Unvergessen

“Peter ist unsterblich”

Peter Hofmann war in den siebziger Jahren eine völlig neue Erscheinung auf Opernbühnen. Machte neben seiner Stimme auch seine sportliche Figur – als Leichtathlet und Fallschirmspringer – seinen großen Erfolg aus?
Sicherlich beides. Oft wird vergessen, dass er seine Rollen auf der Bühne auch verkörperte und schauspielerisch umsetzen konnte, zusammen mit seiner Stimme. Viele Sänger stellen sich einfach hin, singen und gehen wieder. Dazu wird einmal der rechte Arm gehoben und einmal der linke, nicht mehr. Das machte Peter nie. Er identifizierte sich zu 100 Prozent mit seiner jeweiligen Rolle.

Wie kam das bei Dirigenten und Regisseuren an?
Dazu ein Beispiel: Niemand wagte es, Herbert von Karajan zu unterbrechen oder hineinzureden. Mein Bruder schon. Als sie bei den Salzburger Festspielen gemeinsam den „Parsifal“ aufführten, hatte Peter während der Proben ein paar Verbesserungsvorschläge. Daraufhin wurde es mucksmäuschenstill im Saal. Jeder dachte, das war’s für ihn. Eigene Ideen gegenüber dem großen Maestro zu äußern, konnte das Ende für einen Künstler bedeuten. Doch Karajan hat diese Ideen angenommen. Später fuhren wir im Auto meines Bruders zurück, Peter legte die Kassette „The Wall“ von Pink Floyd ein, drehte laut auf – und Karajan schlug fröhlich den Takt mit

Herbert von Karajan (1908-1989) | © Universal Music Group

In den Achtzigern machte sich Peter Hofmann auch als Rocksänger einen Namen, erhielt viele Goldene und Platin-Schallplatten und sogar zweimal Doppelplatin wegen seiner millionenfach verkauften Tonträger. Wagners Parsifal singt plötzlich Elvis-Lieder – haben Sie ihm als sein Manager zu- oder eher abgeraten, um seinen Ruf nicht zu gefährden?
Wir wussten beide, dass es dafür harte Kritik geben wird. Aber er sagte, dies sei ihm völlig egal. Da hätte auch ich ihn nicht beraten können, kein Mensch hätte das gekonnt. Wobei ich jedoch seiner Meinung war, denn ich war ja selbst eng mit der Pop-Musik verbunden. Hinweisen darauf, dass böses Blut von der Wagner-Seite kommen könnte, entgegnete er, dann mache er es gerade. So war er, ein Dickkopf durch und durch.

Und wie fielen die Reaktionen aus?
Ich erinnere an Wolfgang Wagner, den Chef der Bayreuther Festspiele. Als er während der Festspielzeit erfuhr, dass Peter danach auf seine erste Pop-Tournee gehen wird, fand er das gut. Er bat sogar um Besorgungen für seine Tochter Katharina, die heute Chefin in Bayreuth ist.

War ein Anreiz für ihn, dadurch seine künstlerische Freiheit und Unabhängigkeit zu beweisen?
Genau das hat er gesagt. Wenn er auf der Opernbühne stehe, dann sei ihm alles vorgegeben. Wenn er aber Pop-Musik mache, dann könne er machen, was er wolle. Zumal man nicht vergessen darf, dass er in seinen Anfängen ja in einer Rock-‘n’-Roll-Band spielte. Als wir zu Plattenaufnahmen in Nashville waren, führte uns ein Kurztrip sofort nach Graceland. Peter war ein totaler Elvis-Fan.

In den neunziger Jahren war Ihr Bruder im Musical „Phantom der Oper“ sehr erfolgreich. Ihm wurde zuweilen vorgehalten, sich dieses Standbein zu schaffen, weil seine Stimme Ende der Achtziger nicht mehr für die große Oper ausreichte. War das so?
Diese „Phantom“-Geschichte hat ihn sehr gereizt, weil er sich darin wieder verwirklichen konnte. Immer was Neues, möglichst was Ausgefallenes – das mochte er sehr. Und es war ja nicht von vornherein abzusehen, dass dieses Musical ein Erfolg und ob er akzeptiert werden würde. Doch die CD vom „Phantom“ wurde ebenfalls über eine Million Mal verkauft und dafür mit Doppelplatin ausgezeichnet. Ich bekomme deshalb ebenfalls noch heute Zuschriften. Es war auch sehr anstrengend, dafür über 300 Mal auf der Bühne zu stehen. Aber klar, das „Phantom der Oper“ kann man nicht vergleichen mit „Tristan und Isolde“.

Ab 1990 spielte Hofmann die Titelrolle in 300 Aufführungen von “Das Phantom der Oper” in Hamburg.

Wie ging er generell mit Kritik und Kritikern um?
Er hat Kritiken gelesen, aber er wusste auch, von wem sie kamen. Es waren in der Regel immer die Gleichen, die ihn kritisierten. Er sagte immer, wenn Kaiser aus München schreibt, dann weiß ich schon vorher, was kommt.

Sie meinen den Kritiker Joachim Kaiser von der Süddeutschen Zeitung.
Genau, und da kam gar nichts Gutes. Er hat auch dann schlecht geurteilt, wenn andere sehr gut über Peter geschrieben haben.

Peter Hofmann erkrankte Ende der neunziger Jahre an Parkinson. Er habe seine schwere Erkrankung anfangs zu leicht genommen, sagte er in einem Interview, und unterstützte jahrelang die Parkinson-Forschung. Wie überrascht wurden Sie davon?
Er sagte, diese Krankheit passe einfach nicht zu ihm. Für mich war das ein Schlag ins Gesicht. Anfangs dachte man, mit dieser Behandlung oder jenem Professor und wieder neuen Medikamenten wäre es heilbar. Man konnte es hinauszögern, mehr als zehn Jahre lang, aber was hat das gebracht …

In der Nacht zum 30. November 2010 starb Peter Hofmann. Was war für ihn wichtig im Leben?
Er mochte das einfache Leben. Wenn ich ihn auf eine anstehende Premierenfeier aufmerksam machte, lautete seine Antwort: Nicht schon wieder. Wenn ich dagegen sagte, morgen machen ein paar Leute ein Lagerfeuer mit Grillen und Pferden, dann kam prompt: Sehr gut, pack die Western-Gitarre ein, dort müssen wir hin. Liebe zur Natur und zu Tieren, das war ihm viel wichtiger als all seine Auftritte.

Peter Hofmann mit Mick Jagger, New York City 1986

Auch im Stadtmuseum von Marienbad hängt nun ein Porträt von Peter Hofmann, in einer Reihe mit anderen Persönlichkeiten. Wie schwer war es, die Verantwortlichen davon zu überzeugen, dass er dazu gehört?
Das war nicht so schwierig. Es gibt im Museum einen Raum mit Porträts, unter anderem von Richard Wagner. Der Direktor des Museums war auch bei der Einweihung der Tafel am Hotel dabei. Als er mich durch sein Haus führte, schlug ich ihm vor, dass neben Wagner ein Porträt meines Bruders hängen sollte. Er stimmte spontan zu. Ein weiteres Porträt hängt übrigens auch im Hotel an einer Wand.

Im August nächsten Jahres wäre Peter Hofmann 75 Jahre alt geworden. Was würde er dazu sagen, dass er nun mehrfach in Marienbad verewigt ist?
Ich glaube, er würde mir sagen: Hast du gut gemacht (lacht). Wobei er auf Dinge, die seine Person betrafen, nicht so viel Wert legte. Er sah immer den Aufwand, der damit zusammenhing. Auch wenn zum Beispiel ein großes Magazin einen Bericht über ihn machen wollte. Foto-Sessions mochte er überhaupt nicht. Als er wieder einmal eine Goldene Schallplatte bekam, sagte er nur: Schon wieder so ein Ding … Gefreut hat er sich aber schon. Und es hat ihn sicher auch stolz gemacht.

Fritz Hofmann vor der Gedenktafel für seinen Bruder Peter (10/2018)

ZUR PERSON

Peter Hofmann war der Popstar unter den Opernsängern. Allein schon wegen seiner Statur: blonde Locken, lange Haare, breite Schultern. Auf den großen Bühnen von Paris bis New York erschien der Hüne geradezu als Idealbesetzung für einen Heldentenor, wie Kritiker anmerkten.

Hofmann wurde am 22. August 1944 in Marienbad geboren, gab Anfang der 1970er Jahre sein Debüt als Opernsänger und feierte vor allem als Wagner-Sänger große Erfolge. Hofmann sang die Titelrollen in „Tristan und Isolde“ und „Lohengrin“, war mit 32 Jahren der jüngste „Parsifal“ in der Geschichte der Bayreuther Festspiele und wirkte 1976 als Siegmund in einer legendär gewordenen „Ring“- Inszenierung von Patrice Chéreau mit.

Anfang der achtziger Jahre wagte er den Spagat und veröffentlichte mehrere Rockalben. Zudem moderierte Hofmann eine eigene TV-Show. Große Popularität erwarb er sich Anfang der Neunziger in der Titelrolle des Andrew-Lloyd-Webber-Musicals „Das Phantom der Oper“ in Hamburg. Später wirkte er als Schauspieler bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg mit. 1999 machte Peter Hofmann seine Parkinson-Erkrankung öffentlich und verkündete fünf Jahre später sein Karriere-Ende. Er starb Ende November 2010 im Alter von 66 Jahren.

Zu seinem Tod schrieben Medien, dass der Weltstar nicht nur ein Image als Rebell gepflegt, sondern auch ein Jet-Set-Leben mit Schloss, teurem Auto und Affären geführt habe, am Ende aber von einer kleinen Rente leben musste. Politiker erinnerten daran, dass Peter Hofmann wie kaum ein anderer eine Brücke zwischen ernster Musik und Unterhaltungsmusik geschlagen und sich damit in die Herzen eines Millionenpublikums gesungen habe.

Weitere Informationen über Peter Hofmann (externer Link)

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