Unauslöschliche Spuren

Unauslöschliche Spuren

Der Prager Künstler Abbé Libansky dokumentiert das Leben zweier Aufrührer

6. 2. 2014 - Text: Nina MoneckeText: Nina Monecke; Foto: ÖKF

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„Jeder Böhm ist ein Österreicher.“ Mit diesen Worten eröffnete der tschechische Schriftsteller Eugen Brikcius am vergangenen Donnerstag die Ausstellung „PRINCIP SAUER – Ursache und Wirkung“ im Österreichischen Kulturforum. Die provokativ anmutende Äußerung stellt er in den Kontext des historischen Ausspruchs „Jeder Böhm ist ein Deutscher“. Doch es stimmt ja: Tschechen und Österreicher verbindet eine lange Tradition und Geschichte. Mehr als mit den Deutschen des Preußenstaates oder Bayern. Doch die Beziehungen mit Österreich waren eine lange Zeit – euphemistisch ausgedrückt – nicht von Harmonie geprägt. Im Gegenteil. Krieg, Unterdrückung, Tschechen in habsburgischen Militärformationen, nationale Wiedergeburt – dies sind nur einige von vielen Schlagwörtern, die man aus 300 Jahren österreichischer Herrschaft in Böhmen herausfiltern kann.

Der aus Prag stammende Künstler Abbé Libansky, Mit-Unterzeichner der Charta 77, legt die Kriegshandlungen, Feindseligkeiten und Schlachten für sein künstlerisches Projekt jedoch beiseite. Stattdessen wählt er zwei historische Persönlichkeiten, die zunächst nicht viel gemein haben, aber beide unauslöschliche Spuren in der Geschichte hinterließen: Gavrilo Princip und Franta Sauer. Eines verbindet sie laut Libansky: der Erste Weltkrieg. Wie ein Rahmen legen sich die Taten der beiden um die vier Jahre, in denen der europäische Teil des Erdballs brannte. Der Eine war bosnisch-serbischer Student und der Attentäter von Sarajevo, der Andere zentrale Figur der Prager Bohème und bekennender Anarchist. So trug Gavrilo Princip mit der Ermordung Franz Ferdinands zum Ausbruch des Krieges bei, der das Ende der Donaumonarchie einläutete. Franta Sauer markierte symbolisch den Untergang des Reiches mit dem Umsturz der Mariensäule am Altstädter Ring.

Die Schau gliedert sich in zwei Abschnitte. So begegnen dem Besucher zuerst zwei Nachbildungen der jeweiligen Tatgegenstände: eine Gipskopie der Pistole Browning FN 1910, die der österreichisch-ungarischen Monarchie den Thronfolger nahm, sowie ein fünfteiliges Abbild der 1918 umgestürzten Mariensäule in maßstabsgetreuer Größe. Die Ereignisse des 3. November nach Kriegsende auf dem Altstädter Ring sind in historischen Fotografien Schritt für Schritt festgehalten. Durch die laufende Diskussion zur Wiedererrichtung kommt diesen Exponaten ungeahnte Aktualität zu.

Serbischer Nationalheld
Im zweiten Teil wird die menschliche Seite der Geschichte in Form von Porträts von Princip und Sauer beleuchtet. Die Gewichtung spiegelt dabei die Realität wider: Während Princip in der heutigen Republik Serbien als Nationalheld gefeiert wird, geriet Sauer trotz seiner Rolle als erster Herausgeber von Hašeks „Der brave Soldat Schwejk“ hierzulande weitestgehend in Vergessenheit. Das Gesicht des serbisch-bosnischen Attentäters wird hingegen sogar auf Souvenirgegenstände gedruckt und verkauft. Einige dieser skurrilen Gegenstände hängen an den Wänden aus. Die Schau setzt hier trotz einiger authentischer Zeitungsartikel mehr auf Kuriosität statt auf Fakten. Die Informationsrecherche erscheint in der Tat etwas halbherzig: Als Texte wurden lediglich die entsprechenden Wikipedia-Artikel auf Platten abgedruckt.

Was auch wegen der oberflächlichen Informationen offenbleibt: Wo liegt nun die signifikante Verbindung zwischen dem serbischen Nationalisten und dem böhmischen Anarchisten? Zwar haben beide zweifelsohne mit dem Ersten Weltkrieg zu tun, ihr beispielhafter Charakter für Ursache und Wirkung der „Ur­katastrophe“ des 20. Jahrhunderts ist aber definitiv zweifelhaft. Der Künstler Libansky räumte selbst ein, dass die exemplarische Wahl Princips und Sauers „historisch sicher nicht ganz korrekt“ sei. Doch diesen Anspruch muss Kunst wohl auch nicht haben.

„PRINCIP SAUER – Ursache und Wirkung“. Österreichisches Kulturforum (Jungmannovo nám. 18), geöffnet: Mo.–Fr. 10–17 Uhr (außer an österreichischen und tschechischen Feiertagen), Eintritt frei, bis 28.März