebirge, zu dem neben dem Krankenhaus in Selb auch das in Marktredwitz gehört, behandelt jährlich etwa 16.000 Patienten stationär und noch einmal so viele ambulant. Zusammen beschäftigen die beiden Häuser derzeit rund 900 Mitarbeiter.

Pötzsch würde in der Einrichtung gerne mehr tschechische Patienten aufnehmen. Die Kapazitäten seien vorhanden, meint er, eine Sprachbarriere gebe es nicht, weil viele Mitarbeiter aus Tschechien kämen. Und auch Selb könnte davon profitieren, weil mit mehr Patienten auch das Bestehen der Klinik langfristig gesichert würde. Bürgermeister Blažek möchte das Angebot seines deutschen Amtskollegen gerne annehmen und die Patienten nach Deutschland schicken, weil in seiner Gemeinde die Ärzte wegsterben und kaum junge nachziehen. Nur die Bürokratie spielt nicht mit.

„Das größte Problem ist der Unterschied bei der Abrechnung der Gesundheitsdienste“, sagt der Bürgermeister von Aš. Die deutschen Leistungen sind teurer, die tschechischen Versicherungen wollen dafür nicht aufkommen. Wer sich in Selb behandeln lassen will, kann das bisher nur auf eigene Kosten. Und selbst in Notfällen ist die offene Grenze noch immer eine Hürde: Im Sanitätsdienst gebe es eine Kooperation, sagt Pötzsch. Sanitäter dürften auch Patienten von der tschechischen Seite nach Selb bringen – allerdings nicht direkt. Sie fahren bis zur Grenze, dort müssen die Kranken vom tschechischen in einen deutschen Rettungswagen umgelagert werden, der sie die letzten Kilometer zum Krankenhaus transportiert. „Man verliert wertvolle Zeit“, ärgert sich der Oberbürgermeister über die Vorschriften, die für ein gebrochenes Bein ebenso gelten wie für einen Herzinfarkt.

Hoffen auf ein Abkommen
Pötzsch und Blažek sind sich einig, dass sie die Zusammenarbeit ausbauen wollen. In anderen Bereichen klappt das auch, so hätten zum Beispiel die Feuerwehren im vergangenen Jahr vereinbart, künftig bei Einsätzen zu kooperieren, sagt der Oberbürgermeister von Selb. Auch beim Netzwerk Euregio Egrensis, das sich für die Interessen grenznaher Landkreise einsetzt, begrüßt man den Vorstoß. Bereits 2011 hat die Arbeitsgemeinschaft Gutachten zu den Themen Krankenhäuser und Notfallrettung in Auftrag gegeben, um „den Bestand und den Handlungsbedarf zu erfassen“, so Geschäftsführer Harald Ehm. „Wir haben die Gutachten breit gestreut. Wir hoffen, dass bald Abkommen folgen. Dass eine Seite einen Nutzen bieten kann, wo die andere ein Defizit hat, ist genau das, was wir in der grenzüberschreitenden Arbeit erreichen wollen.“

Sowohl Ehm als auch Pötzsch verweisen auf die Rolle der tschechischen Krankenkassen. Blažek will nun mit ihnen verhandeln. Unterstützung bekommt er dabei auch von Karl Döhler (CSU), Landrat des Landkreises Wunsiedel, der sich an die deutschen Krankenkassen wenden will. Man müsse „auf der politischen Ebene einen Weg finden“, sagt Pötzsch. Er hoffe, dass „das, was die Bayerische Repräsentanz in Prag symbolisiert, jetzt auch konkretisiert wird“. Sollte das noch eine Weile dauern, schwebt dem Oberbürgermeister eine kurzfristige Lösung vor: ein EU-Projekt nach dem Vorbild anderer Grenzregionen. Für die Übergangszeit könnten Mehrkosten, die bei der Behandlung tschechischer Patienten in Selb entstehen, aus Fördertöpfen der Europäischen Union gedeckt werden. An der deutsch-österreichischen Grenze zum Beispiel gebe es bereits ein solches Projekt.

Ob die Versicherungen den Kommunen entgegenkommen oder die EU helfen soll – Pötzsch rechnet damit, dass sich bis Ende des Jahres etwas bewegt. Auch die Bürger in Selb interessieren sich seinen Worten zufolge für das Thema: „Man verbringt viel Zeit gemeinsam, in Vereinen, bei der Arbeit oder bei anderen Aktivitäten entwickeln sich Freundschaften über die Grenze hinweg“, so der Oberbürgermeister. Daher würden auch die Probleme im Gesundheitsbereich vielen auffallen. Sollten Aš und Selb sie erfolgreich lösen, glaubt Blažek, dann könnten auch andere grenznahe Orte in der Region profitieren. Denn nicht nur für Aš wird es immer schwieriger, die ärztliche Versorgung der Bürger sicherzustellen.



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