Vom Leben am Rande

Vom Leben am Rande

Auf der Prager Burg zeigt eine Retrospektive das Werk Jaroslav Kučeras

3. 7. 2013 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: Jaroslav Kučera

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Der Titel könnte treffender nicht sein: „Wie ich Menschen begegnete“ („Jak jsem potkal lidi“). So lautet der Name der Ausstellung im Theresien-Flügel der Prager Burg, die sich dem Schaffen von Jaroslav Kučera widmet. Der 67-Jährige gilt als der führende und stilbildende Fotograf sozialer Motive in Tschechien. Kaum einer schafft es hierzulande, intime Szenerien so eindringlich und doch unprätentiös einzufangen wie der gelernte Ingenieur.
1946 nahe Litoměřice in Nordböhmen geboren, zog es den jungen Jaroslav bald nach dem Abitur nach Mělník, um dort den ersten Teil seiner Studien in Ingenieurwesen zu absolvieren. 1967 wechselte er nach Prag an die Technische Universität. Die Ereignisse rund um den Prager Frühling prägten ihn entscheidend. Er ging mit auf die Straße, um gegen die sowjetische Okkupation zu protestieren. Die Mitgründung eines studentischen Foto-Klubs im Jahr 1969 legte Zeugnis seiner eigentlichen Leidenschaft ab: die Dokumentation und Wiedergabe menschlichen Daseins. Für diese ging Kučera bald auch ins Gefängnis. Den Machthabern während der „Normalisierung“, wie die Periode nach dem Prager Frühling genannt wurde, gefiel es nicht, wie die jungen Fotografen die Proteste zum Jahrestag der Niederschlagung dokumentieren wollten. Oder dass sie es überhaupt taten.

Stoisch und schicksalergeben
Nach seiner Freilassung schloss Kučera 1973 sein Studium ab und arbeitete fortan freiberuflich als Fotograf. Vor allem jene Werke aus den siebziger Jahren sind es, die den Besucher der Retrospektive in den Bann zu ziehen vermögen. Wirken sie doch wie Zeugen einer fernen Vergangenheit, in der Menschen, entrückt ihrer politischen Selbstbestimmung, ihr Schicksal in einem autoritären Staat anscheinend stoisch auf sich nehmen. Oft sind es Menschen vom Rand der Gesellschaft, die Kučera porträtiert: Alkohol- und Drogenabhängige, Gauner, Prostituierte und Obdachlose. Ihr Leben und Alltag nimmt er so schonungslos wie poetisch in den Fokus seiner Kamera. Es kommt einem dabei vor, als würde man in ein privates Familienalbum blicken. Kučera ist einer der wenigen tschechischen Fotografen, die einen Zugang zur persönlichsten Welt eines jeden Mitmenschen finden können“, so Daniela Mrázková, Kunsthistorikerin und Direktorin von „Czech Press Photo“ zu Kučeras künstlerischem Ansatz.

In der Tat hat man beim Gang durch die Schau stets das Gefühl, mittendrin zu sein in den Lebenswelten der Protagonisten. Man kann das Fluchen des alten bärtigen Obdachlosen beinahe hören, wenn man in sein wütendes und faltiges Gesicht schaut – oder den verzweifelten Seufzer des Bier trinkenden Arbeiters mit Schiebermütze.
Beeindruckend sind auch Kučeras Aufnahmen der Samtenen Revolution 1989. Nicht zuletzt dank jener Schwarz-Weiß-Fotografien mit Havel und Dubček erlangte er nationale Berühmtheit. Seine späteren Zyklen „Armes Sudetenland“ oder „So ist Prag“ überzeugen vor allem durch ihre sozialkritische Komponente. Sie gehören zu Kučeras unverblümtesten und authentischsten Aufnahmen aus einem Land, aus dem er „immer einen Fuß außerhalb der Grenzen hatte“, es aber doch nicht über sich brachte, ihm den Rücken zuzukehren und auszuwandern. Angesichts dieser beinahe lückenlosen Dokumentation tschechischen beziehungsweise tschechoslowakischen Lebens der vergangenen 40 Jahre kann man als Betrachter der Ausstellung nur froh darüber sein.

Jaroslav Kučera – Wie ich Menschen begegnete. Theresien-Flügel der Prager Burg (Pražský Hrad – hradní areál, Prag 1); geöffnet: täglich 10–18 Uhr, Eintritt: 100 CZK (ermäßigt 50 CZK), bis 18. August