Ungewöhnliche Brieffreunde

Ungewöhnliche Brieffreunde

Werke von Jiří Kolář und Béatrice Bizot im Messepalast der Nationalgalerie

6. 2. 2013 - Text: Linda LorenzText: Linda Lorenz; Foto: NGP

 

Es klingt wie die Geschichte eines Liebesromans: Ein Mann und eine Frau schreiben sich über ein Jahr hinweg jeden Tag Briefe. Mal sind es Postkarten, ein anderes Mal Anekdoten oder Collagen. Die Künstler Jiří Kolář (1914–2002) und Béatrice Bizot (geboren 1966) pflegten solch eine Brieffreundschaft. Jedoch ist ihre Geschichte die einer außergewöhnlichen Beziehung. Die beiden lernten sich im Sommer 1986 in der Normandie kennen. Bizot, ein halbes Jahrhundert jünger als Kolář, wollte Journalistin werden. Er, aus der ehemaligen Tschechoslowakei nach Frankreich emigriert, war Dichter und bildender Künstler. Kolář erzählte der damals 20-Jährigen von seiner Frau Běla Helclová, die ihm in Zeiten des Exils jeden Tag Briefe schickte und somit ihren Schreibstil erheblich verbesserte. So vereinbarte das ungleiche Paar einen Deal: Sie sollte ihm ein Jahr lang Briefe schreiben und er sendete ihr im Gegenzug Collagen, die er extra für die junge Frau anfertigte. So entstanden 400 Bilder, die nun im Messepalast der Nationalgalerie ausgestellt sind. Ergänzt werden diese durch eine Auswahl der Briefe sowie Skulpturen Bizots – denn statt Journalistin ist die Französin schließlich Bildhauerin geworden.

Einen erheblichen Teil der Ausstellung machen die Collagen Kolářs aus. Er schnitt Fotografien in Streifen und ließ entweder zwei verschiedene Objekte in ein einziges laufen oder verfremdete ein Bild derart, dass sich jegliche Proportionen verschoben. Dennoch erkennt der Betrachter, welches Bild sich dahinter verbirgt. Die Idee collagierter Postkarten ist ebenso simpel – und doch obliegt den Objekten ein faszinierender Charakter. Der Besucher muss nah an die kleinen Bilder herantreten, um sie ausführlich betrachten zu können. Kolář verwendete bereits vorhandene Ansichtskarten und schnitt das zentrale Objekt aus. Dann klebte er ein weiteres Bild dahinter, sodass eine ganz neue, eigenartige Bildaufteilung entstand. Einmal zerschnitt er einen Apfel und klebte das Bild einer Meeresbucht dahinter. Darüber prangt der Schriftzug „Ce n’est pas une pomme“ („Das ist kein Apfel“), in Anlehnung an René Magrittes berühmtes Pfeifenbild.

Manchmal werfen Kolářs Werke die Frage auf, ob es sich um eine leise Gesellschaftskritik handle. So zeigt er eine Kirche, hinter deren Sockel er ein Foto eines eindeutig dem Buddhismus zugeneigten, meditierenden Menschen klebte. Oder: Inmitten einer Großstadt erheben sich gigantische Meeresfelsen.

Korsett aus Löffeln
In der Mitte der Ausstellungsräumlichkeiten stehen Bizots Bronzeskulpturen, die überwiegend Büsten und Köpfe von Frauen darstellen. Die Künstlerin arbeitet oft mit Elementen wie Schlüsseln, Öffnungen und Türen, die sich in den Skulpturen verbergen. Bezeichnend ist ihr Werk mit dem Titel „Löffel-Korsett“, welches ein weibliches Korsett ausschließlich aus Löffeln darstellt und im weitesten Sinne die gefangene Frau hinter konventionellen Klischees vermuten lässt. Indem die Bildhauerin immer wieder Fenster und Tore in ihre Plastiken integriert und der Frau den Schlüssel für ihren Körper in die Hand gibt, bricht sie die negativen Assoziationen wieder auf und neutralisiert somit die Vorstellung des biologischen Schicksals. Durch die unzähligen Details und gescheiten Ideen lädt die Schau zum Verweilen ein – und zum Nachahmen. An einem Tisch kann sich der Besucher schließlich selbst an Collagen im Stile Kolářs versuchen…

Jiří Kolář & Béatrice Bizot: Korrespondenz, Nationalgalerie – Messepalast (Dukelských hrdinů 47, Prag 7), geöffnet: täglich 10–18 Uhr (montags geschlossen), Eintritt: 180 CZK (ermäßigt 90 CZK), bis 17. März



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