Schaufenster Enkelgeneration

Schaufenster Enkelgeneration

Vier Filme porträtieren junge Deutschstämmige aus Tschechien als Europas Avantgarde

13. 2. 2013 - Text: Friedrich GoedekingText: Friedrich Goedeking; Foto: Marc Bader

Die 24-jährige Hana Filipčíková, in einer deutschsprachigen Familie im Altvatergebirge aufgewachsen, erinnert sich: „Im tschechischen Kindergarten zeigte die Kindergärtnerin einen roten Stift und fragte mich nach der Farbe. „Rot“, sagte ich auf Deutsch. Die Kindergärtnerin schüttelte den Kopf: „Nein, das ist doch eine „červená barva“ (rote Farbe, Anm. der Red.). Damals habe ich mich zum ersten Mal wegen meiner deutschen Sprache geschämt. Erst als meine Eltern mir versicherten, dass ich auch Recht habe, beruhigte ich mich. Heute ist die deutsche Sprache ein wichtiger Teil meines Ichs.“

Hana Filipčíková gehört zu den vier jungen Tschechen, die das Prager Goethe-Institut in seiner Dokumentation „Schaufenstergeneration Enkel“ in kurzen Filmen vorstellt. Das Projekt geht der Frage nach, welche Bedeutung die deutsche Sprache für die dritte Generation der in Tschechien verbliebenen Deutschen heute hat. In vier Porträts kommen junge Leute im Alter von 23 bis 31 Jahren zu Wort.

Der 31-jährige Ondřej Hruška bedauert, dass er die Chance, von der Großmutter die deutsche Sprache zu erlernen, nicht besser genutzt hat. Heute spricht er nur Tschechisch. Hingegen erzählen drei junge Frauen davon, wie Deutsch zu einem wesentlichen Teil ihrer Identität geworden ist, auf den sie stolz sind. Sie sind die erste Generation, die sich offen zu ihren deutschen Wurzeln bekennt. Die Generation ihrer Eltern und Großeltern hat nach der Vertreibung und unter dem kommunistischen Regime erlebt, wie die deutsche Sprache stigmatisiert wurde. Wer sich dennoch zu ihr bekannte, hatte unter gesellschaftlicher Diskriminierung und materieller Benachteiligung zu leiden.

Die drei Frauen gehen souverän mit ihren deutschen Wurzeln um. Bei Sandra Kreisslová war es der Vater, der von klein auf die Tochter anhielt: „Red’ mit mir Deitsch!“ So ist für sie die Mundart des Erzgebirges zur Heimat geworden. Ines Goschalová aus Chomutov, die heute als Krankenschwester in Bayern arbeitet, bezeichnet sich als Deutsche aus Böhmen. Sie erlebt es als Bereicherung, zwei Leben zu führen, daheim den sudetendeutschen Dialekt und am Arbeitsplatz hochdeutsch zu sprechen.

Dem Filmregisseur Marc Bader ist ein einfühlsamer Film gelungen. Er ist zunächst eine Würdigung der Generation der Eltern und Großeltern, die die deutsche Sprache und deutsches Kulturgut an ihre Kinder und Enkel weiter vermittelt haben. Es ist aber auch ein Film, der sich dafür eignet, in der breiten tschechischen Öffentlichkeit für Sympathie und Verständnis gegenüber der deutschen Minderheit zu werben. Für die vier jungen Leute ist die Mehrsprachigkeit ein hohes Gut. Sie haben die Idee, entweder Tschechinnen oder Deutsche zu sein, hinter sich gelassen und sich dafür entschieden beides zu sein. Damit plädieren sie für ein offenes und mehrsprachiges Europa, in dem kulturelle „Mischlinge“ ihren Platz finden und zu einer guten Nachbarschaft zwischen Tschechen und Deutschen beitragen.

Oliver Engelhard, der als Linguist das Projekt begleitete, berichtete von seinen Untersuchungen in Polen, wo er vor allem in Schlesien beobachtete, wie junge Polen beginnen, die deutsche Geschichte ihrer Städte und ihrer Regionen als die eigene Geschichte wahrzunehmen – eine Entwicklung, die in Tschechien erst langsam beginnt.



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