Sieglos ins Finale

Sieglos ins Finale

Vor 110 Jahren spielte der DFC Prag um die erste deutsche Fußballmeisterschaft. Die Empörung darüber war groß

20. 11. 2013 - Text: Marcus HundtText: mh; Foto: APZ

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Vor genau 100 Jahren gewann der Deutsche Fußballclub Prag seine zweite von insgesamt drei „österreichischen Meisterschaften für Böhmen“. Zuvor hatten sie sich bereits in die Historie des Deutschen Fußballbundes (DFB) eingetragen: Im Jahre 1903 wurde der DFC erster deutscher „Vizemeister“ – ohne jedoch ein einziges Spiel gewonnen zu haben. Wie konnte es dazu kommen?

Vorgeschichte: Der aus dem Rheinland stammende Bakteriologe Ferdinand Hueppe folgte 1889 dem Ruf der deutschen Karl-Ferdinands-Universität auf den Prager Lehrstuhl für Hygiene. Neben der Forschung und Lehre widmete er sich in Böhmen seiner zweiten Leidenschaft: dem Sport. Bereits 1896 hatte er an den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen als Kampfrichter teilgenommen und 1898 die „Deutsche Sportbehörde für Athletik“ mitbegründet. In Prag kümmerte sich Hueppe als Präsident um den DFC Prag. Im Jahr 1900 nahm er als Vertreter der „Prager Deutschen Fußball-Vereine“ nicht nur an der Gründungsversammlung des DFB in Leipzig teil, von den Delegierten wurde er gar zu dessen ersten Präsidenten gewählt. War es Hueppe, der dafür sorgte, dass der DFC Prag an der Deutschen Fußballmeisterschaft 1902/03 teilnehmen durfte, obwohl dieser gleichzeitig in der österreichischen Liga spielte und noch nicht einmal amtierender böhmischer Meister war? Vieles spricht dafür. Auch bei den skandalösen Ereignissen, die Prag ins Finale führten, könnte der einflussreiche DFB-Präsident durchaus mitgewirkt haben.

Telegramm-Affäre
Im Viertelfinale wurde den Pragern der Karlsruher FV 91 zugelost. Das Spiel war vom DFB zunächst in München angesetzt worden: Jedoch erhob der DFC Einspruch dagegen, da eine Austragung in Prag höhere Einnahmen versprach. Gegen diese Ansetzung legte wiederum der Meister der „Süddeutschen Fußball-Vereine“ Protest ein. Der Streit wurde nie beendet: Aus Zeitgründen wurden beide Mannschaften für das Halbfinale zugelassen.

Doch auch das in Leipzig angesetzte Spiel fand nicht statt. Alles war vorbereitet, die Prager hatten sich warm gelaufen, 1.000 Zuschauer erwarteten den Anpfiff, aber von den Karlsruher Spielern fehlte jede Spur. Diese weilten seelenruhig in der badischen Heimat, weil der Verein einen Tag zuvor ein Telegramm vom DFB erhalten hatte. Darin wurde der Karlsruher FV 91 in Kenntnis gesetzt, dass der Spieltermin verschoben wurde. Es stellte sich zwar heraus, dass das Telegramm gefälscht worden war (von wem ist bis heute unklar), doch das hinderte den DFB nicht daran, die Karlsruher zu disqualifizieren.

Die Prager zogen also kampflos in das Finale um die erste deutsche Meisterschaft in Hamburg ein. Und dieses Mal traten sie in Bestbesetzung an – nach Leipzig war zwei Wochen zuvor nur die B-Mannschaft angereist.

Obwohl der DFC Prag als Favorit in das Spiel und in der 11. Minute sogar mit 1:0 in Führung gegangen war, unterlag das Team gegen den VfB Leipzig am Ende deutlich mit 2:7. Ob die Prager ihren zweiten Platz gefeiert haben, ist nicht überliefert, darf aber bezweifelt werden. Zeitgenössischen Berichten zufolge hatten die Spieler jedoch vor dem Spiel ihren Spaß und amüsierten sich auf der Hamburger Reeperbahn.

Eine weitere Chance, erneut um die deutsche Meisterschaft zu spielen, bekam der DFC nicht mehr. Mit dem Beitritt des DFB zur FIFA im Jahr 1904 mussten die Prager Vereine aus dem Verband ausscheiden. Und auch Ferdinand Hueppe nahm seinen Hut und trat von seinem Amt als DFB-Präsident zurück. 

 

Spielbericht aus dem „Prager Tagblatt“ vom 2. Juni 1903

Meisterschaft des Deutschen Fußball-Bundes in Hamburg.

31. Mai. Leipziger Bewegungsspieler schlagen Prager Deutschen Fußballklub 7:2 und gewinnen die Meisterschaft.
Leipzig war durch das Fehlen von Keßler (Back) und Blüher (Stürmer) geschwächt, während dem DFK Weil (Stürmer) fehlte und Charley Pick im Goal spielte. Das Zusammenspiel war daher nicht so gut, wie gewöhnlich, und zwar auf beiden Seiten. Prag erzwingt einige Ecken nacheinander und erzielt nach etwa 15 Minuten durch Brown das erste Goal. Jetzt wurde das Spiel sehr lebhaft. Beide Tore werden heftig angegriffen. Leipzig kommt schön vor, setzt sich vor dem DFK Tore fest und kann nach vielen abgewehrten Angriffen durch gutes Vorgehen des Halfs Rößler ausgleichen. Erbittert war der Kampf bis Halbzeit, die 1:1 schloß.

Leipzig beginnt schön zu kombinieren. Bald wird ein gut getretener Eckball verwandelt, was den Bewegungsspielern die Führung verschafft. DFK strengt sich mächtig an, doch Leipzigs Stürmer werden jetzt brillant, besonders Stanischewsky, der nach pompösem Lauf unhaltbar einsendet. Das Spiel war in diesem Moment für den schon ermüdeten DFK verloren, aber wohl noch einmal rafft Prag sich auf. Paul kommt noch einmal allein durch, passiert die Backs und tritt aus unmittelbarer Nähe des Goals den Ball ein. Wieder ist es der Leipziger Stanischewsky, der einen schön gekenterten Ball todsicher verwandelt, während bald darauf Riso durch die ganze Verteidigung Prags sich bis ans Tor durcharbeitet und unhaltbar schießt. In der letzten Viertelstunde verlegt sich Prag auf die Verteidigung. Leipzig kann durch Stanischewsky und Riso noch je einmal stoßen. Leipzigs gesamte Mannschaft arbeitete namentlich in der zweiten Zeit vorzüglich, die Prager waren gut, hielten aber nicht aus.