Stadtansichten

Mehr Platz für lebendige Fahrradfahrer!

11. 9. 2013 - Text: Martin NejezchlebaText: Martin Nejezchleba

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Jan Bouchal kämpfte für ein besseres Prag, für ein Prag, in dem auch Fahrradfahrer einen Platz haben. Jan Bouchal starb mitten im Gefecht. Auf einer der gefährlichsten Straßenkreuzungen der Stadt wurde er von einem der viel zu schnellen Autos angefahren und erlag wenig später seinen Verletzungen. Jan Bouchal starb vor mehr als sechs Jahren. Er war 30 Jahre alt, seine Bürgerinitiative für ein besseres Stadtleben „Auto*Mat“ stand damals an ihrem Anfang.

Seither hat sich vieles getan. Prag ist um viele Kilometer Radweg reicher, die Zahl der Fahrradfahrer hat sich allein in den letzten zwei Jahren mehr als verdoppelt. 120.000 Menschen nennen ihren Drahtesel Verkehrsmittel. Und seit Anfang dieser Woche hat auch Jan Bouchal endlich eine würdige Gedenkstätte.

Am Ort des tragischen Unfalls fährt ein silbernes Rad gen Himmel. Der Künstler Kryštof Kintera ließ es eine Straßenlaterne hinauffahren, die die Kreuzung am Moldauufer in Holešovice erleuchtet und sich dabei im Wind dreht. Das Denkmal für den Fahrradaktivismus wurde aus einer öffentlichen Sammlung finanziert. Es sollte vor allem der Stadtverwaltung ein Mahnmal sein.

Denn Jan Bouchals Kampf geht weiter. Im vergangenen Jahr starben 64 Fahrradfahrer auf den Straßen Prags. Den Grund dafür kennt jeder, der schon einmal auf dem Rad durch die Stadt gefahren ist. Rote Fahrradstreifen verschwinden gerade vor großen, unübersichtlichen Kreuzungen im Nichts. An der Karlsbrücke muss sich der Radler seinen Streifen mit den Straßenbahnen teilen, an stark befahrenen Straßen sollen Piktogramme die Autos davon abhalten, Fahrradfahrer gegen die Randsteine zu drängen. An fahrradfreundliche Ampelschaltungen und komplexe Eingriffe in den Stadtverkehr ist in Prag gar nicht erst zu denken.

Und selbst im Schein von Jan Bouchals Gedenklampe kann es dem Radfahrer mulmig werden. Zwar wurde die Kreuzung auf jahrelanges Drängen der Aktivisten von „Auto*Mat“ umgebaut. Um auf die Abbiegespur für Radfahrer zu gelangen, muss man aber auch heute noch viel Vertrauen in die motorisierten Verkehrsteilnehmer haben, schnell zum linken Fahrbahnrand wechseln – und hoffen, das nicht gerade ein Auto auf dem Fahrradstreifen parkt. Hat man die Todeskreuzung einmal hinter sich, lösen sich selbst die dekorativen Fahrrad-Piktogramme bald in holpriges Kopfsteinpflaster auf: Was bleibt sind Auspuffgase und die paar Zentimeter zwischen Autofelgen und Randstein.

Die Stadt sieht nicht nur hier keinerlei Handlungsbedarf. Für dieses Jahr hat das Rathaus das Budget für den Ausbau der Fahrradwege auf ein symbolisches Minimum heruntergeschraubt und die Kommission für Radverkehr mittels Personalabbau quasi abgeschafft.

Tomáš Hudeček – dessen TOP 09 Mitverantwortung für das Liquidieren der Fahrradpolitik trägt – ist nun seit fast drei Monaten Oberbürgermeister und gibt sich gern smart, progressiv und mit Klapprad. Es wird höchste Zeit, dass er dieses Image mit konkreten fahrradpolitischen Entscheidungen untermauert. Spätestens bei den Verhandlungen für den Haushalt 2014 – besser noch früher. Denn es ist gut, dass Prag ein Denkmal für tote Radfahrer hat. Noch wichtiger ist jedoch, dass Prag Platz und Wege für lebendige Radfahrer schafft.