Steter Tropfen gegen Kernkraft

Steter Tropfen gegen Kernkraft

Seit 2012 schreiben tschechische und österreichische Initiativen wöchentlich Briefe an den Premierminister

27. 11. 2014 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Foto: atomstopp_atomkraftfrei leben!

Vor mehr als 30 Jahren brachte Traudy Ruderer einen Stein ins Rollen, der sich zu einer kleinen Lawine entwickeln sollte. Aus Sorge um die Zukunft ihrer Kinder schickte sie dem damaligen Bundeskanzler Österreichs Bruno Kreisky täglich einen Brief, in dem sie über die Gefahren des geplanten Atomkraftwerks und ihre Ängste davor schrieb. 1971 hatte die Bundesregierung unter Kreisky den Bau eines Kernkraftwerks im niederösterreichischen Zwentendorf genehmigt und damit den Einstieg in die Atomenergie beschlossen. Trotz zunehmender Proteste der Bevölkerung wurde die Anlage fertiggestellt. Am Ende ging sie jedoch nicht in Betrieb. Per Volkenstscheid stimmte 1978 eine hauchdünne Mehrheit von 50,47 Prozent gegen die Atomenergie – sieben Jahre vor Tschernobyl, 33 Jahre vor Fukushima.

Für viele Atomgegener wurde Traudy Ruderer zum Vorbild. So auch für den österreichischen Verein „atomstopp_atomkraftfrei leben!“ sowie für die tschechische Bürgerinitiative für Umweltschutz OIŽP (Občanská iniciativa pro ochranu životního prostředí) und den Verein „Südböhmische Mütter“ (Jihočeské matky, JČM). Was sie einte, war besonders der Widerstand gegen das Kernkraftwerk in Temelín, das um zwei Reaktorblöcke erweitert werden sollte. „Dieser ganz normalen Frau wollten wir es nachmachen“, erklärt Roland Egger, der seit neun Jahren Vorsitzender von „atomstopp_atomkraftfrei leben!“ ist. Seit Februar 2012 senden die drei Organisationen im Wechsel einmal pro Woche einen Brief an den tschechischen Premierminister. „Wir schreiben von unseren Sorgen, von unseren Ängsten, wenn wir an Atomkraft denken, an den Ausbau von Temelín, an Dukovany, an den Uranabbau in Tschechien. Wir wollen mit den Briefen appellieren – herzlich, zornig, genervt, aber immer beharrlich an die Vernunft des Premiers“, so Egger. Ihre Bedenken verschicken die Atomgegner sowohl auf herkömmlichem Weg in Papierform als auch per E-Mail.

Die Schreiben sind dabei vor allem „eine neue Form, die Entscheidungsträger zu erreichen“, wie Gabi Reitingerová von OIŽP sagt. Davon erhoffen sich die Verfasser nichts weniger, als dass „die Regierungsvertreter ihre Stellungnahme zur Kernkraft verändern und die tschechische Energiewirtschaft an die jetzigen Trends in den Nachbarstaaten wie Österreich und Deutschland anpassen“, bringt es Reitingerová auf den Punkt. Egger geht noch einen Schritt weiter: „Wir arbeiten für einen europaweiten Atomausstieg.“ Kernenergie sei längst überflüssig, weltweit würden lediglich elf Prozent des Stroms durch Atomkraftwerke erzeugt. Das belegt auch eine Studie, die die Europäische Kommission Mitte Oktober veröffentlichte. Ihr zufolge musste die Atomkraft im Jahr 2012 außerdem mit insgesamt sieben Milliarden Euro in den Mitgliedstaaten der EU unterstützt werden. Während eine Megawattstunde Energie, die einem Kernkraftwerk entspringt, rund 100 Euro kostet, beläuft sich der derzeitige Stromhandelspreis auf 35 Euro pro Megawattstunde. „Wir wollen nicht, dass Atomkraft gefördert wird. Diese Technologie hatte 60 Jahre Zeit, um zu beweisen, dass sie kostengünstig ist. Das Gegenteil ist der Fall: Ohne massive staatliche Subvention kann kein Atomkraftwerk in Europa gebaut werden“, schlussfolgert Egger.

„Wir versuchen, unsere Bedenken kontinuierlich vorzubringen, ganz nach dem Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein“, erklärt er. Generell würde etwa jeder zehnte Brief von der Regierung beantwortet. Ein positives Zeichen, wie der Vorsitzende findet: „Die Briefe landen ganz offensichtlich nicht einfach im Papierkorb. Und das ist das Bemerkenswerte: Man beschäftigt sich damit und bemüht sich um eine wertschätzende Antwort.“

Die Erwartungen machen allerdings nicht an der tschechischen Grenze halt. Ein europaweiter Atomausstieg könne nur gelingen, wenn die Förderung durch die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom) beendet werde, glaubt Egger. „Und dass Österreich hier mitzahlt, ist völlig inakzeptabel. Wir kritisieren auch die Praxis der österreichischen Energieversorger, mittels Wasserkraftzertifikaten aus Norwegen ihre Stromimporte reinzuwaschen und in Österreich als sauberen Strom zu verkaufen.“



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