Nur nicht Letzter werden

Nur nicht Letzter werden

Nach sechs Jahren nimmt Tschechien wieder am Eurovision Song Contest teil

20. 5. 2015 - Text: Marcus HundtText: Marcus Hundt; Foto: čtk/imago stock&people

Václav Noid Bárta hat sich ein bescheidenes Ziel gesteckt. „Wir wollen nicht Letzter werden“, erklärte der 34-jährige Sänger vor wenigen Tagen. Gemeinsam mit Marta Jandová will er am Samstagabend beim Eurovision Song Contest (ESC) in Wien für Tschechien antreten. Der Titel des von einer unabhängigen Jury ausgewählten Liedes „Hope never dies“ steht auch für die Entscheidung des Tschechischen Fernsehens, nach sechs Jahren wieder an Europas größter TV-Show teilzunehmen. „Die Hoffnung, die niemals stirbt, trifft auch auf uns zu“, meint Bárta, der den Song selbst komponiert hat.

An Selbstbewusstsein mangelt es dem Rockmusiker und Schauspieler in der Regel nicht, doch der internationale Songwettbewerb hat seine Spuren bei den Tschechen hinterlassen. Drei Mal nahmen sie daran teil, drei Mal scheiterten sie bereits im Halbfinale. Schlimmer noch: Mit zwei letzten und einem vorletzten Platz ist Tschechien das mit Abstand erfolgloseste Land, das jemals am ESC teilgenommen hat. Selbst die Rockband „Kabát“, die in ihrer Karriere über eine Million Tonträger verkauft hat und im vorigen Jahr vor über 73.000 Zuschauern spielte, landete 2007 nur auf dem letzten Platz.

Nach den Misserfolgen und geringen Einschaltquoten zog sich Tschechien 2009 aus dem Wettbewerb zurück, danach wurde die Sendung hierzulande nicht mehr ausgestrahlt. Während in Deutschland bis zu neun Millionen Zuschauer den Fernseher einschalten und in Österreich, Schweden oder Dänemark Marktanteile von über 70 Prozent erreicht werden, fiebert in Tschechien dem Musikereignis kaum jemand entgegen. „Bei uns ist der ESC noch nicht so verwurzelt, aber von Freunden im Ausland, weiß ich, dass dieser Abend regelrecht zelebriert wird“, sagt Bártas Duettpartnerin Jandová, seit 1993 Frontfrau der deutschen Rockband „Die Happy“. „16 Jahre habe ich in Deutschland gelebt – dort schauen sie alle den Song Contest, selbst die härtesten Rocker machen es sich mit einem Kasten Bier vor dem Fernseher bequem. Wahrscheinlich ist das auch ein besonderer Abend für die Deutschen, weil sie den Wettbewerb zwei Mal gewonnen haben“, glaubt die 41-jährige Pragerin.

Die Entscheidung des Tschechischen Fernsehens, wieder auf die Landkarte des ESC zurückzukehren, kam überraschend. Schließlich hatten die Tschechen ihr Fernbleiben stets mit dem geringen Zuschauerinteresse und dem negativen Ruf der „kitschigen Veranstaltung“ begründet. Milan Fridrich, Programm­direktor der Fernsehanstalt, hat eine einfache Erklärung für den Sinneswandel: „Damals hat eine andere Leitung entschieden. Für die jetzige ist der ESC ein anspruchsvoller Wettbewerb, nichts steht einer Teilnahme im Weg. Außerdem ist das Tschechische Fernsehen nun wieder mehr in die Europäische Rundfunkunion eingebunden.“

Beim 60. Eurovision Song Contest in Wien werden Künstler aus 40 Ländern auftreten. Ob es Jandová und Bárta unter die Finalisten schaffen, entscheidet sich an diesem Donnerstag. Im zweiten Halbfinale müssen sie sich mit Kandidaten aus 16 Ländern messen, die zehn besten kommen ins Finale. Die Chancen für Tschechien stehen schlecht. Die meisten Wettbüros führen die Tschechen an letzter Stelle. Trotzdem: Die Hoffnung stirbt nie.



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