Interview

„Schwejks und Kriegsverweigerer gab es kaum“

„Schwejks und Kriegsverweigerer gab es kaum“

Laut Historiker Richard Lein waren die tschechoslowakischen Legionen militärisch eher unbedeutend. Politisch aber waren sie entscheidend

25. 6. 2014 - Text: Martin Nejezchleba, Foto: Andrássy Universität Budapest

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Richard Lein ist Historiker am Institut für Mitteleuropäische Studien an der Budapester Andrássy-Universität. Die Dissertation des gebürtigen Wieners ist unter dem Titel „Pflichterfüllung oder Hochverrat? Die tschechischen Soldaten Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg“ erschienen. Mit PZ-Redakteur Martin Nejezchleba sprach er über Kriegseuphorie in Prag 1914, über Schwejksche Sabotage und die Bedeutung der Legionäre für die Tschechoslowakische Staatsgründung.

Herr Lein, wie war die Stimmung bei Kriegsausbruch in Böhmen und Mähren? Gibt es Zahlen dazu, wie viele die Entente und wie viele die Mittelmächte unterstützt haben?

Richard Lein: Wir tun uns sehr schwer damit, die Stimmungslage im Jahr 1914 zu erforschen. Einerseits konnte man die Nationalitäten nicht so klar definieren, wie wir das heute tun. Auch die Frage, wer loyal zum Kaiserreich war, ist schwer zu beantworten. Seitens der tschechischen Parteien hat sich eine große Mehrheit für eine Reform Österreich-Ungarns nach nationalen Prinzipien stark gemacht. Auch Masaryk war Anhänger der gemäßigten Linie.

Es gab aber auch radikalere Parteien, die für eine Abspaltung der böhmischen und mährischen Länder eintraten.
Für diese Linie stand unter anderem Karel Kramář. Wir wissen aber bis heute nicht, wie tief die Basis dieser Parteien reichte. Wesentlich ist Folgendes: Die österreich-ungarischen Oberbefehlshaber hatten aufgrund des Panslawismus vor 1914 die Sorge, wie die Rekruten böhmischer beziehungsweise mährischer Nationalität im Fall eines Kriegsausbruchs reagieren werden. Die Einberufung sämtlicher Jahrgänge verlief aber letzten Endes ohne große Probleme. Die Kriegsbegeisterung war auch in Prag sehr groß. Für die Provinz fehlt uns der Datensatz. Wir wissen, dass sowohl in den deutsch- als auch in den tschechischsprachigen Gemeinden die Stimmung nicht ganz so positiv war. Da musste die gesamte wirtschaftlich aktive Bevölkerung in den Krieg ziehen, die Existenz der Familien stand auf dem Spiel. Es gibt aber sehr wenige belegte Aussagen von Soldaten, die sich geweigert hätten, gegen ihre slawischen Brüder zu kämpfen.

Bei diesem Thema fällt einem schnell Hašeks braver Soldat Schwejk ein. Gab es diese Art des passiven Widerstandes in den Reihen der tschechischstämmigen k.u.k. Soldaten?

Lein: Der einzige Fall – und auch der ist nicht zu hundert Prozent dokumentiert – wäre wohl Jaroslav Hašek selbst, der dann in Kriegsgefangenschaft zu den Legionen übergetreten ist. Diese passive Resistenz, so wie sie im Schwejk erzählt wird, gab es eigentlich nicht. Dafür war das System der k.u.k. Militäradministration einfach zu stark. Solche Schwejkschen Scherze hätte man sich vermutlich nicht lange leisten können.

Nun spricht man insgesamt von fast 250.000 Tschechoslowaken, die in den Legionen gedient haben. Wer waren diese Menschen und wie wurden sie zu Legionären?

Lein: Zunächst einmal muss man betonen, dass bei dieser Zahl die sogenannten unechten Legionäre mitgezählt wurden. Die Legionäre haben in der Zwischenkriegszeit eine sehr scharfe Trennlinie gezogen zwischen jenen Personen, die bis zur Ausrufung des Tschechoslowakischen Staates am 28. Oktober 1918 in der Legion waren und denen, die danach den Legionen beigetreten sind.

Wer waren diese unechten Legionäre?

Lein: Gefangene österreichisch-ungarische Soldaten, die irgendwann im Oktober mitbekommen haben, dass die Monarchie auseinandergebrochen war und sich gefragt haben, wie sie denn nach Hause kommen. Sie wussten von den Legionen, die dort in der Gegend operierten und schlossen sich ihnen an. Ansonsten war die Heimfahrt ja nicht gesichert. Wer hätte sich darum kümmern sollen, nachdem es Österreich-Ungarn nicht mehr gab?

Wie viele echte Legionäre gab es denn?

Lein: Bis Oktober 1918 spricht man von knapp 100.000. Die „Česká družina“ (zu Deutsch „Tschechische Gefolgschaft“; Anm. d. Red.) wurde im Wesentlichen im Spätherbst 1914 auf Drängen der tschechoslowakischen Exilorganisationen aufgestellt. Masaryk und Beneš waren dabei die Führungsfiguren.

Von Frankreich wurde das in Russland organisiert?

Lein: Ja, in Russland gab es eine relativ große Kolonie von sogenannten Russotschechen, die bereits vor dem Krieg nach Russland ausgewandert sind und die russische Staatsangehörigkeit hatten. Sie bildeten die ersten Einheiten der Legionen. Erst als dieser Personalpool ausgeschöpft war, fing man in den Kriegsgefangenenlagern an, Inhaftierte tschechischer und slowakischer Nationalität anzuwerben. Seitens der Exilorganisationen wurde natürlich gesagt, dass diese Leute mit Begeisterung für den entstehenden tschechoslowakischen Staat kämpfen möchten. Andere Quellen belegen, dass die Anwerbungen nicht so erfolgreich waren. Einerseits weil die Leute Angst hatten, ihren Fahneneid zu brechen. Andererseits konnte man als Kriegsgefangener den Krieg auch einigermaßen in Ruhe aussitzen.

Zumindest zu Beginn liefen die Rekrutierungsaktionen eher schleppend. Der russische Staat stand diesen Legionären sehr zwiespältig gegenüber. Laut der Genfer Konvention ist es illegal, Bürger eines fremden Staates in die eigene Armee einzureihen. Man hat ihnen deshalb die russische Staatsbürgerschaft erteilt. Für Wien hatte das aber keine Bedeutung: Legionäre wurden vor dem Militärgericht als Hochverräter behandelt. Andererseits hat ihnen die russische Generalität auch nicht getraut, weil man glaubte, die Legionäre könnten jederzeit in die andere Richtung desertieren. Deshalb wurden die Legionäre bis zur berühmten Schlacht von Zborów im Juli 1917 niemals als geschlossener Kampfverband in Schlachten eingesetzt.

Legionäre wurden also nicht in der Heimat rekrutiert?

Lein: Nein, die Rekrutierung passierte ausschließlich in den Gefangenenlagern oder innerhalb der tschechischen Bevölkerung, die es ja auch in Frankreich gab.

Gab es im Verlauf des Krieges einen Stimmungswandel in der Heimat? Galt die Kriegsbegeisterung ab einem gewissen Zeitpunkt den Legionen?

Lein: Die Existenz der Legionen war bis 1917 den größten Bevölkerungsteilen nicht bekannt. Sogar das k.u.k. Militär wusste bis Zborów nicht vollständig von ihnen, man hatte sie ja nie in größerer Zahl angetroffen. Erst mit der Schlacht von 1917, die auch in der Presse breit diskutiert wurde, war das Ganze auch der österreichischen Bevölkerung bekannt.

Gibt es Aufzeichnungen darüber, wie sich tschechische Soldaten verhalten haben, wenn sie auf Landsmänner auf der anderen Seite der Front getroffen sind?

Lein: Im Wesentlichen gibt es zwei solcher Zusammentreffen. Das eine war Zborów, wo eben die tschechische Schützenbrigade zwei mehrheitlich tschechischen Regimentern auf österreichischer Seite gegenüber stand. Später wurde diskutiert, ob es vorher Absprachen gegeben hat. Wenn man sich die österreich-ungarischen Militärakten ansieht, erhärtet sich dieser Verdacht nicht. Selbst die deutschsprachigen Offiziere haben ausgesagt, dass die Niederlage im Wesentlichen durch militärische Überlegenheit verursacht wurde. Der zweite Fall betrifft die tschechoslowakische Legion, die in Italien eingesetzt wurde. Diese kam im Juni 1918 während der Piaveschlachten durch Zufall in Kontakt mit einem mehrheitlich tschechischen Regiment aus Tschaslau. Statt sich zu verbrüdern, haben die alle Legionäre, die sie schnappen konnten, der österreichischen Militärjustiz übergeben.

Gab es denn auch deutschsprachige Böhmen, die auf Seiten der Legionen gekämpft haben?

Lein: Einzelfälle. Mir ist nur einer bekannt: ein deutschsprachiger Offizier, Josef Daubek, der bei Zborów in Gefangenschaft geriet. Als er im Oktober 1918 von der Gründung der Tschechoslowakei erfahren hat, erklärt er, dass seine Loyalität nunmehr einem neu entstandenen Vaterland gilt und schloss sich als einfacher Soldat der tschechoslowakischen Legion an. Er kehrte mit den Legionen 1919 über Wladiwostok zurück in die Heimat.

In der tschechischen Geschichtsschreibung gelten die Legionen als Grundstein der Staatsbildung. Welchen Einfluss hatten die Legionäre aus Ihrer Sicht?

Lein: Militärisch waren die Legionen eher unbedeutend. Abgesehen von Zborów, der Piaveschlacht und einem Rückzugsgefecht mit deutschen Truppen sind die Legionen nie wirklich in einer offenen Feldschlacht zum Einsatz gekommen. Für die politische Argumentation aber waren sie sehr wichtig. Masaryk und Beneš konnten durch die Auslandsaktionen zeigen, das es Hunderttausende Tschechen und Slowaken gibt, die bereit sind, mit der Waffe für eine unabhängige Tschechoslowakei zu kämpfen. Man kam natürlich schnell in Argumentationsnotstand, da 150.000 Legionäre über einer Million Tschechen gegenüberstanden, die in der k.u.k. Armee kämpften. Das war ein wunder Punkt, mit dem die tschechoslowakische Politik auch in der Zwischenkriegszeit kämpfte.