Traumhafte Bilder und düstere Apokalypse

Traumhafte Bilder und düstere Apokalypse

Die „Jiri Svestka Gallery“ präsentiert poetisch-surrealistische Werke junger Talente

12. 12. 2012 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: Jiri Svestka Gallery

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„Bedrängt von Dringlichkeit“ hallt es durch den kahlen weißen Raum, gesprochen von einer sonoren, tiefen Frauenstimme. Es sind die Worte von Kristína Chrasteková. Die 1980 geborene (Video-)Künstlerin drehte in den Bergen der Hohen Tatra einen melancholischen, traumwandlerischen Film, der von den Reibungen zwischen den Naturgewalten und dem menschlichen Individuum erzählt. Es sind surrealistisch anmutende Bildkomplexe, die Chrasteková entwirft – und gleichzeitig sehr poetische.

In der Privat-Galerie des renommierten Kunsthistorikers und -vermittlers Jiří Švestka repräsentiert dieser Beitrag den Hauptteil der ausgestellten Arbeiten der 32-Jährigen. Den Rest stellen unauffällig in einer Ecke des „Kinosaales“ platzierte Plastiken dar, die mehrheitlich aus Holz gefertigt sind – rurale Symbole transzendental-religiös anmutenden Inhaltes. Den zweiten Teil der Schau „Plameny mi rosily zrak“ (frei übersetzt: „Die Flammen benetzen meine Sicht“) bilden Gemälde und Zeichnungen von Jan Vytiska. Surreal ist auch sein Werk, allerdings mit einer gehörigen Portion Düsternis versehen. Es sind Horrorvisionen, ähnlich mittelalterlicher Totentanzszenen, die der erst 27-jährige Prager auf Leinwand bannt. Immer wiederkehrende Motive  brennender Holzhäuser, entarteter Kindergestalten oder heraushängender Augäpfel verbreiten ein Gefühl des Unbehagens genauso wie der Faszination. Eine bedrückende Serie der Demoralisierung, Zerstörung und der Fratzen des Bösen brechen sich den Weg in eine Welt des Untergangs.

Zerfallende Idylle
Das ganze steht oft im Widerspruch zur Umgebung, denn in einigen Bildern befinden sich die Szenen des Wahnsinns inmitten einer traditionellen Landhaus-Idylle. In „Melancholie“ aus dem Jahr 2011 sitzt ein Mädchen in einer Art Chatka auf einem Schaukelpferd – beobachtet von Gevatter Tod und versehen mit einem durch übermäßigen Haarwuchs entstellten Gesicht. Auf „Mladej Kumštýř“ („Junger Schaffender“) von 2012 sind Kinder vor einem Bergpanorama zu sehen. Ihr Spielzeughaus steht in Flammen, doch die Buben verziehen keine Miene.

Eine weitere Konstante in Vytiskas Werk ist der Bezug zur „Metal“-Musik. Die Kinder der Apokalypse tragen auf den Gemälden genauso wie auf den kleinen Porträt-Zeichnungen T-Shirts von „Slayer“, „Megadeath“ oder den „Misfits“ – wohl eher eine Reminiszenz an den eigenen Musikgeschmack als eine Kritik an dem „unchristlichen“ Hardrock.

Der Dualismus „junges Leben – zerfallende Umwelt“ dominiert Vytiskas Gemälde, während Chrasteková wunderschöne Bilder mit abstrakter Poesie kombiniert. Eine menschenleere Natur konfrontiert eine einsame junge Frau, gespielt von Chrasteková selbst. Die Bilder überzeugen, die daran gekoppelte Lyrik weniger. Sätze wie „ich berühre die Locken meiner Haare mit meinen Seidenhänden“ gehören eher in Gedichte im Rahmen eines „Jugend reimt“-Wettbewerbes. Für den nicht Slowakisch-Verständigen bleiben außerdem nur die englischen Untertitel. Aber dies soll die Inszenierung Chrastekovás nicht schmälern – und erst recht nicht die insgesamt doch äußerst sehenswerte Ausstellung.

„Plameny mi rosily zrak“, Jiri Svestka Gallery (Biskupský dvůr 6, Prag 1), geöffnet: Di.–Sa. 11–18 Uhr, bis 26. Januar 2013