Rückkehr nur auf eigene Rechnung

Rückkehr nur auf eigene Rechnung

Das Außenministerium verwehrt Wolhynientschechen in der Ukraine ein Rückkehrerprogramm. Die sind enttäuscht von der Heimat ihrer Vorfahren

26. 3. 2014 - Text: Martin NejezchlebaText: Martin Nejezchleba; Foto: Amba

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So einfach wollen sich die Wolhy­nientschechen in der Ukraine nicht von Außenminister Lubomír Zaorálek (ČSSD) abspeisen lassen. „Unsere Leute sind enttäuscht, sehr enttäuscht“, sagte Ema Snidewitschowa, Vorsitzende der Gemeinschaft der Wolhynientschechen im westukrainischen Schytomyr-Bezirk,  gegenüber der Nachrichtenagentur ČTK. Am Montag hatte der Außenminister bekanntgegeben, dass derzeit kein Anlass für ein Rücksiedlungsprogramm für die tschechische Minderheit bestehe. Damit werde man sich nicht zufriedengeben, sagte Snidewitschowa.

Anfang März ging im Palais Czernin am Prager Hradschin ein Schreiben der Schytomyrer Wolhynientschechen ein. Darin forderte die Minderheit vom tschechischen Staat Hilfe bei der Rücksiedlung von rund 40 Familien aus der Region. Man fühle sich unsicher, die Kriminalität steige infolge der politischen Entwicklungen in der Ukraine. Das Ministerium entsandte daraufhin eine Mission in die Region, die etwa 150 Kilometer westlich der Hauptstadt Kiew liegt.

„Die Sicherheitslage hat sich in dieser Gegend nicht ernsthaft verändert“, gab Außenminister Zaorálek am Montag im Prager Regierungssitz bekannt. Die Wolhynientschechen seien wohl eher aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen an einer Umsiedlung interessiert. „Die sind um 11 Uhr morgens gekommen und eineinhalb Stunden später wieder abgefahren. Was hätten sie herausfinden sollen? Dass die Sonne scheint und das Wetter schön ist?“, fragt Snidewitschowa. Die Mission habe ein Diplomat geleitet, der sich langfristig mit der Situation der tschechischen Minderheit auseinandersetze, lautet die Antwort aus dem Ministerium.

Das Außenministerium schätzt, dass in der gesamten Ukraine derzeit 6.000 Menschen mit tschechischen Wurzeln leben. Laut der Vorsitzenden des tschechischen „Vereins der Wolhynientschechen und ihrer Freunde“, Jaromíra Němcová Ničová, die sich auf ukrainische Statistiken beruft, beläuft sich jedoch allein die Zahl der Wolhynientschechen auf bis zu 20.000 Menschen.

Neben den Wolhynientschechen gibt es auch eine zahlreiche tschechische Minderheit auf der russisch besetzten Krim. Von der Krim habe man laut dem Außenministerium bislang keine Anfragen auf Rücksiedlung erhalten. „Laut Angaben der Vorsitzenden des Tschechischen Nationalrats in der Ukraine, die sich in intensivem Kontakt mit den Tschechen auf der Krim befindet, fühlen sich die Leute dort nicht bedroht“, erklärt die Pressesprecherin des Außenministeriums Johana Grohová.

Angst vor den Hopfenbauern
So wie die Wolhyniendeutschen siedelten Böhmen und Mähren im 19. Jahrhundert in das damals zum russischen Zarenreich gehörende Wolhynien um. Nach der Niederlage im Polnisch-Russischen Krieg 1831 wurden die Polen gezwungen, ihre Grundstücke zu niedrigen Preisen zu verkaufen. In der an das habsburgische Galizien angrenzenden Region entstanden 200 tschechische Dörfer und die erste Brauerei in Russland.

Das Ende des Ersten Weltkriegs und die Sowjetunion brachten Enteignungen und Unterdrückung der tschechischen Minderheit mit sich. Die größte Tragödie aber kam mit der Besetzung durch die Deutschen. Symbol für die Verfolgung der Wolhynientschechen durch die Nationalsozialisten wurde das Dorf Český Malín: Im Juli 1944 wurde es niedergebrannt. 347 Menschen, darunter unzählige Kinder, starben.

1947 setzte die erste große Rückkehrwelle der Wolhynientschechen ein. „Wir wollten in die Region um Saaz, da wir Erfahrungen mit Hopfenanbau hatten“, erzählt die Verbandsvorsitzende Němcová Ničová. Als kleines Kind kehrte sie in die damalige Tschechoslowakei zurück – zusammen mit insgesamt 33.000 Wolhynientschechen. „Das kommunistische Regime hatte Angst, weil wir die Grausamkeiten des Sowjetkommunismus erlebt hatten“, sagt Němcová Ničová. Auch deshalb habe man die Rückkehrer damals auf das ganze Land verteilt, vornehmlich ins ehemalige Sudetenland.

Eine zweite Rückkehrerwelle kam mit dem Ende der Sowjetunion. Mit der Unabhängigkeit der Ukraine wurde damals der Weg für die Rückkehr von mehr als 1.000 Wolhynientschechen frei, die bereits nach der Katas­trophe von Tschernobyl eine Umsiedlung beantragt hatten.

Němcová Ničová erinnert daran, dass damals nicht alle ukrainischen Tschechen aus der Region zurückgeholt wurden. Ihr Verband werde sich jetzt vor allem für ein Rückkehrprogramm für diese Wolhynientschechen einsetzen. Ein Staat, so Němcová Ničová, müsse sich doch um seine Landsleute im Ausland kümmern. Die Ablehnung des Rückkehrprogramms durch das Außenministerium kann sie jedoch nachvollziehen: „Ich denke nicht, dass die Situation dort im Moment so schlimm ist.“

Zu finanzieller Unterstützung, Integrationshilfe und Sprachkursen für die Wolhynientschechen wird es vorerst also nicht kommen. Man werde laut Außenminister Zaorálek den Standpunkt überdenken, sobald es zu einer „entscheidenden Eskalation der Situation kommt“. Premierminister Bohuslav Sobotka (ČSSD) erinnerte daran, dass auch abseits eines Rückkehrprogramms für jeden, der seine tschechische Abstammung belege, die Möglichkeit bestehe, eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung im Eilverfahren zu erhalten. Ema Snidewitschowa kündigte an, sie wolle dennoch weiterhin ein Rückkehrprogramm für die Wolhy­nientschechen fordern.