Verehrt, verschmäht, vergessen

Verehrt, verschmäht, vergessen

Jan Hus und die Deutschen – vom Vorreiter der Revolution zum Volksfeind

2. 7. 2015 - Text: Friedrich GoedekingText: Friedrich Goedeking; Foto: Vor 100 Jahren wurde das Jan-Hus-Denkmal auf dem Altstädter Ring enthüllt./Leo Gonzales

Es dürfte manche Tschechen verwundern und wohl auch ärgern, wenn sie sehen, welch untergeordnete Rolle Jan Hus in der sogenannten Lutherdekade in Deutschland spielt, deren Höhepunkt das Reformationsjubiläum 2017 sein soll. Die deutschen Protestanten scheinen vergessen zu haben, dass Hus als Reformator nirgendwo so geehrt wurde wie im Deutschland zur Reformationszeit.

Bereits 1485 wird ein Traktat von Hus zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt und gedruckt. Zu Luthers Lebzeiten entstanden in der Malschule des Lukas Cranach Bilder von Hus – darunter ein Bild, auf dem Hus und Luther gemeinsam das Abendmahl austeilen. 1529 brachte der Melanchthon-Schüler Johann Agricola eine Übersetzung des Berichts von Petrus de Mladoniovicz über den Konstanzer Prozess heraus, der den Weg des Jan Hus zum Scheiterhaufen wie eine Passionsgeschichte schildert. Matthias Flacius, der bedeutendste lutherische Kirchenhistoriker seiner Zeit, veröffentlichte 1558 lateinische Schriften von Jan Hus in zwei Bänden. Flacius war davon überzeugt, dass Hus und Luther zwei Reformatoren von gleichem Rang gewesen seien.

„Wir sind alle Hussiten“
Das Interesse an Jan Hus geht vor allem auf Martin Luther zurück, der 1520 bekannte: „Wir sind alle Hussiten.“ Manche Forscher sehen nicht in Luthers Thesenanschlag gegen den Ablass 1517 den Bruch mit der katholischen Kirche und den eigentlichen Beginn der lutherischen Reformation, sondern in seiner Parteinahme für die Kirchenkritik des Jan Hus in der Leipziger Disputation mit Johannes Eck im Jahre 1519.

Für Eck war nicht die Ablasskritik und Rechtfertigungslehre Luthers entscheidend, sondern ob er dem Papst den Gehorsam verweigern würde. Als ihm sein katholischer Gegner vorwarf, ein Häretiker und Anhänger von Jan Hus zu sein, antwortete Luther – der ein Jahr zuvor die Hussiten selbst noch als Häretiker bezeichnet hatte: „Alle Artikel des Johann Hus, die das Konzil zu Konstanz verdammt hat, sind ganz christlich.“ Hus habe recht, wenn er den Papst den Antichrist genannt habe.

Prager Hussiten schickten daraufhin Luther das Hus-Traktat „Von der Kirche“ zu, mit der Bemerkung: „Was einst in Böhmen Jan Hus gewesen war, bist nunmehr Du, Martin, in Sachsen“. Nachdem Luther die Schrift gelesen hatte, bekannte er: „Ich Ahnungsloser habe bisher unwissentlich alles von Johannes Hus gelehrt und gehalten (…) Kurz: Wir sind alle Hussiten, ohne es gewusst zu haben, schließlich auch Paulus und Augustinus (…) Ich weiß vor Staunen nicht, was ich denken soll, wenn ich das schreckliche Urteil Gottes über die Menschen sehe, nämlich, dass die völlig offenbare evangelische Wahrheit, vor länger als 100 Jahren verbrannt, für verdammt gilt und man dies nicht bekennen darf.“ Luther ließ Hus’ Hauptwerk umgehend in einer Auflage von 2.000 Exemplaren drucken.

Vorurteile und Verachtung
Bis ins 19. Jahrhundert hielt die Hus-Verehrung in Deutschland an. Die deutschen Dichter des sogenannten Vormärz verehrten Hus als Vorkämpfer für die Gewissensfreiheit, und die Hussiten als Revolutionäre und Wegbereiter der Französischen Revolution.

Mit dem Aufkommen des tschechischen Nationalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird Jan Hus zum Vorkämpfer der Unabhängigkeit des tschechischen Volkes gegen die Deutschen. Darauf reagierten deutsche Autoren mit der Polemik, Hus sei ein Deutschenhasser und ein Todfeind der Deutschen gewesen. Als 1889 im böhmischen Landtag tschechische Abgeordnete den Antrag stellen, am heutigen Prager Nationalmuseum eine Gedenktafel zu Ehren von Jan Hus anzubringen, schmetterte der deutsch-böhmische Abgeordnete Fürst Karl von Schwarzenberg den Antrag mit der Begründung ab, die Hussiten seien „eine Räuber- und Mordbrennerbande gewesen.“

Sudetendeutsche Autoren wie Karl Hans Strobl bezeichneten 1925 Jan Hus „als einen der grimmigsten Feinde unseres Volkes“. Nach 1945 wurde Hus von Funktionären der Sudetendeutschen Landsmannschaft als Urheber der Vertreibung bezichtigt. Walter Becher, ein führender Vertreter der Vertriebenen, stellte Jan Hus noch 1990 mit Adolf Hitler auf eine Stufe.

Antitschechische Vorurteile prägten ab dem Ende des 19. Jahrhunderts das Hus-Bild auch im deutschen Protestantismus. Der renommierte Kirchenhistoriker Albert Hauck spricht von der Rechtgläubigkeit der Deutschen und dem Unglauben der Slawen und kommt zu dem Ergebnis: „Für Kirche und Christentum haben die Tschechen so wenig geleistet, wie die übrigen slawischen Stämme.“ Hus charakterisiert er als oberflächlich, egozentrisch und mäßig begabt. Er habe keinerlei theologische Originalität besessen, sondern – wie schon der deutsch-mährische evangelische Theologe Johann Loserth dargelegt habe – sein theologisches Programm von John Wyclif abgeschrieben.

Erste europäische Revolution
In der protestantischen Theologie des 20. Jahrhunderts wurde Jan Hus als Vorläufer Luthers und Vorreformator zur Randfigur, oder er geriet ganz in Vergessenheit. Die beiden herausragenden Theologen Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer erwähnen ihn mit keinem Wort.

Eine neue Sicht auf den Reformator eröffneten seit den achtziger Jahren vor allem tschechische Historiker, die sich in ihren Forschungen auf die religiösen Überzeugungen und die Theologie von Jan Hus konzentrierten.

Um die Gleichrangigkeit der böhmischen und der deutschen Reformation hervorzuheben, sprechen tschechische Forscher von der ersten und zweiten Reformation. Beide weisen zahlreiche Parallelen auf: Sie berufen sich auf die alleinige Autorität der Bibel, lehnen das Papsttum und die kirchliche Hierarchie ab, ebenso die Heiligenverehrung, den Ablass und den Reliquienkult. Ein wichtiges Anliegen ist ihnen die Übersetzung der Bibel und die Predigt in der jeweiligen Volkssprache.

Allerdings haben die Bewegungen auch ihre eigenen Schwerpunkte: Die erste Reformation legte den Fokus auf die Bergpredigt. Das Evangelium und die Weisungen Christi bildeten die Norm für die Lebensführung des einzelnen Gläubigen sowie für die Reform der Kirche und der Gesellschaft. Dagegen zielte Luthers Rechtfertigungslehre stärker auf das Individuum und seine Gewissheit, von Gott ohne eigene Leistungen geliebt und angenommen zu werden.

Jan Hus und seine Nachfolger haben sich stärker als das eher konservative Luthertum für eine Umgestaltung und Verbesserung der kirchlichen Strukturen und auch der gesellschaftlichen Ordnung eingesetzt. Deshalb wird die Epoche nach der Hinrichtung von Jan Hus von tschechischen Forschern als die Zeit der hussitischen Revolution und erste europäische Revolution bezeichnet.

Thesen von Jan Hus

1.    Allein die Bibel ist der Maßstab für die Kirche und die Christen.
2.    Die katholische Kirche mit ihrer Hierarchie und dem Papst als Oberhaupt kann sich nicht auf die Bibel berufen.
3.    Nicht der Papst, sondern Christus ist das Oberhaupt der Kirche.
4.    Zur Kirche gehören die von Gott auserwählten Christen.
5.    Die wahre Kirche verzichtet auf weltliche Macht und Besitz.
6.    Die Habgier und die Unmoral des Klerus ist ein Skandal.
7.    Dem Papst, den Kardinälen, den Bischöfen und den Priestern, die nicht nach den Weisungen Christi leben, ist ein Christ keinen Gehorsam schuldig.
8.    Auch weltlichen Herren kann ein Christ den Gehorsam verweigern, wenn die Anordnungen der Obrigkeit im Widerspruch zum Gesetz Gottes stehen.
9.    Mit dem Ablass, der Reliquienverehrung und erfundenen Wundern verleugnet die Kirche die Erlösung allein durch Christus.
10.    Predigten in der Volkssprache und der Gesang der Gemeinde sind feste Bestandteile eines Gottesdienstes.
11.    Laien, Frauen und Arme öffnen sich den Geboten Gottes oft eher als Theologen und reiche Menschen.
12.    Wer predigen will, dem sei es erlaubt. Er sei Laie oder Priester.



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