„Vieles hat sich extrem verändert“
Interview

„Vieles hat sich extrem verändert“

Christian Neureuther zählte in den Siebzigern zu den besten Skirennläufern der Welt. Seine Familie wohnte einst in Prag

29. 1. 2020 - Interview: Klaus Hanisch, Titelbild: blu-news.org, CC BY-SA 2.0

PZ: Sie errangen auf Ihrer Hausstrecke in Garmisch-Partenkirchen 1974 einen Ihrer sechs Weltcup-Siege. Am Wochenende macht der Weltcup dort wieder Station. Wie nah sind Sie heute noch dran am Weltcup-Geschehen?
Christian Neureuther: Ich habe immer mitgeholfen, etwa bei der Ski-WM 2011, wo ich viele Bereiche abgedeckt habe, auch Medien oder Kultur. Damals war auch die Aufarbeitung der Olympischen Spiele 1936 in Garmisch während des Dritten Reichs ein wichtiges Thema. Ich fühle mich sehr wohl dabei, die Freude am Sport und speziell auch am Skirennsport weiter zu transportieren. Dafür bringe ich mich bis heute gerne mit Rat und Tat ein.

Wenn Sie den Ski-Zirkus heute mit Ihrer aktiven Zeit in den Siebzigern vergleichen: Was hat sich vor allem verändert?
Die Faszination der Rennläufer und die Begeisterung für den Sport ist immer die Gleiche, das Herzblut, was ein Läufer mitbringen muss. Daneben hat sich in all diesen Jahren aber natürlich extrem viel verändert: Die Professionalisierung, die Medienlandschaft, die Vermarktungsmöglichkeiten. Wir haben damals keine Prämien bekommen und durften keine Werbung machen. Und dass es heute viel mehr Sportarten gibt. Früher gab es Alpin und dann noch Langlauf, aber auch nicht so richtig. Dazu noch Skispringen. Heute gibt es eine ungeheure Vielfalt, viele neue Trendsportarten. Trotzdem ist Ski alpin für mich immer noch die zentrale Sportart des Winters, wie zu meiner Zeit schon. Deshalb wird auch der alpine Skifahrer weltweit am stärksten beachtet. Selbst in China will der Präsident etwa 300 Millionen Menschen zum Skifahren bringen. Daran sieht man, welches Potenzial der Skisport hat.

Und wie hat sich der Sportler geändert?
Skirennläufer sind heute viel kräftigere Athleten. Wir waren früher zaundürr und sehr flink, Kraft hat lange nicht diese Rolle gespielt. Die Skier haben sich gewaltig verändert, weniger die für die Abfahrt als die für Riesenslalom und Slalom. Wir sind früher mit 2,07 Meter langen Brettern gefahren, heute sind sie 1,65 Meter im Slalom. Damit sind ganz andere Radien mit gleicher Geschwindigkeit möglich. Aber das Material ist auch viel gefährlicher für Verletzungen als zu meiner Zeit. Das kommt durch die Dämpfung der Skier, durch Platten, die darauf montiert werden, durch Zentrifugalkräfte, die auf die Gelenke gehen. Es gibt so gut wie keinen Rennläufer, der nicht einen oder zwei Kreuzband-OPs hatte, Schulterbrüche, Bandscheibenvorfälle. Ski alpin ist eine der gefährlichsten Sportarten, die ich kenne.

Skirennläufer Alexis Pinturault | © CNOSF/KMSP, CC BY-NC-ND 2.0

Sie waren ein großartiger Slalomfahrer, aber Ihre Mutter Gretl freute sich aus Sorge um Sie über jedes ausgefallene Abfahrtsrennen, wie zu lesen war. War das auch für Sie immer ein Risiko, weil Sie deutlich weniger Gewicht hatten als damals große Abfahrer wie Franz Klammer oder Bernhard Russi?
Ich bin sehr gerne Abfahrt gefahren. Aber ich war kein Abfahrtstyp. Zu gleiten, das lag mir einfach nicht. Sehr typisch für Slalomfahrer. Auch das muss man permanent üben und ein Gefühl dafür entwickeln. Und wenn man viel Slalom fährt, verliert man es wieder. Zu meiner Zeit gab es schon eine starke Spezialisierung, aber heute ist sie noch extremer. Dass Abfahrer mal einen Slalom gewinnen könnten, hat sich von den sechziger Jahren, wo man noch alle drei Disziplinen fuhr, über meine Zeit bis in die Achtziger stark verändert. Wobei man allerdings Marc Girardelli nicht vergessen darf, der alle Disziplinen gewann. Deshalb hat man ja auch den Super-G erfunden, um den Speedfahrern eine weitere Möglichkeit für einen Sieg zu bieten.

Gretl Neureuther, geborene Nonnenbruch, war in ihrer Kindheit Turnerin in Smíchov. Hat sie Ihnen von ihrer Kindheit in Prag erzählt?
Meine Mutter hat sehr viel von Prag erzählt. Sie hat dort ihr Abitur auf Tschechisch gemacht, war deutsche Studentenmeisterin im Skifahren. Die ganze Familie war immer sehr sportaffin. Mein Großvater war Leiter der Universitätsklinik in Prag. Weil er so bergfanatisch war, hat er sich frühzeitig ein Berghaus in der Nähe von Garmisch gebaut. Dort sind sie oft hingefahren und nach dem Krieg, als die Großeltern alles verloren hatten, auch hingeflohen, wo sie sich eine neue Existenz aufgebaut haben.

Ihre Großmutter Theodora führte in Prag einen großen Haushalt, hatte Dienstpersonal, gab Gesellschaften. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Meine Großmutter war immer sehr prägend für unsere Familie, für mich und auch für meine Frau, weil sie eine einzigartige Persönlichkeit war. Mir ist vor allem in Erinnerung geblieben, dass sie das kulturelle Leben von Prag mitbestimmt hat. Sie gab abends Konzerte, dort spielte zum Beispiel immer wieder die berühmte Pianistin Elly Ney.

In ihrem Buch „Fröhlich bin ich sowieso“ beschrieb Ihre Frau liebevoll, dass Ihre Großmutter bei Wanderungen immer Goethe dabei hatte – weil sie dann wenigstens Faust lesen könne, wenn sie in eine Gletscherspalte falle. Können Sie noch heute Gedichte auswendig, die Sie damals von ihr lernten?
Ja, „Der alte Brunnen“ von Hans Carossa: Lösch aus dein Licht und schlaf! / Das immer wache Geplätscher nur vom alten Brunnen tönt. / Wer aber Gast war unter meinem Dache, / hat sich stets bald an diesen Ton gewöhnt. Ich will es nicht zu lange machen. Gedichte, die mir meine Großmutter als Kind vorgelesen hat, die wir auswendig gelernt haben, vergisst man bis ins Alter nicht. Das wird vielen Menschen so gehen. Ich bin froh, dass ich so lange an so schöne Erlebnisse zurückdenken kann.

Ihre Großmutter führte sogar Buch darüber, welcher Gast wie viel Zucker in seinem Tee wünsche und wer lieber Milch nehme. Sind Sie mal in Prag gewesen?
Nein, und das ist eines der Versäumnisse meines Lebens, das ich auf jeden Fall noch nachholen will, gemeinsam mit meiner Frau. Eigentlich nicht zu glauben: Ich war überall auf der Welt, aber noch nie in Prag. Obwohl ich mit tschechischen Skifahrern immer sehr gute Erfahrungen gemacht habe, die waren sehr offen, sehr gebildet, sehr angenehm. Ich will dorthin, um auf den Spuren der Vorfahren zu wandern und zurückzudenken, was dort gewesen ist und möglich war. Aber auch wegen der tollen Leistungen der Tschechen. Prag ist bis heute eine Stadt mit großer Kultur und Bedeutung. Das konnte auch ein Sozialismus zum Glück nicht wegradieren.

Es würde Sie also nicht schmerzen, die früheren Stätten Ihrer Familie aufzusuchen?
Nein, das wäre für mich überhaupt nicht schmerzhaft. Es ist Geschichte und die Zeit bringt Umwälzungen mit sich. Bei Schmerz denke ich an „75 Jahre Auschwitz“ und auch daran, was mit dem tschechischen Volk passiert ist. Das ist Schmerz für mich! Meine Familie hat zwar viel verloren, aber wir haben keinen Menschen verloren. Wenn man Familienmitglieder verliert und solche Grausamkeiten erfahren hat – das ist Schmerz, den man nicht mehr loswerden kann. Meine Familie hatte dagegen Glück, dass sie wieder Fuß fassen konnte. Ich bin dankbar dafür, welch tolle Jugend mir meine Eltern und Großeltern ermöglich haben. Dass sie mir den Sport nähergebracht und mich letztlich „in die Berge hinein“ geboren haben.

Garmisch mit Zugspitze | © Markus Jaschke, CC BY-NC 2.0

Ihr Vater hatte Ihnen angeblich von einer Rennkarriere abgeraten. Haben Sie Ihrem Sohn Felix zugeraten, in den Skisport zu gehen?
Direkt abgeraten hat mir mein Vater nicht. Aber ich komme aus einer Akademikerfamilie, alle sind Ärzte. Da kam es zunächst nicht gut an, dass der Sohn nicht Medizin studieren, sondern lieber Skirennen fahren wollte. Da aber beide Elternteile vom Sport sehr begeistert waren, haben sie mich doch immer unterstützt. Immerhin musste ich Abitur machen, das ich sonst wahrscheinlich auch geschmissen hätte. Dann begann ich, Medizin zu studieren, habe das aber schnell gelassen, weil der Skisport einfach zu schön war.

Wie weit übertrug sich dies auf Ihren Sohn?
Dem Felix ging es ähnlich. Er wollte auch keine Schule abschließen, dafür nur Skirennen fahren. Er musste aber auch sein Abitur machen – und heute ist er dem Vater genauso dankbar wie ich damals meinem Vater. Doch meine Frau und ich hatten immer die Einstellung, dass man Kinder dort fördern muss und sollte, wo sie ihre Leidenschaften haben. Dann werden sie auch erfolgreich sein und Spaß haben. Insofern haben wir Felix zwar geführt, aber auch unterstützt.

Felix Neureuther | © aquablue71, CC BY-ND 2.0

Sie haben trotz vieler Erfolge keine große Medaille bei Olympia oder einer WM gewonnen. Hat Sie das damals geärgert, ärgert es Sie vielleicht heute noch?
Man trägt in seinem Leben manches „Packerl“ auf dem Buckel mit sich herum – und ein „Packerl“ ist eben, dass diese Medaille einfach nicht herkommen wollte. Ich war vielleicht einfach nicht der Typ für diese Situationen. Ich bin äußerst sensibel und hatte möglicherweise nicht die Robustheit, um mir in diesen Momenten gnadenlos die Medaillen schnappen zu wollen. Manche Dinge ergeben sich einfach nicht, auch wenn man an solch einem Tag dazu in der Lage wäre. In Lake Placid habe ich eine Medaille wegen ein paar Hundertstel verpasst. Nur, weil mir im ersten Durchgang eine Slalomstange hinterher rollen und unbedingt unter meinen Ski geraten musste, damit ich stürze und diese Hundertstel verliere. Das hat man nicht im Griff, es liegt einfach in der Struktur eines Menschen.

Letztes Jahr sind Sie 70 geworden. Macht dies einem ehemaligen Spitzensportler Sorge oder sind Sie noch sozusagen fit wie ein Rennschuh?
Ich habe gerade das Buch „Never give up“ geschrieben. Es geht darum, dass Menschen mit Beeinträchtigungen wie Arthrose nicht zurückschauen sollen, sondern immer nach vorne und sich an dem erfreuen sollen, was noch geht. Mit 70 kann man eben nicht mehr einen Felsen runterspringen wie mit 20 oder 30, und dabei noch juchzen. Heute fahre ich an solchen Felsen vorbei und denke mir: Cool, da bist du mal runtergesprungen. Man muss akzeptieren, dass es heute Einschränkungen gibt und immer wieder Wege finden, um schöne Erlebnisse und neue Sachen zu entdecken. Und dafür gibt es unendlich viele Möglichkeiten.

Seit 1980 sind Sie mit der früheren Skirennläuferin und zweifachen Olympiasiegerin Rosi Mittermaier verheiratet. Im August wird Ihre Frau 70. Haben Sie schon Pläne für den Tag, sich gar eine Überraschung für sie überlegt?
Überraschung ist schwierig, die hatten wir schon zu ihrem 60. (lacht) Sie ist äußerst angespannt, dass nicht wieder irgendwas passiert. Geburtstage muss man feiern, gerade in dem Alter, vor allem um Freunde und Familie zusammenzuholen und damit man sich sieht. Überhaupt sind Feste ganz wichtig im Leben als Erinnerungspunkte. Ehrlich gesagt, haben wir noch nichts geplant. Aber Rosi ist sowieso nur wichtig, dass es familiär wird, intern und ohne Medien, sehr familienbewusst – und warum sollen wir ihr diesen Wunsch nicht erfüllen …

Neureuther mit seiner Frau und Eiskunstläuferin Savchenko | © Sandro Halank, CC BY-SA 3.0


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