Vom „Papierenen“, der nicht kämpfen wollte

Vom „Papierenen“, der nicht kämpfen wollte

Fußballlegende Matthias Sindelar war Kapitän des österreichischen Wunderteams. Sein Leben gibt heute noch Rätsel auf

10. 8. 2016 - Text: Helge HommersText: Helge Hommers; Foto: Librofútbol

Am Morgen des 23. Januar 1939 wird der Ausnahmefußballer Matthias Sindelar leblos in seinem Bett im Wiener Bezirk Favoriten aufgefunden. Seine Freundin, die neben ihm liegt, stirbt am Tag darauf. Laut Polizei­bericht trat der Tod des gebürtigen Mähren durch eine Kohlenmonoxidvergiftung ein, die ein schadhafter Ofen verursacht hatte. Doch es häufen sich Zweifel: Der Kamin weist nach Ansicht der Ermittler keine Defekte auf; einen Selbstmord schließen Sindelars Bekannte aus. Ob es sich um ein Unglück, Suizid oder gar Mord handelt, bleibt auch über 75 Jahre später ungeklärt. Fakt ist, dass die NSDAP, die nach dem Anschluss Österreichs seit knapp zehn Monaten die „Ostmark“ regierte, den Tod des Idols für ihre Propa­ganda nutzen wollte. Der Plan ging allerdings nicht auf. Zwar begleiteten die als Staatsakt inszenierte Beerdigung mehr als 15.000 Menschen. Die Anwesenden wussten jedoch, dass Sindelar das NS-Regime stets abgelehnt hatte – und trotz zahlreicher Abwerbungsversuche auch nie für die reichsdeutsche Nationalmannschaft auflief.

Die Wurzeln des mehrfach als bester österreichischer Fußballer des 20. Jahrhunderts ausgezeichneten Stürmers finden sich im heutigen Kozlov (Koslau). Bei Sindelars Geburt im Jahr 1903 gehört das nur wenige Kilometer von Jihlava (Iglau) gelegene Dorf noch zu Österreich-Ungarn. Das wenige Geld, das der Vater als Maurer verdient, reicht gerade so zum Überleben. Daher zieht die sechsköpfige Familie in den Wiener Arbeiterbezirk Favoriten, in dem arme Böhmen, Mähren und Ungarn leben. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird der Vater eingezogen – und fällt. Der damals 14-jährige Matthias beginnt daraufhin eine Schlosserlehre, um das dürftige Einkommen seiner Mutter aufzubessern. Ablenkung vom tristen Nachkriegsalltag verspricht der Fußball, dem der einzige Junge unter vier Geschwistern jede freie Minute schenkt.

Ein Lehrer erkennt das Talent des eher schmächtigen Sindelars, dessen Vereinskarriere im Jahr 1918 beim Amateurklub ASV Hertha beginnt. Die Fans taufen ihn aufgrund seiner ungewöhnlichen Statur, wegen der Sindelar nahezu jedem Zweikampf aus dem Weg geht, auf den Spitznamen „Der Papierene“. Er sollte ihn während seiner gesamten Laufbahn begleiten. Dank seines technisch versierten und überraschenden Spielstils gelingt ihm der Durchbruch. Beinahe wäre seine noch junge Karriere schnell beendet gewesen, als sich Sindelar beim Baden den Meniskus verletzt. Er übersteht die nötige Operation und läuft von da an nur noch mit einem Kniestrumpf auf, der zu seinem Markenzeichen wird.

Mit 21 Jahren wechselt er zu den Amateuren Wien – ab 1926 nennt sich der Verein Austria Wien – obwohl der amtierende Meister ihn nur gezwungenermaßen in seinen Reihen aufnimmt. Denn das Interesse Austrias galt zwei Mitspielern Sindelars, den die Verantwortlichen als „zu schwächlich“ abstempelten. Doch die Teamkollegen wollen nicht ohne ihren Freund gehen und erzwingen Sindelars Verpflichtung – ein Glücksgriff, wie sich bald herausstellen sollte. Der Neuzugang wird schnell Stammspieler und kann, anders als in Deutschland, wo nur geringe Aufwandsentschädigungen für die Amateurspieler gezahlt werden, von seinem Gehalt als Profifußballer leben.

Sindelar wird zum Aushänge­schild des Vereins und Publikumsliebling, der die gegnerischen Verteidiger gerne bloßstellt und mit ihnen „Katz und Maus“ spielt. Zugleich verkörpert er die klassischen Wiener Tugenden wie Leichtigkeit und Grazie, weshalb ihn die Kaffeehaus-Intellektuellen als „Künstler am Ball“ bezeichnen. Einer dieser Bewunderer war der Schriftsteller Friedrich Torberg, der über sein Idol schrieb: „Er spielte Fußball wie kein Zweiter, er stak voll Witz und Phantasie. Er spielte lässig, leicht und heiter, er spielte stets, er kämpfte nie.“

Im Jahr 1926 erfolgt die Nominierung für das österreichische Nationalteam. Sindelar debütiert in Prag gegen die Tschechoslowakei, die seine Mannschaft mit 2:1 bezwingt – den Siegtreffer erzielt ausgerechnet der Debütant. Auch in den nächsten Partien trifft der Stürmer, der das Rampenlicht scheut. So soll Sindelar nach einem Länderspiel vom schwedischen König angesprochen worden sein, woraufhin er beharrlich schwieg. Erst auf die Frage, wie es ihm denn in Schweden gefalle, antwortete er mit „Ja“. Kurz darauf resümierte er: „Oba dass i’ deshalb gleich a Red’ halten hob müssen.“

Im Verein hingegen geht es bergauf und bergab. Zwar trifft Sindelar wie am Fließband, doch in der österreichischen Liga reicht es häufig nur für Platzierungen im Mittelfeld. Im Pokal ist Austria ungleich erfolgreicher und qualifiziert sich regelmäßig für den Mitropapokal, der als Vorgänger der Champions League gilt. 1933 gelingt sogar der Finaleinzug, nachdem Slavia Prag trotz 1:3-Auswärtsniederlage bezwungen wurde. Gegen das favorisierte Inter Mailand rechnen sich Sindelar und sein Team nur wenig Chancen aus. Doch dank dreier Tore des Starspielers siegt Austria nach einem 1:2 im Hinspiel mit 3:1 im Rückspiel und krönt sich erstmals zum „König Europas“.

Auch 1936 gelingt der Titelgewinn, nachdem man sich zuhause torlos von Sparta Prag trennt, im Letná-Stadion vor über 60.000 Zuschauern aber mit 1:0 gewinnt. Bereits zuvor köderte ihn Slavia jahrelang mit einem immensen Handgeld, doch Sindelar blieb seiner Austria treu. Und auch ein Angebot des Vereins Arsenal London, der ihn mit 40.000 britischen Pfund umwarb, schlug er aus.

Sindelar verdient als einer der ersten Sportler Geld durch Einnahmen als Werbefigur und bewirbt unter anderem einen Joghurt, Bälle und Anzüge mit dem Namen Sindelar-Ulster. Und er wird Filmstar: In der Komödie „Roxy und ihr Wunderteam“ spielt Sindelar eine der Hauptrollen.
Im Nationaldress erhält seine Karriere einen unerwarteten Dämpfer: Nach einem 0:5-­Debakel gegen eine süddeutsche Auswahl fliegt Sindelar aus der Mannschaft. Österreichs Konzept der überragenden Ballführung, der spielerischen Leichtigkeit und dem Täuschen der Gegner war nicht aufgegangen. Nationaltrainer Hugo Meisl kritisierte das sogenannte „Scheiberlspiel“ seiner Mannen, woraufhin Sindelar das Wort ergriff: „Wissen S‘, Herr Hugo, warum mia ned g‘wonnen haben? Mia hätt‘n no mehr ,scheiberln‘ müssen.“

Erst zwei Jahre später kehrt Sindelar in die Nationalelf zurück, die als Außenseiter in einem Freundschaftsspiel gegen Schottland antritt. Völlig überraschend siegt Österreich mit 5:0; das „Wunderteam“ ist geboren. Sindelar und seine Mannschaft feiern Erfolg um Erfolg und schießen sich zu zahlreichen Kantersiegen. Nichts weniger als der Titel wird von der Elf erwartet, die 1934 zur WM nach Italien reist. Doch ohne sieben Stammspieler und beide Trainer, die wegen der hohen Fahrt­kosten zuhause bleiben, schleppt sich die Mannschaft regelrecht ins Halbfinale. Dort trifft das Team um Kapitän Sindelar auf Mussolinis Mannen, die unter skandalösen Umständen mit 1:0 gewinnen. Unter anderem köpfte der Schiedsrichter eine scharfe österreichische Flanke aus dem Strafraum und entschied auf Tor für den Gastgeber, obwohl Torhüter Peter Platzer, von einem Foul stark benommen, über die Linie gedrückt wurde.

Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 wird die erfolgreiche Nationalmannschaft aufgelöst. Ein sogenanntes „Anschlussspiel“ im Wiener Stadion soll die Fusion des Teams mit dem „Deutschen Reich“ symbo­lisieren. Die Gastgeber um ihren 35-jährigen Kapitän Sindelar sind klar überlegen – und doch steht es lange 0:0. Denn offensichtlich ist den Hausherren das Gewinnen untersagt. Doch mit den schlampig vergebenen Chancen verhöhnen sie die versammelten NS-Größen nur noch mehr. Nach Wiederanpfiff das gleiche Bild: Die Österreicher bleiben am Drücker – aber nun nutzen sie ihre Chancen. Das 1:0 erzielt Sindelar, der seinen Treffer ausgelassen und provokant vor den auf der Ehrentribüne sitzenden neuen Machthabern feiert. Die Partie endet 2:0 und insofern mit einer Blamage für NS-Deutschland. Gleichzeitig ist es das letzte Länderspiel Sindelars, der Sepp Herbergers Nominierung für die WM 1938 in den Wind schlägt. Auch für Austria streift er sich nur wenige Monate später das letzte Mal das Trikot über, da alle laufenden Profi-­Verträge gekündigt werden.

Sindelar arrangiert sich nur schwer mit den neuen Verhältnissen. Nachdem Austrias jüdischer Präsident Michl Schwarz entlassen wird, ruft ihm Sindelar zu: „Der neiche Vereinsführer hat uns verboten, dass ma Ihna griaß’n. I’ wer Ihna oba immer griaß’n, Herr Doktor!“ Obwohl die Nazis wiederholt an ihn herantreten, lehnt Sindelar eine Mitgliedschaft in der Partei ab, deren Ideologie er verachtet. Auch die antisemitische Propaganda verabscheut er und bleibt seiner jüdischen Freundin Camilla Castagnola, die bald darauf neben ihm sterben wird, trotz der widrigen Umstände treu.

Im Jahr 2003 bekommt sein Heldenstatus Risse. Es wird bekannt, dass sich Sindelar kurz nach dem Ende seiner Karriere ein zweites Standbein aufbaute und ein Café eröffnete. Dessen Vorbesitzer war ein Jude, der später im Konzentrationslager in Theresienstadt umkam und nur unter Gewaltandrohung weit unter Marktwert verkaufte. Das „arisierte“ Café ging drei Monate später in Sindelars Besitz über, der es für 20.000 Reichsmark erwarb und damit ein vielversprechendes Geschäft abschloss.

Von einer erzwungen Enteignung auf Initiative Sindelars, wie einige Historiker mutmaßen, kann jedoch keine Rede sein. Ein Ausnahmefußballer vom Rang eines Weltstars hätte sich dank seiner Kontakte auf anderen Wegen ein Café in einem wesentlich attraktiveren Stadtteil als dem Arbeiterbezirk Favoriten aneignen können. Fürsprecher Sindelars vermuten eher, dass die Fußballlegende das Café des jüdischen Vorbesitzers, mit dem er befreundet und dessen Stammkunde er gewesen war, in guten Händen wissen wollte und daher den Kauf erwog. Letzt­endlich bleibt Sindelars Verhalten auch 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Rätsel. Denn dem „Anschluss“ hatte er angeblich zugestimmt.

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