„Prag sollte die ambitionierteste Umweltzone der Welt einrichten“

„Prag sollte die ambitionierteste Umweltzone der Welt einrichten“

Der dänische Abgasexperte Kåre Press-Kristensen erklärt, warum EU-Grenzwerte für Feinstaub uns nicht vor der eigentlichen Gefahr schützen

26. 3. 2014 - Interview: Martin Nejezchleba

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Journalisten und Fernsehkameras begleiteten den Umwelt­experten vom Dänischen Ökologischen Rat (Det Økologiske Råd) Kåre Press-Kristensen bei seinen Messungen in Prag und Brünn. PZ-Redakteur Martin Nejezchleba sprach mit ihm über die Gefahren von Nanopartikeln und darüber, wie eine Umweltzone in Prag aussehen sollte.

Herr Press-Kristensen, Sie sind durch mehrere europäische Städte gereist um die Atemluft zu messen. Was hat es mit diesem Projekt auf sich?

Kåre Press-Kristensen: Wir wollen auf gesundheitsschädigende Folgen von Luftverschmutzung durch Verkehr aufmerksam machen. Aufklären wollen wir vor allem darüber, dass die PM10- und PM2,5-Partikel, für die es in Europa Grenzwerte gibt, nicht von Abgasen stammen. Sie entstehen durch regionale Verschmutzung, Staub von Straßen, Reifen und Bremsen. Für die wirklich gefährlichen Abgaspartikel haben wir keine Grenzwerte. Das sind Ultrafeinstaub-Partikel, die tief in die Lungen eindringen und ernsthafte Gesundheitsschäden verursachen – Herzanfälle, Atemwegserkrankungen, Krebs. Unser Ziel ist es, auch Politiker darüber aufzuklären, dass wir nicht nur Umweltzonen brauchen, die Feinstaubbelastung senken. Wir müssen diese kleinsten Staubpartikel reduzieren und damit die Gesundheit der Bevölkerung schützen.

Um welche Partikel handelt es sich denn?

Press-Kristensen: Es geht um PM0,1. Das sind ganz winzige Staubpartikel im Nano-Bereich. Diese Rußpartikel entstehen in Dieselabgasen und sind kleiner als 100 Nanometer. Sie treten in großer Zahl und geringer Masse auf. Deshalb misst man sie in Anzahl von Partikeln auf Kubikzentimeter.

Warum sind sie so gefährlich?

Press-Kristensen: Die großen Partikel setzen sich in der Nase ab, die PM2,5-Partikel in den Bronchien. Aber die Ultrafeinstaub-Partikel dringen bis in die Lungenbläschen vor und lagern sich dort ab. Unser Organismus wird sie nicht mehr los, sie sammeln sich im Körper an und gelangen in den Blutkreislauf. Deshalb haben diese Partikel weiterreichende Folgen als nur Atemwegserkrankungen.

Warum aber gibt es gerade für die wirklich gefährlichen Partikel keine Grenzwerte?

Press-Kristensen: Weil das Zeit braucht. Messinstrumente dafür gibt es seit knapp 15 Jahren. Heute können Forscher sie messen und Experimente über Auswirkungen machen. Aber das allein bringt noch keine Grenzwerte. Viele Mitgliedsstaaten erfüllen ja nicht einmal die existierenden Grenzwerte. Die Kommission befürchtet zurecht, dass die Mitgliedsstaaten deshalb gegen neue Auflagen stimmen würden. Das ändert aber nichts an der Realität: Rußpartikel sind extrem gefährlich. Es gibt allerdings Abgasrichtlinien für neue Fahrzeuge, die diese Ultrafeinstaub-Partikel berücksichtigen. Neue Dieselfahrzeuge müssen mit Rußpartikelfiltern ausgestattet sein.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie bei Ihren Messungen in Tschechien gekommen?

Press-Kristensen: Um es kurz zu machen: In Prag und Brünn haben wir in etwa die gleichen Ultrafeinstaubwerte gemessen wie in Bratislava. Die Niveaus sind dort viel höher als zum Beispiel in Kopenhagen, Berlin oder Mailand. Ein entscheidender Faktor ist dabei sicher, dass die zuletzt genannten Städte Umweltzonen haben. Sie sind ein einfacher Weg mit großer Wirkung. Von Vorteil ist dabei nicht nur, dass die Bevölkerung gesünder ist. Wenn die Leute weniger krank werden – und Feinstaubpartikel können sehr krank machen, steigt die Produktivität und damit die Konkurrenzfähigkeit.

In Deutschland kamen Zweifel an der Effektivität von Umweltzonen auf, etwa durch eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme. Können Sie da etwas dagegenhalten?

Press-Kristensen: Es kommt darauf an, wie und was man misst. Die meisten europäischen Studien basieren auf den Messungen von PM2,5 und PM10. Durch Umweltzonen werden diese Partikel nicht reduziert – und zwar deswegen, weil sie nicht aus Abgasen stammen. Das müssen wir immer im Hinterkopf behalten, wenn wir solche Studien betrachten. Zudem stellt sich auch immer die Frage, wie Umweltzonen umgesetzt werden. In Deutschland sind die Strafen nicht besonders hart. Wenn ich mich recht erinnere, muss man für das Fahren in deutschen Umweltzonen ohne Plakette nur 40 Euro bezahlen. In Dänemark liegt die Strafe für Lkw-Fahrer bei 2.000 Euro, für einen Pkw-Fahrer beträgt die Geldstrafe etwa 700 Euro. Wenn die Kontrollen lasch oder die Strafen gering sind, dann sind die Umweltzonen auch nicht so effizient.

Im Prager Rathaus wird momentan die Einführung einer Umweltzone diskutiert. Was sollten die Stadträte dabei beachten? Kon­trolle und Bestrafung haben Sie ja schon genannt …

Press-Kristensen: Prag sollte die ambitioniertesten Umweltzonen der Welt einführen. Damit alle dänischen Touristen nach ihrem Prag-Urlaub sagen: Wow, in Prag haben sie sauberere Autos als in Kopenhagen. Prag sollte von den Fehlern anderer Städte lernen. Einer der Fehler ist zum Beispiel, dass man sich nur auf Feinstaubfilter konzentriert hat und nicht auf die Reduktion von Stickoxiden. Prag verletzt die Grenzwerte für Stickoxide – so wie viele europäische Städte. Man könnte die Grenzwerte in die Umweltzonen mit einbeziehen und sowohl Regeln für Feinstaubfiltern als auch für den Stickoxid-Ausstoß von Lkw einführen. Reduzieren kann man dieses Gas mit Katalysatoren. Prag sollte allen großen europäischen Städten zeigen, wie sauber die Luft in einer Stadt sein kann. Ich biete dazu gratis meine Expertise an, ich kann beraten und mit den Entscheidungsträgern diskutieren.