Sadová in Berlin
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Sadová in Berlin

Vor 100 Jahren wurde der Sportpark „Sadowa“ eröffnet - benannt nach einem Dorf in Tschechien. Heute spielt dort Bundesligist Union Berlin

7. 3. 2020 - Text: Klaus Hanisch, Titelbild: Matthias Berg, CC BY-NC-ND 2.0

Es brennen keine Freudenfeuer, als Union am 7. März 1920 gegen Viktoria 89 antritt – obwohl dies die erste Partie auf seiner neuen Sportanlage am Ortseingang von Köpenick ist. „Die Arbeiten am Stadion sind noch nicht beendet“, vermerkt die Vereinschronik heute. Doch viele neue Industrieanlagen und die wachsende Bevölkerungszahl in Oberschöneweide hätten die alte Spielstätte „bebauungsreif“ gemacht. Eine neue musste dringend her.

Was zunächst nach Bratwurst, Bier und Freundschaftsspiel klingt, ist an diesem Tag nur ein Kampf um Meisterschaftspunkte. Deshalb endet das Spiel auch unspektakulär mit 1:1. Und noch nennt sich der Klub nicht 1. FC Union Berlin, weil er erst im Januar 1966 unter diesem Namen gegründet wird, sondern Union Oberschöneweide.

Alte Försterei
Stadion „Alte Försterei“ | © Ralf Roletschek, CC BY-NC-ND 3.0

Der Sportpark ist jedoch noch immer derselbe wie vor 100 Jahren. Er heißt heute Stadion an der Alten Försterei, wegen eines benachbarten alten Forsthauses. Dieses Gebäude stand schon an jenem Märztag 1920, während die neue Anlage damals einen anderen Namen trug: Sadowa – benannt nach einem kleinen Dorf in Tschechien.

Dieses Sadowa (auf Tschechisch: Sadová) hat knapp 300 Einwohner und liegt nur etwa 15 Kilometer entfernt von Hradec Králové (Königgrätz). Der Ort wurde 1241 erstmals urkundlich erwähnt, beherbergte ein barockes Schloss – und war am 3. Juli 1866 Schauplatz des Krieges zwischen Preußen und Österreich. Im deutschsprachigen Raum ist er als „Schlacht bei Königgrätz“ im Gedächtnis geblieben, in Frankreich nannte man ihn hingegen schon damals „Schlacht von Sadowa“ („Bataille de Sadova“). Denn mitten durchs Schlachtfeld führte die Straße zwischen Königgrätz und Sadowa. Und obwohl Frankreich nicht unmittelbar daran beteiligt war, schallte alsbald der Aufschrei „Revanche pour Sadova!“ durchs Nachbarland.

„Schlacht von Königgrätz“ (Gemälde von Georg Bleibtreu, 1868)

Die bis dahin größte kriegerische Auseinandersetzung zweier Großmächte war „ein epochales Ereignis, das Europa verändert hat“, wie „Die Zeit“ im Sommer 2016 zum 150. Jubiläum anmerkte. Allerdings entschieden mehr als 400.000 Soldaten auf wenigen Quadratkilometern zunächst vor allem über die Zukunft des Deutschen Bunds. Nachdem Preußen diese Schlacht mit fast 8.000 Toten und den sogenannten Deutschen Krieg gewonnen hatte, wurde es zur führenden Macht.

Speziell Frankreich „sah sich um seine Rolle und Gewinne gebracht“, so „Die Welt“ Ende Juli 2016. Während Preußen rasch Frieden mit Österreich schloss und einen geeinten Norddeutschen Bund unter seiner Führung schuf, fühlte sich Frankreich gedemütigt und erniedrigt. Die Franzosen wollten „Rache für Sadowa“, die Feindseligkeiten mündeten 1870 schließlich in den Deutsch-Französischen Krieg.

In Berlin bohrte sich der Name Sadowa nach der Schlacht von 1866 tief ins Bewusstsein ein. Die Erinnerung daran „diente den Preußen jener Tage der nationalen Erbauung und gab nicht selten einen willkommenen Anlass für Namensgebungen“, wie Jörn Luther und Frank Willmann in ihrem Buch „Eisern Union!“ über den 1. FC Union Berlin anmerken. Besonders traf dies auf Oberschöneweide zu, einem Ortsteil im Bezirk Treptow-Köpenick und bedeutenden Fabrikstandort für spätere Weltfirmen wie AEG. Ende der 1860er Jahre eröffnete dort ein Gasthaus namens Sadowa, das zu einem beliebten Ausflugsziel für gestresste Berliner im Wuhlheider Forst wurde. Sogar mit Dampferanlegestelle am Spreeufer.

Industriebauten der Gründerzeit am Spreeufer | © A. Savin, FAL 1.3

Denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stand die Stadt „vor dem Problem einer enormen Bevölkerungsexplosion“, wie in einer „Berlin-Geschichte“ der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit nachzulesen ist. Zwischen 1857 und 1871 verdoppelte sich nahezu die Einwohnerzahl, überstieg 1877 erstmals die Millionen-Grenze und wuchs bis 1905 bereits auf zwei Millionen. „Berlin zog wie keine andere Stadt Zuwanderer an“, steht heute in Chroniken, die Metropole Preußens erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung – und das Ausflugslokal an der Mündung von der Wuhle in die Spree wurde gleichsam zur Keimzelle für den Namen „Sadowa“.

Denn lange bevor Union seine Spielstätte ab 1920 als „Sadowa-Platz“ (oder „Sportplatz Sadowa“) bezeichnete, hieß schon eine nahe der Waldschänke gelegene Haltestation so. Sie wurde im Winter 1877 eröffnet, war nicht nur ein Stopp für die Niederschlesisch-Märkische Bahn zwischen Berlin und Breslau, sondern lag auch an der Kreuzung mehrerer Waldwege und -straßen. Deshalb entwickelte sie sich schnell zu einem stark frequentierten Verkehrsknotenpunkt. Aus der einfachen Haltestelle gedieh Anfang des 20. Jahrhunderts ein richtiger Bahnhof Sadowa, mit Bahnhofsgebäude, Fußgängerbrücke zu den Bahnsteigen und einer Straßenbrücke. Erst seit 1929 heißt er Bahnhof Wuhlheide.

Der Bahnhof „Sadowa“ …
… heißt heute „Wuhlheide“. | © Andreas Steinhoff

Das Gartenlokal erhielt einen großen Saal und bot ab 1879 sogar zwölf Sommerwohnungen an. Im Anschluss an das „inzwischen opulent ausgebaute Etablissement Sadowa“ sollte gar eine Villensiedlung entstehen, doch von dort aus lag der Haltepunkt Sadowa zu weit weg. Und laut „Verkehrsgeschichtlicher Blätter“ hätte die „Besucher Sadowascher Vergnügungen“ ein langer Rückweg zur Bahn „nach ausgiebigem Amüsement durch die nächtlich dunkle Wuhlheide abgeschreckt.“

Dagegen betrug der Fußweg vom Haltepunkt Sadowa zur gleichnamigen Großgaststätte neben der Wuhlemündung nur etwa anderthalb Kilometer. Gleich weit entfernt war ein etwas weiter westlich gelegenes Bootshaus namens Sadowa. „Kein Wunder also, dass in letzterem gleich mehrere Rudervereine ihre Heimstatt fanden“, führte ein Festredner zur 100-Jahr-Feier eben jenes Bootshauses im Juli 2015 aus.

Tatsächlich trugen Ruderer – lange vor Union – dort Wettkämpfe aus, den ersten bereits im September 1878 zwischen Sadowa und einem anderen Ausflugslokal namens „Ostend“. Im Jahr 1900 fand die erste Deutsche Meisterschaft im Einer statt. Das Gebiet war auch Schauplatz für die erste Segler-Regatta in Deutschland mit 32 Jachten. „Tausende Besucher kamen vor die Tore Berlins, um die Wettfahrten zu verfolgen“, blickte der Autor einer Story über Wassersport in „tour’s“ zurück. Goldene Zeiten auch für das Lokal „Sadowa“. Zumal „eine Fahrt von der Berliner Stadtbahn bis zum Haltepunkt Sadowa oder nach Köpenick“ laut Festrede „nur ganze 20 Pfennige kostete“.

So überrascht nicht, dass ein Pionier des Berliner Rudersports sogar zu einer Legende wurde: Willy Eschholz (1872-1961) wohnte an der Ruderanlage, war ein großer Förderer von jungen Rudersportlern – und erhielt wegen seines Rauschebarts den Spitznamen „Kaiser von Sadowa“. Prinzipiell nannte der Volksmund zu jener Zeit gerne die gesamte Wuhlheide einfach nur „Sadowa“. Berichte über das alte Berlin führen auch eine Kinder-Walderholungsstätte mit diesem Namen auf, 1903 vom Roten Kreuz errichtet, und ebenso eine zwei Jahre zuvor am Bahnhof erbaute AEG-Heilstätte Sadowa für Arbeiter. Außerdem gab es einige Jahre später eine „Erholungsstätte Sadowa“ der Berliner Gaswerke.

Forsthaus „Alte Försterei“ (2007)

Meisterschaftsspiele wurden in Sadowa bis kurz vor Kriegsende ausgetragen, während der Nebenplatz und die angrenzende Kleingarten-Siedlung für militärische Zwecke dienten. Nach dem Krieg erwähnte die Berliner Zeitung den Sportplatz Sadowa, Alte Försterei, schon am 1. Juli erneut, wegen einer Partie zwischen Oberschöneweide und Grünau. Das Restaurant Sadowa, von Zeitzeugen als „überaus reizvolles Gartenlokal“ beschrieben, überlebte allerdings „die Wirren der Zeit“ nicht.

Trotzdem existiert der Name Sadowa bis heute in Berlin fort. In Kaulsdorf gibt es eine Sadowastraße mit der Postleitzahl 12623. Und eine weitere in Karlshorst mit der Postleitzahl 10318. Unweit des ehemaligen Gasthauses hat der Anglerverein SAV Sadowa e.V. sein Domizil. Vor sechs Jahren wurde ein Geocache unter dem Titel „Rache für Sadowa 2.0“ nicht weit von der Alten Försterei versteckt, allerdings mit geringem Schwierigkeitsgrad.

„Rache für Sadowa” brüllten auch Union-Anhänger bei Siegen ihrer Mannschaft nach der Platzweihe 1920, bevor ihr Schlachtruf „Eisern Union“ Schule machte. „Das hatte seine Ursache darin, dass der Verein über den Umzug nicht glücklich war – kam der neue Standort für die Unioner doch einer Verbannung gleich“, klären Luther und Willmann in ihrer Chronik auf, „für diese Schmach musste man sich kräftig an den jeweiligen sportlichen Gegnern rächen.“

Union Berlin – HFC Chemie (1. Juni 1974) | © BA Bild 183-N0601-0037/Klaus Franke, CC BY-SA 3.0

Die Berliner Union kam zwar nie nach Sadová, dafür gastierte der Fußballklub aus dem Sadová-nahen Hradec Králové im Sommer 1978 bei Union. „Wir waren auf der Fahrt zu einem kurzen Trainingslager an die Ostsee“, erinnert sich Ladislav Škorpil gegenüber der „Prager Zeitung“. Er war zu der Zeit Trainer bei Spartak ZVÚ Hradec Králové, einem Vorläufer des heutigen FC Hradec Králové. Der Klub aus der zweiten tschechischen Liga spielte gegen Warnemünde und Rostock – und am 18. Juli auch gegen den 1. FC Union, damals eine Mannschaft aus dem Mittelfeld der DDR-Oberliga, der höchsten Spielklasse des Landes. „Wir gingen rasch 2:0 in Führung“, weiß Škorpil noch heute, „doch dann hatte ich den Eindruck, dass meine Spieler nicht mehr genug Tempo machten und den Gegner kommen ließen“. Immerhin gewannen die Tschechen am Ende knapp mit 2:1.

Einen weiteren Kontakt zwischen Union und der damaligen Tschechoslowakei gab es ein Jahr später durch eine Fan-Initiative. 1979 fuhren einige Tausend Union-Anhänger nach Prag, um die West-Berliner Hertha im Halbfinale des Uefa-Cups gegen Dukla zu unterstützen. Beide Fan-Lager waren in dunklen kommunistischen Tagen freundschaftlich verbunden, rund 5.000 Deutsche sollen damals in Prag gewesen sein, die Hälfte davon aus der DDR. Auch sie trugen meterhohe Fahnen, was zu Konflikten mit der tschechischen Polizei und mit Dukla-Fans führte. Nach dem Spiel gingen sie gemeinsam „ins Fleků und haben gut gesoffen“, wie ein Union-Fan hinterher berichtete.

Im Sommer 1920 wurden die Arbeiten am Sadowa-Stadion abgeschlossen. Umkleidebaracke, Geräteschuppen, Toiletten, Ausschank, beide Kassenhäuschen und die flachen Stehplatzreihen für 10.000 Zuschauer waren erstellt. So kam es am 7. August 1920 endlich zur festlichen Einweihung. Zu Besuch war kein geringer als der Deutsche Meister 1. FC Nürnberg. Gastgeber Union Oberschöneweide ging selbst als Berliner Meister und Teilnehmer an der Deutschen Meisterschaft in die Begegnung, unterlag aber „vor der damaligen Rekordkulisse von über 7.000 Zuschauern knapp und recht unglücklich mit 1:2“, wie die Chronik anmerkt.

Union ist heute Kult, der Klub sieht sich als Gegenpol zu Kommerz und Establishment, weshalb er schon in der DDR im Visier der Stasi war. Er etablierte ab 2003 das gemeinsame Weihnachtssingen in deutschen Stadien und ließ seine Fans zur Fußball-WM 2014 Sofas auf dem Stadionrasen aufstellen. Mehr als 2.000 Anhänger halfen mit eigenen Händen in rund 140.000 Arbeitsstunden beim Stadionausbau, weil das Geld knapp war.

Über 5.000 von ihnen kauften vor acht Jahren Aktien am Stadion – auch um zu verhindern, dass es wechselnde Sponsorennamen trägt. Denn auch das traditionsreiche Gelände ist Kult. Die Anzeigetafel wird noch immer per Hand bedient, nicht einmal 4.000 der knapp 22.000 Plätze sind Sitzplätze. Und bis vor wenigen Wochen trug das Stadion auf dem Dach über der Tribüne den Schriftzug: „1920 eigener Sportpark Sadowa“. Seit Jahresbeginn steht dort – weniger kriegsbelastet – einfach „100 Jahre Fußball in der Wuhlheide“.

Alte Försterei
Stadion an der Alten Försterei | © Ralf Roletschek, CC BY-NC-ND 3.0


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Kommentare

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  1. Die gleichen Unioner die es dran geschrieben haben. Es ist nur eine Neugestaltung, welche es noch öfter geben wird.

    Das hat nichts “verleugnen” zu tun. Sadowa steht in allen unseren Büchern, in der Chronik und es wird zu gegebener auch an anderer Stelle wieder auftauchen.
    Abgesehen davon hies in der Region damals wirklich alles Sadowa und auch deshalb nannten die Unioner es sehr schnell “Stadion an der Alten Försterei”.

    Freunde , wir lassen die Flamme brennen und setzen uns nicht nur ehrfürchtig vor die Asche. Wir werden ewig leben.

    Eisern Union

    @Wille: Der Anfang wovon? Da fängt nichts an. Wir bestimmen unseren Weg allein.





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