„Theater sollte immer provozieren“

„Theater sollte immer provozieren“

Daniel Špinar will frischen Wind ins Nationaltheater bringen. Ein Gespräch mit dem neuen Schauspieldirektor

26. 8. 2015 - Text: Sophie KohoutekInterview und Foto: Sophie Kohoutek

Mit erst 36 Jahren steht Daniel Špinar vor einer großen Aufgabe: Seit diesem Sommer leitet er als künstlerischer Leiter die Sparte Schauspiel des Nationaltheaters. Der gebürtige Prager kann trotz seines Alters auf eine Vielzahl mehrfach ausgezeichneter Inszenierungen zurückblicken. In der abgelaufenen Spielzeit war er bereits als Hausregisseur des Nationaltheaters engagiert. PZ-Mitarbeiterin Sophie Kohoutek sprach mit Špinar über die Zukunft des Theaters, seine Leidenschaft für deutsche Dramen und weshalb er sich selbst als konservativen Regisseur beschreibt.

Herr Špinar, wie wird man Schauspieldirektor des Nationaltheaters?

Daniel Špinar: Um überhaupt zu einem Anstellungsgespräch geladen zu werden, muss man sich zuvor einen Namen gemacht haben. Ich habe mein Konzept als einer von drei Bewerbern vorgestellt. Eine Kommission beriet den Intendanten Jan Burian bei der Auswahl, der wiederum das letzte Wort hatte. Geholfen hat mir sicherlich, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits ein halbes Jahr als Hausregisseur engagiert war und auch davor schon mehrfach hier inszenierte.

Sie sind vor kurzem 36 Jahre alt geworden. Ihr Vorgänger war bei Antritt seines Postens auch erst 37. Ist es in Tschechien normal, dass Schauspieldirektoren so jung sind?

Špinar: Ungewöhnlich ist das hier nicht. In letzter Zeit ist in der Tat ein Trend zu jüngeren Theaterchefs festzustellen. Das ist in Ordnung so, frischer Wind tut der Kunst immer gut! Mit Mitte dreißig verfügt man schon über ausreichend Bildung und Erfahrung. Vor allem aber hat man in jungen Jahren noch die Energie und Vitalität, die man für diesen Beruf braucht. In zehn Jahren dürfte meine Leistungsfähigkeit nicht mehr so hoch sein wie heute.

Ihr Konzept, mit dem Sie sich um diesen Posten beworben haben, heißt „Neues Blut“. Was kann man sich darunter vorstellen?

Špinar: Die Metapher soll deutlich machen, dass eine neue Ära ansteht. Das alte System soll ordentlich durchblutet werden!

In diesem Programm schreiben Sie, dass Provokation nicht ins historische Gebäude des Nationaltheaters gehört. Warum nicht?

Špinar: Es kommt darauf an, wie man Provokation definiert. Theater sollte immer in irgendeiner Form provozieren. Es stellt dem Zuschauer unangenehme Fragen und verbildlicht unschöne Szenarien. Aber wenn Provokation bedeutet, einen klassischen Text auseinanderzunehmen und zu entfremden, lehne ich sie ab. Was das angeht, bin ich ein konservativer Regisseur. Das Nationaltheater hat drei Bühnen, jede mit eigener Dramaturgie. Im Ständetheater wird modernes Schauspiel seinen Platz finden, in der Neuen Szene das experimentelle, ausgeflippte Theater. Das Hauptgebäude an der Moldau hat für mich eher musealen Charakter und ist an ein besonderes Theatererlebnis gebunden, das mit dem historischen Gebäude im Dialog stehen sollte.

Wird es im Bereich Schauspiel auch neue Produktionen für ein internationales Publikum geben?

Špinar: Höchste Priorität hat für mich die Neustrukturierung des Ensembles. Zudem möchte ich dem Theater eine eigene Handschrift verpassen. Es wird erst zu internationalen Zusammenarbeiten kommen, wenn das Ensemble stabil genug ist. Ein internationales Festival ist geplant, steckt aber noch in den Kinderschuhen. Es handelt sich um ein gesellschaftspolitisches Projekt mit besonderem Bezug zu Václav Havel. Mehr darf ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht dazu sagen.

Für Ihre Inszenierungen von „Kabaret Kafka“ und „Woyzeck“ sind Sie mit dem Josef-Balvin-Preis des Prager Theaterfestivals deutscher Sprache ausgezeichnet worden. Bereits mehrfach haben Sie Stücke deutscher Autoren inszeniert. Gefällt Ihnen die deutsche Theaterwelt besonders?

Špinar: Zum deutschen Theater und seiner Literatur habe ich ein inniges Verhältnis. Zudem sind Deutschlands Schauspieler großartige Künstler und technisch sehr ausgereift. Was die Literatur angeht, mag ich besonders den Sturm und Drang. Aber auch zeitgenössische Autoren gefallen mir. In der kommenden Spielzeit inszeniere ich „Protection“ von Anja Hilling. Der Text ist roh und poetisch zugleich. Das Stück funktioniert mit Kommentaren über den emotionalen Zustand der Figuren und verzichtet auf herkömmliche Dialoge; eine Darstellungsform, die derzeit sehr angesagt ist.

Würden Sie nur noch ein einziges deutsches Stück zur Inszenierung zur Verfügung haben, welches wäre das?

Špinar: Ich wollte schon immer Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“ inszenieren. Aber das sage ich, weil ich jung bin und das Thema mir Spaß macht. Wenn ich älter wäre, würde ich wahrscheinlich Goethes „Faust“ sagen. Das ist ein guter Stoff, um eine Lebensbilanz zu ziehen, aber davon bin gerade noch zu weit entfernt.

Gibt es bestimmte Themen, die Sie besonders gerne bearbeiten würden?

Špinar: Alles im Leben dreht sich doch immer um die gleichen Dinge: Liebe, Tod, Leidenschaft und zwischenmenschliche Beziehungen. Ich bin Regisseur geworden, weil mich der Mensch und gesellschaftliche Entwicklungen als Ganzes interessieren. Und ich zeige gerne große Emotionen, suche deswegen auch Stücke aus, anhand derer ich sie hervorholen kann.

Was machen Sie, wenn Sie eine Verschnaufpause vom Theater brauchen?

Špinar: Ich gehe in meine Lieblingsbar. Außerdem habe ich einen Hund, um den ich mich kümmern muss. In meiner Freizeit versuche ich, mich mit banalen Dingen zu beschäftigen. Zudem mache ich jeden Morgen Yoga. Das bringt mich auf andere Gedanken.

Was haben Sie in der Sommerpause gemacht?

Špinar: Ich war mit einer Freundin in Spanien, unter anderem eine Woche lang in Barcelona. Ansonsten war es sehr arbeitsintensiv. Mit meinem Dramaturgen-Team habe ich die neue Spielzeit vorbereitet und außerdem noch „Der Widerspenstigen Zähmung“ bei den Shakespeare-Festspielen in Prag inszeniert.

Welche konkreten Ziele setzen Sie sich für die ersten Monate auf dem neuen Posten?

Špinar: Ich wünsche mir, dass meine Veränderungen in der Öffentlichkeit ankommen. Dass den Leuten auffällt, dass sich der Denkansatz im Haus geändert hat. Das Theater soll auf ein breiteres Publikum größere Anziehungskraft entwickeln und ein lebendiger Raum des Zusammentreffens werden. Kurz: Das Nationaltheater soll attraktiver werden!



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