Spitzensportler in der Folterkammer

Spitzensportler in der Folterkammer

Augustin Bubník wird nicht müde, die tragische Geschichte seiner Eishockeymannschaft zu erzählen. In einem Schulprojekt erinnert er an den kommunistischen Terror

6. 11. 2013 - Text: Maria SilenyText: Maria Sileny; Foto: Post Bellum

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Sie waren gefeierte Eishockeystars. Zweimal, 1947 und 1949, holte die tschechoslowakische Nationalmannschaft den Weltmeistertitel. Am Gipfel ihres Ruhms angelangt, sonnten sich die Spitzensportler in der Begeisterung der Fans und der Gunst der Regierung. Doch im März 1950 geschah etwas Unerhörtes: Die Mannschaft, die zur Weltmeisterschaft nach London fliegen sollte, wurde unmittelbar vor dem Abflug zurückgepfiffen. Der Traum von einer weiteren Goldmedaille zerplatzte. Die jungen Männer verstanden die Welt nicht mehr. Noch ahnten sie nicht, dass es viel schlimmer kommen wird: Als sie sich in einer Prager Kneipe trafen, um dort ihrer Enttäuschung Luft zu machen, wurden sie überfallen und verhaftet. Und landeten mitten in der Hölle der kommunistischen Gefängnisse.

Sie wurden verhört, gefoltert und vor Gericht gestellt. Die Anklage lautete auf Spionage und Hochverrat. Die Eishockeyspieler erhielten hohe Freiheitsstrafen und mussten unter anderem im Uranbergwerk Jáchymov Zwangsarbeit leisten – bis zu ihrer Begnadigung fünf Jahre später.

Augustin Bubník ist der letzte Überlebende der Mannschaft. Der 84-Jährige tourt im November durch tschechische Schulen, um als Zeitzeuge von der Willkür der kommunistischen Diktatur zu erzählen. Im Rahmen der Dokumentarfilmreihe „Příběhy bezpráví” („Geschichten der Rechtlosigkeit“) erzählt er unter anderem an Schulen von seinem Schicksal und dem seiner damaligen Mitspieler. Denn das Wissen darüber scheint von Generation zu Generation zu verblassen.

Vor dem Gespräch mit Bubník können Schüler den Dokumentarfilm „Postavení mimo hru“ („Im Abseits“) sehen, in dem Regisseur Ivan Biel das tragische Schicksal der Eishockeymannschaft erzählt. Das Bildungsprogramm „Jeden svět ve školách” („Eine Welt in Schulen“) der NGO „Člověk v tísni” („Mensch in Not“) zeigt insgesamt vier Filme, die Schüler an die Verbrechen totalitärer Regime erinnern sollen – und bietet im Anschluss die Möglichkeit, mit Zeitzeugen wie Bubník zu diskutieren.

„Die tschechische Gesellschaft hat Jahrzehnte von Diktaturen hinter sich. Trotz dieser Erfahrung scheint sie das Bewusstsein dafür zu verlieren, dass die gegenwärtige Freiheit nicht selbstverständlich ist, dass man sie schützen muss“, erklärt Karel Strachota, Programmdirektor von „Eine Welt in Schulen“. Bei der feierlichen Eröffnung der Aktion im Prager Kino Lucerna sagte der Schriftsteller und ehemalige politische Gefangene Jiří Stránský, es sei wichtig, sich von Zeitzeugen über die Vergangenheit erzählen zu lassen. Das Projekt „Geschichten der Rechtlosigkeit“ bietet eine Gelegenheit dazu.

Die Tragödie begann in Davos
„Ihr sollt nicht nur über Karl IV. Bescheid wissen“, sagt der ehemalige Eishockeyweltmeister Bubník, wenn er mit Schülern spricht, „lasst euch auch von Stalin und vom Kommunismus erzählen.“ Er nennt Zahlen, um die Blutspur der kommunistischen Diktatur nachzuzeichnen. Nach der Samtenen Revolution haben die tschechischen Gerichte mehr als eine Viertelmillion Menschen rehabilitiert, die zwischen 1948 und 1989 aus politischen Gründen verurteilt wurden.Viele von ihnen kamen ums Leben. Zu den Hingerichteten gilt es die zu Tode Gefolterten und die auf der Flucht Erschossenen hinzuzuzählen – und auch diejenigen, die infolge harter Haftbedingungen starben. Auch einen von Bubníks Mitspielern ereilte ein solches Schicksal. Bohumil Modrý, seinerzeit einer der besten Eishockeytorhüter Europas, der nach seiner Entlassung aus der Zwangsarbeit im Uranbergwerk Jáchymov an den Folgen der radioaktiven Strahlung im Alter von 46 Jahren starb.

Heute geht man davon aus, dass die Tragödie der Eishockeyweltmeister im Schweizer Davos begann. Nachdem die Mannschaft dort 1948 zum dritten Mal den Spengler Cup gewann, schlug man ihr vor, im Ausland zu bleiben und als Exilmannschaft weiter zu spielen. Die Sportler stimmten demokratisch ab und entschieden sich mehrheitlich für die Rückkehr in die Heimat. Dieser Vorfall war wohl der Anlass für die spätere Verhaftung, wie der Historiker Petr Blažek vermutet. Denn das Regime sei bemüht gewesen, Sportler einzuschüchtern, damit sie nicht mit dem Gedanken der Emigration spielten oder gegen den Kommunismus auftraten.

Vom Sieger zum Verräter
„Wir waren jung, wussten nichts vom Kommunismus, kümmerten uns nicht um die Politik“, erinnert sich Augustin Bubník. Die Leidenschaft galt allein dem Sport. Und doch schlich sich Unbehagen ein, als die  Kommunisten in der Tschechoslowakei im Februar 1948 nach der Macht griffen. Als Präsident Edvard Beneš den Parteivorsitzenden Klement Gottwald mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragte, weilte die Eishockeymannschaft in der Sowjetunion. Im Radio hörten die Sportler die Rede Gottwalds, der seinen Sieg im innenpolitischen Machtkampf auf dem Prager Wenzelsplatz verkündete: „Ich komme gerade von der Prager Burg vom Präsidenten der Republik. Ich kann ihnen mitteilen, dass der Präsident alle meine Vorschläge angenommen hat.“

Augustin Bubník erinnert sich: „Wir hatten damals Angst, dass man uns nicht nach Hause fahren lässt, dass wir stattdessen vielleicht in einem stalinistischen Gulag enden werden.“ Wie berechtigt diese Furcht war, zeigte sich dann etwas später zu Hause. Gesetze wurden verabschiedet, die es den Kommunisten ermöglichten, Menschen massenweise zu verhaften und Schauprozesse zu veranstalten.

Die Eishockey-Nationalmannschaft gehörte zu den ersten Opfern des Regimes. Die Haft begann im berüchtigten „Häuschen“ am Prager Hradschin, einer Folterkammer, wo politische Häftlinge durch Hunger, Schläge, Schlafentzug gezwungen wurden, Unwahrheiten zu gestehen. Weitere Station war das Gefängnis Pankrác, wo Bubnik die Hinrichtung der Politikerin Milada Horáková erlebte. Anders als die Widerstandskämpferin Horáková wurden die Eishockeyspieler in einem geheimen Militärprozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit verurteilt. Man befürchtete Proteste. Es folgte die Zwangsarbeit im Uranbergwerk Jáchymov. Augustin Bubník erzählt: „Es war schrecklich, sich zu erinnern, wie uns nach dem WM-Sieg das ganze Volk mit Ovationen begrüßte, unsere Staatsmänner waren dabei. Ein paar Monate später waren wir Verräter, Spione, Abschaum der Gesellschaft. Und wir wussten nicht warum.“

Erst zwei Jahre nach dem Tod von Stalin und Gottwald wurden die Sportler 1955 von Präsident Zápotocký begnadigt. Doch ihre Karriere war zerstört. Augustin Bubník, der letzte Überlebende der Mannschaft, weiß, dass er einen Auftrag hat: „Solange ich laufen und sprechen kann, werde ich erzählen und weitergeben, was damals geschah“, sagt der ergraute Spitzensportler im Zug. Er ist auf dem Weg ins mährisch-schlesische Ostrava. Auch dort wird er Schülern davon erzählen, wie er aus dem Spitzensport in die Folterkammer kam.