Nicht ganz ausgegoren

Nicht ganz ausgegoren

Arthur Schnabl will mit „Pilsen. Ein Lesebuch“ zur literarischen Erkundung der Bierstadt ermutigen – und verliert sich im Material

16. 12. 2015 - Text: Katharina WiegmannText: Katharina Wiegmann; Foto: Königliche Kreisstadt Pilsen, gemalt 1816 von Johann Venuto/APZ

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Was wäre die tschechische Literatur ohne ihr Bier? Nicht ganz zu Unrecht stellt der Journalist, Dichter und Reiseleiter Arthur Schnabl diese Frage auf dem Klappentext von „Pilsen. Ein Lesebuch“. Das Bier kommt aus Pilsen, die Kultur aus der Kneipe, oder zumindest die Inspiration für all die Dichter, Denker, Künstler und Literaten, die sich in Rauchschwaden gehüllt die Nächte am Tresen um die Ohren schlagen. Das ist in Prag so, in Brünn, in Ostrava – und eben auch in Pilsen. Grund genug für eine literarisch-kulturelle Entdeckungsreise durch die westböhmische Stadt, deren berühmte Brauerei das alles möglich macht.

Schnabl verspricht, auf 144 Seiten „Interessantes, Literarisches, Informatives, Lustiges und Spannendes aus und über Pilsen“ zusammenzutragen. Dafür bemüht er unter anderem Schillers Wallenstein, Science-Fiction-Pionier Karel Čapek, den Architekten Adolf Loos, das Marionetten-Duo Spejbl und Hurvínek und auch Václav Havel, der einige Zeit im Pilsner Zuchthaus Bory inhaftiert war. Hinzu kommen Unbekanntere wie der Schriftsteller Karel Klostermann und ein Bezirkskommissär der Jahrhundertwende, kurze Texte über Geschichte und Sprache sowie Humoristisches vom Herausgeber selbst.

Schon im Vorwort bemüht sich Schnabl allerdings darum, die Erwartungen der Leser zu dämpfen. „Einschränkend für meine Suche waren vor allem die geringe Zeit, die ich zur Verfügung hatte, und mein auf Essen, Trinken und dumme Witze beschränkter tschechischer Wortschatz“, entschuldigt er sich im Voraus.

Das Lesebuch über Pilsen ist eine weitere Veröffentlichung, die deutschsprachigen Lesern Lust auf Reisen in die Kulturhauptstadt des Jahres 2015 machen soll. Spannende Themen aus dem Bereich Kultur und Literatur gibt es in der 170.000-Einwohner-Stadt zur Genüge. Schnabl hat sie auch gefunden. Er verschenkt jedoch an vielen Stellen die Chance, Substanzielles dazu – und über die Stadt als Hintergrund der Geschichten – zu vermitteln. Gerne hätte man zum Beispiel mehr über Josef Skupa erfahren, den Begründer des ersten tschechoslowakischen Puppentheaters, dessen Marionetten so vorlaut waren, dass sie ihren Schöpfer 1944 in ein Gestapo-Gefängnis in Dresden brachten.

„Knapp an der Zote vorbei“
Das Gefängnis Bory und seine teils prominenten politischen Insassen von der österreichisch-ungarischen Monarchie bis zum tschechoslowakischen Sozialismus wären ebenfalls eine nähere Betrachtung wert gewesen. Abgedruckt ist lediglich Václav Havels Einakter „Der Fehler“, der zwar seine Gefängniserfahrungen aufgreift, aber keinen direkten Bezug zur Stadt hat. Für mehr Tiefgang an dieser Stelle hätte man auf einen trockenen Auszug aus einem Jahrbuch verzichten können, der die Geschichte der Familie Škoda wiedergibt, genau wie auf den wenig aufschlussreichen „tschechisch-deutschen Sprachführer“ von 1534.

Aber: Wie der Beamte Antonín Böhm einen Kurzbesuch des persischen Schahs erlebte, was Karel Čapeks Roman „Krakatit“ mit der „Katastrophe von Bolec“, der Explosion einer Pilsner Munitionsfabrik im Jahr 1917, zu tun hat und wann der Punk nach Pilsen kam – dazu erfährt der Leser Unterhaltsames und Wissenswertes.

Einem breiteren Publikum unbekannt ist vermutlich auch die Schriftstellerin Gertrud Fussenegger. Bereits 1933 trat die gebürtige Pilsnerin der NSDAP bei, begeisterte sich für Hitler. Ihr Werk als Autorin ist „eng mit der Stadt verknüpft“, weiß der Herausgeber und hat einen Auszug aus ihrer böhmischen Familien-Trilogie „Das Haus der dunklen Krüge“ ausgewählt. Die Literatur könnte hier für sich sprechen, ergänzt um Schnabls kurzen Text zur Person, der sachlich über ihre Biografie informiert. Es folgt dann aber ein 20 Jahre alter Artikel aus dem Rheinischen Merkur, der Fussenegger recht einseitig zu verteidigen sucht und ihre Begeisterung für den Nationalsozialismus als jugendliche „Schwärmerei“ abtut.

„Die Gespräche segeln durch die Nebelbänke des Zigarettenrauchs auf die Klippen der offenen Bedeutungslosigkeit zu, knapp vorbei an der Zote manövrieren sie auf dem goldenen Fluss des Bieres ins Fahrwasser des Absurden, wo sie zerschellen“ heißt es in einem schönen Gedicht des Herausgebers über eine „Pivnice in Prag“ (wie es im Pilsen-Lesebuch landen konnte, bleibt unerklärt). Obwohl seinem Lesebuch an einigen Stellen mehr Konzept und Tiefgang, dafür weniger Bemühungen um Vollständigkeit gutgetan hätten, macht Schnabl deutlich, dass sich in und um die Pilsner Braustuben längst nicht alle Ideen in Rauchschwaden und Bedeutungslosigkeit auflösen.

Arthur Schnabl (Hrsg.): Pilsen. Ein Lesebuch. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2015,
144 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 9783791727431