Warten auf Kafka
Literatur

Warten auf Kafka

Martin Becker lädt zu einem Kneipenabend in die tschechische Literaturgeschichte. Warum sein Mix aus Prosa und Essaysammlung nur stellenweise unterhaltsam ist

20. 12. 2019 - Text: Helge Hommers, Titelbild: mnm.all

Petr redet in Reimen. Ständig und überall, wie aus einem Zwang heraus. Dabei ist Petr im Grunde genommen alles andere als ein Dichter: Statt mit Versen verdient er sein Geld mit Abfall, denn er arbeitet als Müllsortierer. Seine Freizeit verbringt er am liebsten holzhackend auf seinem abgelegenen Hof in einem kleinen tschechischen Dorf. Ab und an steht er auf der Bühne und improvisiert – zu lesen gibt es jedoch nichts von ihm.

Der dauerreimende Petr ist der unbekannteste – und deshalb auch spannendste – der vielen Wortkünstler, die Martin Becker in „Warten auf Kafka“ porträtiert. Sein 224 Seiten langer Mix aus Essaysammlung und Prosa nimmt den Leser mit auf „eine literarische Seelenkunde Tschechiens“, wie es im Untertitel heißt. Den Rahmen für den Ausflug bildet ein biergetränkter Kneipenabend in Prag, an dem der Erzähler zudem von seiner eigenen Geschichte berichtet.

Schon als Kind hat sich Becker, der 1982 im von Prag fast 500 Kilometer entfernten Sauerland zur Welt kam, dank Pan Tau und Aschenbrödels Haselnüssen in die tschechische Erzählkultur verliebt. Und auch in die Menschen, die dort leben, diese, so schreibt Becker, „fröhlichen und verrückten Scharen von Außenseitern und Getriebenen, diese unüberschaubare Zahl an kleinen und großen Verlierern, die ihrer Existenz dennoch ein Stück Würde abgewinnen können und die mit einer enormen Zuneigung beschrieben sind“.

Martin Becker | © DTZF

Wenn Becker von Tschechien, seinen Kneipen und seinen Literaten schreibt, ist seine Begeisterung mit jedem Wort spürbar. Ebenso, wenn sein Erzähler die eigenen Erlebnisse und Eindrücke aus seiner Prager Sturm-und-Drang-Zeit wiedergibt. Sogar dann noch, wenn er der Stadt wegen eines Schicksalsschlages eigentlich den Rücken kehren will: „Ich lief über das Kopfsteinpflaster und musste zugeben, dass sich die Schönheit selbst bei äußerst schlechter Laune nicht wegleugnen ließ.“ Er konstatiert: „Ich konnte mich wehren, wie ich wollte, es gefiel mir, was ich sah. Es gefiel mir sehr.“

Leider erweckt die übergeordnete und als roter Faden dienende Rahmenhandlung den Eindruck, vor allem Mittel zum Zweck – sprich: des Verbindens der Porträts – zu sein. Denn die Geschichte des Erzählers, den eine mysteriöse Organisation, die an Kafkas „Der Prozess“ erinnert, nach Prag einlädt und dort mit seltsamen Aufträgen zuschustert, kommt eher langweilig und zu gewollt absurd daher.

Auch wenn die Prosaerzählung auf der Metaebene nicht zu fesseln vermag, macht die Lektüre Lust, die von Becker vorgestellten Klassiker noch einmal zur Hand zu nehmen. Neue Facetten, die über Altbekanntes hinausreichen, finden sich in den Essays jedoch kaum. Es sind vielmehr Beckers in jeder Zeile mitschwingende Begeisterung, sein Wissen über die Autoren und ihre Werke sowie die Schilderung der Bedeutung, welche die Bücher für ihn haben, von der man sich leicht mitreißen lässt.

Martin Becker: Warten auf Kafka Luchterhand Literaturverlag, München 2019, 224 Seiten, 16 Euro



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