Politisches Tauwetter

Politisches Tauwetter

Palästinas Botschafter über seine Arbeit in Prag, den Nahost-Konflikt und das Verhältnis zu seinem israelischen Amtskollegen

16. 7. 2015 - Text: Stefan WelzelInterview: Stefan Welzel; Foto: Khaled Alattrash/APZ

1988 rief die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) in Algier einen eigenständigen palästinensischen Staat aus. Seither wurden weltweit über 90 Botschaften und Missionen erstellt. Vor zweieinhalb Jahren ordnete der PLO-Vorsitzende Mahmud Abbas an, im offiziellen Amtsverkehr nicht mehr „Palästinensische Autonomiebehörde“, sondern den Begriff „Staat Palästina“ zu verwenden, obwohl er als solcher noch längst nicht von allen UN-Mitgliedern als solcher anerkannt wird. Auch die Prager Botschaft weist ihr Land im Briefkopf nun als Palästina aus. Die traditionell guten Beziehungen zwischen Tschechien und Israel sorgen für ein Schattendasein der palästinensischen Vertretung in Prag. Mit den gegenseitigen Besuchen von Tschechiens Außenminister Lubomír Zaorálek (ČSSD) und seinem Amtskollegen Riad al-Maliki im Juni scheinen sich die Beziehungen beider Länder nun zu verbessern. Mit dem palästinensischen Botschafter Khaled Alattrash sprach PZ-Redakteur Stefan Welzel über das politische Tauwetter, das Verhältnis zu seinem israelischen Amtskollegen und über sein Leben in der tschechischen Hauptstadt.

Herr Alattrash, Sie sind nun seit einem dreiviertel Jahr in Prag. Wie gefällt Ihnen die Stadt?

Khaled Alattrash: Ich bin geradezu fasziniert von diesem wunderbaren Land und dieser fantastischen Stadt. Hier kann man den Geist der Geschichte förmlich atmen, das hat viel Charme.

Haben Sie einen Lieblingsort in Prag?

Alattrash: Ich mag das Zentrum. Ich spaziere oft vom Wenzelsplatz über den Altstädter Ring zur Karlsbrücke. Zugegeben, es ist die Touristenmeile. Aber ich empfinde diese Altstadt einfach als etwas außergewöhnlich Schönes.

Nach Sarajevo ist Prag Ihre zweite Station als Botschafter in Europa. Wie erleben Sie die Tschechen und ihre Mentalität?

Alattrash: Sehr positiv und offen. Ich habe sie bisher als äußerst freundliche und interessierte Menschen kennengelernt.

Obwohl Tschechen allgemein ja eher als zurückhaltend, im europäischen Vergleich sogar als introvertiert gelten …

Alattrash: Da habe ich persönlich andere Erfahrungen gemacht. Natürlich, ich wohne erst seit acht Monaten hier. Doch wenn ich mit Leuten von der Straße in Kontakt komme, erhalte ich meistens positive Reaktionen. Besonders dann, wenn sie erfahren, woher ich komme. Viele Tschechen scheinen sehr interessiert an uns und unserer Kultur zu sein.

Was macht man als Diplomat, wenn man in ein neues Land kommt und es schnell kennenlernen möchte?

Alattrash: Ich mag es, mich in Freizeitkleidung in das Großstadtgetümmel zu werfen. Ich gehe dann spazieren oder fahre mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Das gibt mir einen guten Eindruck von der Stadt und ihren Bewohnern, der Art wie sie leben. Generell ist es meine Aufgabe, die bilateralen Beziehungen zwischen der Tschechischen Republik und Palästina zu pflegen und zu erweitern. Das beinhaltet natürlich ein sehr weites Betätigungsfeld. Neben dem politischen Mandat ist es immer mein Ziel, den Menschen im Gastgeberland zu zeigen, wer wir sind.

Wie wollen Sie das erreichen?

Alattrash: Wir fördern zum Beispiel die Präsentation palästinensischer Kultur in verschiedenen Bereichen wie Musik, Kunst, Literatur oder Gastronomie. Wir nutzen nun auch verstärkt soziale Netzwerke wie Facebook. Denn was unser Land betrifft, besteht immer noch ein großer Mangel an Informationen. Das hat besonders damit zu tun, dass in der Öffentlichkeit vor allem die unilaterale, israel-freundliche Sichtweise vorherrscht. Viele Tschechen kennen daher einfach die israelische Version der Geschichte des Nahost-Konflikts, die Version des Besatzers. Ich muss allerdings dazu sagen: Wenn ich von der israelischen Sichtweise spreche, so meine ich diejenige der israelischen Regierung und nicht pauschal die des israelischen Volkes.

Die Tschechische Republik pflegt eine außerordentlich enge Freundschaft mit Israel. Wie beeinflusst dieses gute Verhältnis dasjenige zwischen Palästinensern und Tschechen?

Alattrash: Eines vorweg: Das angesprochene gute Verhältnis ist eine Entscheidung des souveränen Staates Tschechien. Dagegen haben wir absolut nichts einzuwenden. Andererseits freuen wir uns über die positive Entwicklung der bilateralen Beziehungen zwischen uns und der Tschechischen Republik. Wir schätzen auch die veränderte Position der von den Sozialdemokraten geführten Regierung, die auf ein ausgeglichenes Auftreten im Nahost-Konflikt abzielt.

Der tschechische Außenminister hat erst Anfang Juni Israel und die Palästinensischen Gebiete besucht. Nach seiner Rückkehr zeigte er sich schockiert über die Zustände im Gaza-Streifen und geißelte sogar die illegalen jüdischen Siedlungen als Unrecht. Es war das erste Mal in der jüngeren Geschichte des Landes, dass sich ein hoher Politiker derart äußerte. Wie schätzen Sie diese Worte ein?

Alattrash: Die Aussagen von Außenminister Zaorálek kamen zustande, nachdem er mit eigenen Augen gesehen hatte, was in Gaza geschieht. Vor Ort konnte er einfache Menschen treffen und die von der israelischen Armee angerichtete Zerstörung mit eigenen Augen sehen. Außerdem sind es die Bürger in Tschechien nicht gewohnt, irgendeine öffentliche Kritik an Israel zu vernehmen. Im Gegenteil: Sie sind einer medialen Berichterstattung ausgesetzt, die einseitige Fakten des Konflikts präsentiert. Zaoráleks Äußerungen zeugen nun erstmals von einer ausgeglicheneren Einstellung – zumindest von Seiten der tschechischen Regierung. Dennoch möchte ich daran erinnern, dass Tschechien das einzige EU-Land war, das 2012 vor der UN-Vollversammlung gegen die Anerkennung Palästinas als beobachtendes Nicht-Mitglied gestimmt hat (damals noch unter der konservativen Vorgängerregierung von Petr Nečas; Anm. d. Red.). Wir bitten unsere tschechischen Freunde gewiss nicht, ihre guten Beziehungen zu Israel zu kappen. Und auch nicht darum, bedingungslos an unserer Seite zu stehen. Doch die Unterstützung der UN-Resolutionen, der offiziellen EU-Position und des gängigen internationalen Rechts – das wäre angebracht.

Sehen Sie in der leicht veränderten Position Tschechiens eine langfristige Grundlage, die Beziehungen zu Palästina zu verbessern?

Alattrash: Absolut. Mitte Juni haben die beiden Außenminister in Prag eine gemeinsame Absichtserklärung unterzeichnet, die Ministertreffen im Zweijahresrhythmus vorsehen. Mit dabei waren auch die jeweiligen stellvertretenden Minister der Ressorts Landwirtschaft, Bildung, Handel, Wirtschaft und Energie. Es waren hervorragende Gespräche und man kann sagen, dass an diesem Tag ein entscheidender Schritt in der Entwicklung der beidseitigen Beziehungen gelungen ist.

Was halten Sie von der Idee des tschechischen Außenministers, Prag als Ort für mögliche zukünftige Friedensgespräche zwischen Israelis und Palästinensern vorzuschlagen?

Alattrash: Der Friedensprozess ist zur Zeit völlig eingefroren. Der Vorschlag zeugt allerdings vom guten Willen der tschechischen Regierung, den Prozess wieder in Gang zu bringen. Doch das Problem ist wahrlich nicht der Ort, an dem potentielle Friedensgespräche stattfinden könnten, sondern die Haltung der israelischen Regierung. Ministerpräsident Netanjahu versprach seinen Wählern, dass er es während seiner Amtszeit nicht zulassen werde, dass sich ein unabhängiger palästinensischer Staat etabliert. 25 Jahre nach der Friedenskonferenz in Madrid hat sich nicht wirklich etwas verbessert. Im Gegenteil: Die Situation verschlechtert sich zusehends.

Ein Problem, dass nur von israelischer Seite verursacht wird?

Alattrash: Israel sagt immer, es gäbe keinen ernsthaften Verhandlungspartner auf der anderen Seite. Dabei ist es offensichtlich, dass unser Präsident Mahmud Abbas die bestmögliche Ansprechperson für den Friedensprozess ist. 2005 gewann er die Wahlen mit 62 Prozent der Stimmen, unter anderem auch mit dem Slogan „Keine Gewalt, ziviler Widerstand und Teilnahme am Friedensprozess“. Leider ist es so, dass wir keine ernsthaften Verhandlungspartner auf israelischer Seite finden. Den Frieden und die Zwei-Staaten-Lösung erreicht man jedenfalls nicht, indem man die jüdischen Siedlungen in der Westbank und Ost-Jerusalem täglich erweitert.

Kehren wir nach Prag zurück. Haben Sie Kontakt zu ihrem israelischen Amtskollegen Gary Koren?

Alattrash: Offiziell nicht. Der Grund hierfür ist einfach: Er repräsentiert den israelischen Staat und dessen Regierung. So zu tun, als wäre alles in Ordnung und normale Beziehungen zu unterhalten, würde einen falschen Eindruck vermitteln. Sollte Israel die Okkupation beenden, würde sich alles schnell normalisieren; nicht nur die Beziehung zu Palästina, sondern auch zu den Nachbarn und allen arabischen Ländern.

Hätten Sie als Botschafter denn die Entscheidungsfreiheit, mit dem israelischen Botschafter in Kontakt zu treten oder untersagt das Ihnen Ihre Regierung?

Alattrash: Es gibt immer einen Unterschied zwischen mir als Privatmensch und dem, was ich repräsentiere. Letzteres ist der Staat Palästina und seine Politik. Also drückt alles, was ich tue, die Haltung meines Landes aus. In normalen und formellen Kontakt mit meinem israelischen Kollegen kann ich nur kommen, wenn sich auch die Beziehungen zwischen den höchsten Politikern beider Parteien normalisieren. Doch das geschieht zur Zeit nicht. Die Frage wird mir übrigens oft gestellt. Ich persönlich habe nichts gegen Herrn Koren. Ich habe keine Probleme damit, ihm die Hand zu geben und mich nach seinem Wohlergehen zu erkunden – wie es auch schon geschehen ist. Aber es gibt nun einmal diesen Konflikt …

Hierzulande führen nicht wenige die Geschehnisse von 1938 ins Feld, um zu erklären, warum Tschechien so israel-freundlich agiert. Damals war die Tschecho­slowakei nach dem Münchner Abkommen gänzlich von Feinden umstellt. Aus diesem Grund könne man mit den Israelis mitfühlen. Können Sie nicht auch nachvollziehen, dass sich Israel bedroht und von Feinden umzingelt sieht?

Alattrash: Nein. Das wird von israelischer Seite gerne so dargestellt – mit Erfolg. Der israelische Staat ist gerade einmal 66 Jahre alt und wurde auf dem Land errichtet, dessen vorherige Besitzer vertrieben und somit zu Flüchtlingen wurden. Ich selbst bin der Sohn eines Vertriebenen. Zudem darf man nicht vergessen, dass Israel von 57 Ländern der OIC (Organisation für Islamische Zusammenarbeit; Anm. d. Red.) anerkannt wird. Zu den Tschechen und ihrem Verständnis für Israel: Ich glaube, dass sich die tschechischen Bürger auch immer mehr für die palästinensische Sichtweise interessieren.

Sie sprachen vorher von den parteiischen Medien in Tschechien. Welche Erfahrungen haben Sie persönlich mit tschechischen Journalisten gemacht?

Alattrash: Es gibt in diesem Land viele gute, objektive Journalisten und Zeitungen, die nach der Wahrheit suchen. Aber es gibt auch viele, die blind der israelischen Position folgen.

Das Medienecho war sehr groß, als Ihr Vorgänger im Januar 2014 bei einer Explosion in der Botschaft ums Leben kam. Der Vertretung wurde unter anderem vorgeworfen, illegale Waffen zu bunkern. Das war natürlich dankbares Futter für die Kritiker der palästinensischen Sache.

Alattrash: Das liegt inzwischen weit hinter uns. Ich muss aber eingestehen, dass von unserer Seite damals wohl einiges schlecht gehandhabt wurde. Wie dem auch sei, wir haben durch einen tragischen Unfall einen unserer besten Botschafter verloren. Das ist bitter. Doch die Waffen, von denen Sie sprechen, waren Geschenke der ehemaligen sozialistischen Tschechoslowakei. Die Botschaft hatte sie lediglich behalten. Dieser Fakt wurde bei der damaligen Berichterstattung rund um die Ereignisse kaum erwähnt. Auch nicht die Tatsache, dass diese Waffen niemals benutzt wurden.



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