Per Eisenbahn durch die Geschichte
Literatur

Per Eisenbahn durch die Geschichte

Jaroslav Rudiš fabuliert sich in „Winterbergs letzte Reise“ kreuz und quer durch Mitteleuropa

9. 4. 2019 - Text: Petr Jerabek, Titelbild: Shah Safwan

Winterberg liegt im Sterben. Ein Altenpfleger – der Exil-Tscheche Jan Kraus – soll ihn während seiner letzten Wochen begleiten. Für Kraus ist es ein Auftrag wie viele zuvor – bis er am Bett des 99-Jährigen einen Satz ausspricht, der alles verändert: „Es ist schon interessant, Sie heißen Winterberg und ich komme aus Winterberg, aus Vimperk in Böhmen, das früher Winterberg hieß.“ Ein Satz, der bei dem Alten etwas auslöst und ihn letztlich zurück ins Leben holt. Statt Winterberg wie erwartet bei der „Überfahrt“ auf die „andere Seite“ zu begleiten, begibt sich Kraus mit ihm auf eine ganz andere Reise: mit der Eisenbahn kreuz und quer durch Mitteleuropa, in die verlorene Heimat Böhmen, in die Vergangenheit.

Ein Exil-Tscheche trifft auf einen vertriebenen Sudetendeutschen: Schon diese Konstellation in „Winterbergs letzte Reise“, dem neuen Roman von Jaroslav Rudiš, lässt erahnen, dass er um Geschichte kreist. Doch geht es dem Autor nicht in erster Linie um eine literarische Auseinandersetzung mit dem noch immer heiklen Thema Vertreibung – wie zum Beispiel Kateřina Tučková in ihrem kürzlich auf Deutsch erschienenen Roman „Gerta. Das deutsche Mädchen“ (Klak Verlag). Rudiš hat vielmehr historisch das große Ganze im Blick: Mitteleuropa und das gemeinsame Erbe seiner Völker.

Historische Anfälle
Winterberg überredet seinen Pfleger, mit ihm in den Zug zu steigen. Er will nach Sarajevo, nach Königgrätz, nach Wien, Brünn und Budapest – auf den Spuren seiner verlorenen großen Liebe. Als Reiseführer auf diesem ungewöhnlichen Eisenbahn-Trip dient dem ungleichen Duo einzig die Beschreibung einer längst untergegangenen Welt: der Baedeker für Österreich-Ungarn von 1913, den Winterberg unterwegs ständig zur Hand hat. „Sein Geschichtsbuch. Seine Bibel“, schildert Ich-Erzähler Kraus.

Zwischen Budweis und Budapest | © APZ

Während der langen Zugfahrten verfällt der 99-Jährige immer wieder in ausgedehnte Monologe. „Ich leide an der Geschichte, ich leide an historischen Anfällen, ja, ja, doch besser Historie als Hysterie, oder?“, sagt Winterberg. Kraus hängt derweil seinen eigenen Gedanken und Erinnerungen nach. Scheinbar beiläufig erzählen die Protagonisten dabei in kleinen Geschichten die Geschichte Böhmens und Mitteleuropas – ausgehend von der Schlacht bei Königgrätz 1866 über das Ende von Österreich-Ungarn, den Einmarsch der Wehrmacht in die Tschechoslowakei und die Besetzung des Landes durch Truppen des Warschauer Pakts bis hinein in die Gegenwart. „So viele Geschichten, so viel Geschichte“, sinniert der Alte.

Ermüdender Redeschwall
Winterberg schwadroniert über Schlachten und Kriege, über Züge und Bahnhöfe, über Feuerbestattung, seine Frauen und Familie. Er liest immer und immer wieder aus seinem alten Baedeker vor, kommt vom Hundertsten ins Tausendste, wiederholt sich ständig selbst. Das gibt dem Buch einen Erzählrhythmus, der das gleichförmige Rattern von Zügen aufgreift.

Kraus trinkt ein Bier nach dem anderen und versucht, nicht hinzuhören. Winterbergs historische Anfälle und schier endlose Monologe gehen ihm zunehmend auf die Nerven. Und so gelangweilt Kraus von Winterbergs Redeschwall ist, so ermüdet ist zuweilen auch der Leser. Und doch liest man weiter, möchte erfahren, welche Geheimnisse Winterberg und Kraus umtreiben. Denn beide werden von den Geistern ihrer eigenen Geschichte verfolgt.

Ein literarischer Brückenbauer
„Winterbergs letzte Reise“ ist mit gut 540 Seiten der bisher umfangreichste Roman von Jaroslav Rudiš. Der Autor greift dabei Motive und Themen seiner vorherigen Bücher auf und variiert sie. Da sind die Schauplätze Liberec/Reichenberg („Grand Hotel“) und Berlin („Der Himmel unter Berlin“), da sind der Nebel der Geschichte und die Begeisterung für Züge („Alois Nebel“), das Motiv des Trambahn-Fahrers („Die Stille in Prag“) und ein tragischer Fluchtversuch in den Westen („Vom Ende des Punks in Helsinki“). Die Konzeption des Romans ist spannend, aber vielleicht etwas zu ambitioniert. Zwar würzt Rudiš „Winterbergs letzte Reise“ mit Humor und etwas Situationskomik, doch der Roman ist weder so kurzweilig wie „Die Stille in Prag“ noch so intensiv wie „Nationalstraße“ oder so poetisch wie „Grand Hotel“.

Blick auf den Böhmerwald | © Martin Pilát, CC-BY-NC-ND 2.0

Dennoch: Auch mit seinem neuen Roman erweist sich Rudiš einmal mehr als Brückenbauer, knüpft an das gemeinsame kulturelle Erbe von Tschechen und Deutschen an. Und er setzt mit „Winterbergs letzte Reise“ einen ganz besonderen Akzent: Erstmals schrieb Rudiš einen Roman auf Deutsch. Das bescherte ihm rund um den Auftritt Tschechiens als Gastland der Leipziger Buchmesse 2019 nicht nur besonders viel mediale Aufmerksamkeit. Es brachte ihm auch eine Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse ein, der herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen ehrt.

Bekenntnis zur Zweisprachigkeit
Auch andere tschechische Autoren vor Rudiš begannen irgendwann, Romane in einer anderen Sprache zu schreiben – zum Beispiel Ota Filip auf Deutsch oder Milan Kundera auf Französisch. Rudiš selbst erinnerte kürzlich in der „Frankfurter Allgemeinen“ daran, dass Kundera seine letzten Romane auf Französisch schrieb. „Sein Sprachwechsel hat mich ermutigt. So habe ich jetzt meinen ersten Roman auf Deutsch verfasst.“

Jaroslav Rudiš lebt in Prag und Berlin. | © privat

Doch anders als Kundera schreibt Rudiš weiterhin auch auf Tschechisch – erst im Herbst erschien die Sauna-Novelle „Český ráj“. Während Kundera überzeugt ist, dass es niemand vermag, vollständig in zwei Ländern, in zwei Kulturen zu leben, versucht Rudiš den Gegenbeweis. „Ich wollte mich zur Zweisprachigkeit unseres Landes bekennen“, sagte er in einem Zeitungsinterview. „Ich bin ein tschechischer Schriftsteller, es ist ein tschechischer Roman, geschrieben ist er aber auf Deutsch.“ Die Übertragung von „Winterbergs letzte Reise“ ins Tschechische will der Autor allerdings jemandem anderen überlassen: „Ich möchte das Buch nicht selbst übersetzen“, sagte er. „Ich habe bewusst die deutsche Sprache gewählt, und würde jetzt lieber etwas Neues schreiben.“

Jaroslav Rudiš, „Winterbergs letzte Reise“, Luchterhand Literaturverlag, München, 2019, 544 Seiten, 24 Euro, ISBN 9783630875958

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