Neoklassizismus oder Glaspalast?

Neoklassizismus oder Glaspalast?

Streit um Gebäude am Wenzelsplatz geht in entscheidende Runde

14. 11. 2012 - Text: Martin NejezchlebaText: mn/čtk; Foto: CT

Der jahrelange Streit um ein Haus am oberen Ende des Wenzelsplatzes geht in die nächste Runde. Darin verwickelt sind das Kulturministerium, der Investor, die Stadt, Denkmalschützer und Kunsthistoriker von der Akademie der Wissenschaften. Letztere meldeten sich vergangenen Freitag zu Wort: Ein Abriss des historischen Gebäudes sei gesetzeswidrig.

Die Wissenschaftler reagieren damit auf einen kürzlichen Beschluss des Kulturministeriums, das das im Jahr 1880 errichtete Haus nicht unter Denkmalschutz stellen will. Die Reaktion des Bauinvestors „East Flow“ ließ nicht lange auf sich warten: Es herrsche Freude über die Entscheidung des Ministeriums, „das den Rechtsstaat über die Forderungen von Lobbygruppen stellt.“ Laut James Woolf, Leiter der Immobilienfirma, erfülle das neue Gebäude die Voraussetzungen modernen Lebens und fördere eine Wiederbelebung des Wenzelsplatzes. „East Flow“ hatte das Haus an der Ecke Wenzelsplatz/Opletalova bereits 1994 erworben.

Der Streit um den Abriss kocht seither immer wieder hoch und wird dabei zunehmend aggressiver geführt: „Die Autoren des Umbaus von 1920 haben eine raffinierte Komposition mit Gefühl für Plastizität geschaffen, einfallsreich, wenn auch unauffällig“, wendete sich die Architektur-Historikerin Kateřina Bečková an den einstigen Leiter des Prager Amtes für Denkmalschutz Jan Kněžínek, der den Abriss vor rund einem Jahr genehmigt hatte. „Es ist nicht die Schuld der Architekten, dass Sie nicht in der Lage sind, derart feine Formspiele zu erkennen“, greift die Vorsitzende des „Klubs für das alte Prag“ („Klub za starou Prahu“) Kněžínek an. Der heißt unter Kritikern nur „Demolition man“ und wurde jahrelang bezichtigt, nicht die Denkmäler, sondern die Interessen von Bauunternehmern zu schützen. Auf Druck von Experten wurde er im Sommer seines Amtes enthoben und gleich darauf von der Stadt mit der Aufsicht über die UNESCO-Welterbe-Zone, zu der auch der Wenzelsplatz gehört, beauftragt.

„Demolotion man“ Kněžínek steht in den Augen der Kritiker beispielhaft für den Umgang mit dem architektonischen Erbe Prags. Man befürchtet,  der Abriss des neoklassizistischen Hauses sei der Anfang profitorientierter Eingriffe in das architektonische Erbe Prags.

Ob das Haus nun durch einen modernen Glaspalast mit geschwungenen Stahlträgern, die an die Formen des Veitsdoms erinnern sollen, ersetzt wird, könnte nun von einer Kommission des Kultusministeriums entschieden werden. Sie soll in Kürze darüber befinden, ob die Aufhebung des Denkmalschutzes durch das Ministerium rechtens war. 



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