Schule ohne Lehrer

Schule ohne Lehrer

Im kommenden Jahr könnten den Schulen tausende Lehrer fehlen. Grund sind niedrige Löhne und ein zehn Jahre altes Gesetz

12. 3. 2014 - Text: Martin NejezchlebaText: mn/čtk; Foto: Jens-Olaf Winter

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Gleich nach seinem Antritt am Schulministerium blies der Sozialdemokrat Marcel Chládek zum „großen Reinemachen“. 150 Millionen Kronen an Ausgaben habe er dabei gestrichen, ließ der Minister stolz verkünden – dem Rotstift fielen vor allem Dienstreisen zum Opfer, welche Chládek als unnötige Ausflüge bezeichnete.

Beim großen Kehraus kam aber auch ein handfestes Problem zutage: 17.000 Lehrer erfüllen derzeit nicht die Bildungsvoraussetzungen für ihre Arbeit an den Schulen. „Die Zahlen sind schlimmer, als ich dachte“, erklärte Chládek Ende Februar. Erschrocken ist nicht nur er. Denn für das tschechische Schulwesen hieße das, dass Anfang des kommenden Jahres 7.000 Lehrer fehlen würden. Der Handlungsdruck an den Bildungsstätten und am Ministerium ist also hoch.

Hinter dem plötzlichen Lehrermangel steht ein Gesetz von 2004. Demnach müssen in Tschechien alle Lehrer eine pädagogische Mindestausbildung haben. Dafür gab ihnen das Gesetz zunächst zehn Jahre Zeit. Die Frist wurde dann bis Anfang 2015 verlängert. Bis zu diesem Zeitpunkt müssen die betroffenen Lehrpersonen ein Aufbaustudium an einer Pädagogischen Fakultät begonnen haben.

Ursprünglich war man von rund 11.000 Quereinsteigern ausgegangen, auf die diese Regelung zutrifft. Wie eine Studie des Schulministeriums nun ergab, handelt es sich jedoch um 6.000 Lehrer mehr. Davon haben 10.000 bereits ein Studium begonnen – oder haben dies in diesem Jahr vor. Bleiben 7.000 Unqualifizierte.

Für den Chef der Lehrergewerkschaften František Dobšík liegt der Grund für den Bildungsunwillen der Pädagogen auf der Hand. „Wir weisen seit langem darauf hin, dass kein Interesse an dem Beruf herrscht, weil er finanziell völlig unterbewertet ist“, meint Dobšík. Laut einer Studie des Thinktanks IDEA von 2011 ist der Lehrerberuf die am schlechtesten bezahlte Anstellung, die man in Tschechien mit einem Hochschulabschluss bekommen kann. Der Durchschnittslohn einer Lehrkraft im Kreis Karlsbad etwa beträgt der Studie zufolge 24.767 Kronen, also etwa 900 Euro. Dabei liegen die Löhne weiblicher Lehrkräfte und Grundschullehrer teilweise noch deutlich niedriger. Der tschechische Staat gibt rund 4,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für das Schulwesen aus und liegt dabei weit unter dem OECD-Durchschnitt von 5,8 Prozent.

Ausnahmen von der Regel
„Im nächsten Jahr werden 1,5 Milliarden Kronen (knapp 55 Millionen Euro) mehr für die Löhne der Lehrer ausgegeben“, entgegnet der Schulminister auf die Kritik der fehlenden finanziellen Anreize zur Weiterbildung. Am Freitag vergangener Woche gab Chládek dann eine weitere Maßnahme gegen den drohenden Lehrerschwund bekannt: Das betreffende Gesetz soll aufgeweicht werden.

Demnach müssen Lehrer, die über 55 Jahre alt sind und mehr als 20 Jahre Praxis vorweisen können, das sogenannte pädagogische Minimum nicht nachholen. Bislang galt die Ausnahme erst ab 60 Jahren. Auch sind Muttersprachler, die an den Schulen Fremdsprachen unterrichten sowie Lehrer praktischer Fächer auf maximal einer halben Stelle von der Regelung befreit.

Die Fakultäten haben nun außerordentliche Einschreibe­termine für die Lehrer angesetzt. „Weil die größten Probleme vor allem auf die Regionen Karlsbad, Ústí nad Labem, Mittelböhmen und Prag zukommen, möchten wir die Termine in eben diesen Kreisen ausschreiben“, sagt Chlá­dek. Wegen des Ansturms auf die Universitäten rechnet das Ministerium mit Mehrausgaben von rund 21 Millionen Kronen (rund 770.000 Euro). Chlá­dek geht davon aus, dass so die Zahl der Lehrer, die ab kommendem Jahr ihren Beruf nicht mehr ausüben können, auf 3.000 sinkt.

Gleichzeitig sind auf den tschechischen Arbeitsämtern 6.000 arbeitssuchende Pädagogen gemeldet. Als Ersatz für die ausscheidenden Lehrer sind diese jedoch nicht einzuplanen. Es handelt sich zu einem großen Teil um ehemalige Lehrkräfte, die nicht mehr in den Schulbetrieb zurück möchten.