Vermittler auf der Suche nach Anerkennung

Vermittler auf der Suche nach Anerkennung

Ein Prager Verein für interkulturelle Arbeit will den Beruf der Migrationshelfer etablieren

10. 6. 2015 - Text: Sophie KohoutekText: Sophie Kohoutek; Foto: Michal Barbuščák

Mietvertrag, Arbeitserlaubnis, Bankkonto, und das alles auf Tschechisch: Wer aus dem nichteuropäischen Ausland nach Tschechien zieht, steht vor einer Menge Herausforderungen. Helfen können interkulturelle Arbeiter, die auf die Betreuung von Migranten spezialisiert sind. Während sich eine solche Unterstützung für Neuankömmlinge zum Beispiel in Deutschland bereits etabliert hat – und von den Kommunen finanziell gefördert wird – ist die Arbeit mit Migranten hierzulande ein vergleichsweise junger Berufszweig, der noch um Anerkennung und Gelder kämpft.

Der Prager Verein für interkulturelle Arbeit (Asociace pro interkulturní práce) engagiert Migranten, meist erster Generation, die anderen Einwanderern zur Seite stehen. Sie erklären ihren Klienten, was sie bei Behördengängen beachten müssen und springen als Übersetzer ein. Außerdem unterstützen sie Neuankömmlinge bei der Wohnungssuche, bei Rechtsfragen oder anderen Problemen, die das Leben in einem neuen Land mit sich bringt.

Derzeit betreut der Verein, der im Herbst vergangenen Jahres gegründet wurde, hauptsächlich Menschen aus Kuba, Vietnam, Russland und Flüchtlinge aus der Ukraine. Nicht alle Klienten seien Asylbewerber, sagt Mitbegründerin Eva Dohnalová. Auch Ausländer, die zum Arbeiten oder Studieren nach Tschechien kommen, nehmen die Dienste der 24 Vereinsmitglieder in Anspruch. Einige Betreuer haben selbst einen Migrationshintergrund. Sie wissen oft aus eigener Erfahrung am besten, wie sie helfen können und werden so zu „qualifizierten Vermittlern, die sich kulturell und sprachlich in die Migranten hineinversetzen können“, wie die Sozialarbeiterin Dohnalová es formuliert. Ihr Ziel ist es, Zuwanderer stärker in den nichtstaatlichen Sektor der interkulturellen Arbeit einzubinden.

Nicht nur für Zuwanderer
Eine genaue Definition dessen, was ein „interkultureller Arbeiter“ hierzulande können muss, gibt es bisher nicht. Zwar engagieren einige Nichtregierungsorganisationen solche Kräfte. Sie müssen aber oft keine bestimmten Kompetenzen wie eine sozialwissenschaftliche Ausbildung oder Sprachkenntnisse nachweisen. Dohnalová setzt sich dafür ein, dass Qualifikationsstandards für den Beruf festgelegt werden. Vor kurzem hat sie einen Kurs organisiert, der die wichtigsten Kompetenzen für interkulturelle Arbeit zusammenfassen sollte. Die Teilnehmer lernten, zwischen den Kulturen zu vermitteln, erhielten aber auch einen Überblick über Rechtsfragen und Training fürs Dolmetschen. Von 29 Interessenten, die sich angemeldet hatten, schlossen 17 den Pilot-Kurs erfolgreich ab.

Auch die derzeit aktiven Helfer des Vereins für Interkulturelle Arbeit haben diese Ausbildung absolviert. Die meisten können ein Hochschulstudium vorweisen. Ihre Dienste bieten sie auf Spanisch, Englisch, Mongolisch, Vietnamesisch oder Russisch an. Interkulturelle Arbeit sei nicht nur eine Tätigkeit für Zuwanderer, betont Dohnalová, die momentan nicht selbst als Migrationshelferin im Einsatz ist. Stattdessen arbeitet sie daran, den Beruf in Tschechien zu etablieren. Dafür plant sie unter anderem einen runden Tisch mit Experten aus dem sozialen Bereich. Außerdem formuliert sie einen „ethischen Kodex“, der zur Richtschnur für den Umgang der Helfer mit ihren Klienten werden soll. Zusätzlich organisiert sie Workshops für Beamte, die oft zum ersten Mal mit dem Thema interkulturelle Arbeit konfrontiert werden.

Förderer gesucht
Die wichtigste und wohl schwierigste Aufgabe für die Pädagogin ist es, Fördergelder aufzutreiben. 350 Kronen (knapp 13 Euro) kostet eine Stunde ihrer Dienstleistungen. Aber ein mittelloser Migrant müsse das Geld nicht selbst bezahlen, sagt Dohnalová, und die Höhe sei nur ein Richtwert. Engagiert werden die Mitglieder ihres Vereins entweder direkt von Migranten, die Hilfe suchen, oder von Behörden, die Übersetzungshilfe brauchen. Würde sich zum Beispiel ein berufstätiger Amerikaner melden, müsste er für den Dienst bezahlen, sagt die Mitgründerin des Vereins. Ein mittelloser Flüchtling dagegen werde nicht zur Kasse gebeten.

Kostendeckend kann der Verein so nicht arbeiten. Zur Zeit bekommt er finanzielle Unterstützung aus einem Fonds für gemeinnützige Nichtregierungsorganisationen, in den Gelder aus Norwegen, Liechtenstein und Island fließen. Das Projekt läuft noch bis Frühling 2016. Um von der Förderung zu profitieren, musste sich Dohnalovás Organisation mit einem anderen Verein zusammenschließen.

In Zukunft möchte der Verein nicht nur von Zuschüssen abhängig sein. Ziel sei es, dass die Rathäuser der Stadtteile ihre Dienste bezahlen. Einen ersten Erfolg konnte Dohnalová in Prag 3 verzeichnen. Der Stadtbezirk hat sich ein Budget zurechtgelegt, mit dem er für die Dienstleistungen der interkulturellen Arbeiter aufkommen will. Nun möchte Dohnalová das auch in anderen Bezirken durchsetzen. Außerdem könne der Verein im kommenden Jahr mit Zuschüssen aus dem Europäischen Sozialfonds rechnen, so die Pädagogin. Sie hofft, dass sie ihr Angebot dann ausweiten kann. Bisher seien die interkulturellen Arbeiter teilweise nur für zwölf Stunden pro Woche engagiert. Weil sie davon nicht leben können, sind einige nebenbei Sprachlehrer oder übernehmen andere Dolmetscheraufgaben. Wenn der europäische Fonds 2016 zusätzliche Gelder bereitstellt, könne sich die Organisation weiter ausdehnen, hofft die Mitgründerin.



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