„Nein, es ist nicht Krieg!“
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„Nein, es ist nicht Krieg!“

Schauspielerin Katharina Matz wurde 1930 im böhmischen Haindorf geboren – und arbeitet auch unter Corona-Bedingungen weiter

9. 4. 2020 - Interview: Klaus Hanisch, Titelbild: Katharina Matz in der Inszenierung "Alte Meister" von Thom Luz am Deutschen Theater Berlin, © Arno Declair

PZ: Die Deutschen haben bereits die dritte Woche mit Ausgangsbeschränkungen hinter sich und müssen auch an Ostern zu Hause bleiben, in Tschechien sind schon eine Weile Schutzmasken für alle vorgeschrieben, die außer Haus wollen. Wie verbringen Sie gerade die Tage, unter diesen außergewöhnlichen Umständen?
Katharina Matz: Ich fühle mich nicht wie in Quarantäne. Ich gehe vormittags durch den Berliner Tiergarten, dann kaufe ich ein. Nachmittags arbeite ich an einem Text. Ich habe meinen Rhythmus gefunden und komme damit gut zurecht. Noch sind wir ja auch nicht eingesperrt. Und an die Vorgaben – wie Abstand zu wahren – halten sich die meisten hier in meiner Umgebung. Mir geht es gut.

Schützen Sie sich besonders, haben Sie soziale Kontakte abgebrochen – oder pflegen Sie gerade wieder welche auf jenen Wegen, die noch erlaubt sind?
Das geht nur noch telefonisch. Doch das Deutsche Theater veranstaltet derzeit Lesungen von Schauspielern mit Texten aus Giovanni Boccaccios „Decamerone“ im Internet, auch ich bin dabei. Ich habe meine Nichte gebeten, dafür die technischen Voraussetzungen bei mir zu Hause einzurichten. Natürlich mit allen Vorsichtsmaßnahmen im persönlichen Kontakt, also Gesichtsmaske und so weiter. Mein Beitrag ist Ende der Woche an der Reihe.

Szene aus „Lindburgs Fall“ (2011)

Der französische Präsident sprach angesichts der besonderes Lage von einem Krieg, der spanische Ministerpräsident von Kriegswirtschaft. Sie haben den Krieg erlebt. Ist diese Zeit tatsächlich mit einem Krieg vergleichbar?
Nein, nein, nein. Dieses Virus beherrscht zwar die ganze Welt und es gibt Tote und man kann sich anstecken. Trotzdem verstehe ich unter Krieg etwas anderes, nämlich viel größere persönliche Gefahren oder auch Flucht. Ich lehne es ab, diese Situation jetzt als Krieg zu bezeichnen.

Trotz Ausgangsbeschränkungen, oft leeren Regalen bei bestimmten Produkten und zuweilen langen Einkaufschlangen vor Supermärkten?
Das sind Momentaufnahmen. Die Regale sind für einen Augenblick leer und am nächsten Tag wieder gefüllt.

Sie wurden 1930 im nordböhmischen Haindorf geboren, heute Hejnice. Es gibt auch eine tschechische Wikipedia-Seite für Katharina Matzová, also für Sie. Haben Sie noch Verbindungen nach Tschechien?
Verwandte haben wir dort keine mehr, leider sind alle schon verstorben. Mein Vater hat in Prag studiert und ein Verwandter war bis 1938 Chefdramaturg am Deutschen Theater in Prag. Aber ich war öfter in Prag und erst im letzten Herbst dort zum deutsch-tschechischen Theaterfestival eingeladen, mit dem „Besuch der alten Dame“. Bei dieser Gelegenheit traf ich auch Pavel Kohout, mit dem ich sehr befreundet bin. Ich liebe Prag – und auch meine Vergangenheit in dem Land.

Haindorf bzw. Hejnice ist seit Jahrhunderten ein bedeutender Wallfahrtsort mit bis zu 100.000 Pilgern im Jahr …
… und genau in dieser Wallfahrtskirche wurde ich getauft.

Kloster und Wallfahrtskirche Hejnice | © Daniel Baránek, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Der Ort liegt im Isergebirge unweit der Grenze zu Polen und Deutschland und zählt heute knapp 3.000 Einwohner. Haben Sie ihn nach dem Krieg besucht?
Ich habe mit meinem jüngeren Bruder nach der Wende einige Orte in Tschechien besucht. Mein Vater war Apotheker und wir sind alle paar Jahre umgezogen, waren auch in Johannesberg bei Gablonz. Und in Theusing in der Nähe von Eger und Karlsbad, das waren ganz wichtige Jahre für mich. Ich wollte daher das Haus besuchen, in dem früher unsere Apotheke war.

Fanden Sie es?
Ich wusste noch, dass die Straße vom Marktplatz hinab führte, aber dort waren keine Geschäfte mehr, geschweige denn eine Apotheke. Wir sind dann von Haus zu Haus gegangen, die Leute ließen uns freundlicherweise eintreten. In einem Haus war eine Treppe und ich erinnerte mich, dass ich oft oben am Absatz stand und nach meinem Vater rief, weil er mir immer half, wenn ich wieder einmal mit verklebten Augen aufgewacht war – da wusste ich, das war unser Haus.

Welche Erinnerungen verbinden Sie noch mit Ihrer Kindheit und Jugend dort?
Mein Bruder ist vier Jahre jünger und ich weiß noch, dass wir ein Kindermädchen hatten, die uns immer im Kinderwagen durch die Straßen schob. Und dabei sang sie für uns: Regentropfen, die an mein Fenster klopfen (lacht). So etwas vergisst man einfach nie.

Sie stimmten diesem Interview auch deshalb zu, weil es in der „Prager Zeitung“ um die Beziehungen zwischen Deutschland und Tschechien geht. Lässt sich daraus schließen, dass Sie keinen Groll gegen die Tschechen hegen?
Nein, ich habe keinen Groll, im Gegenteil. Für mich war es eine normale Reaktion nach alldem, was Deutschland den Tschechen angetan hatte. Mein Vater ist schon 1943 gestorben und wir mussten gleich zweimal flüchten. Wir waren in Oberschlesien, als die Russen kamen, sind im Januar 1945 zu unseren Verwandten ins Sudetenland geflohen und mussten Böhmisch Leipa daraufhin auch innerhalb eines Tages verlassen. Ich finde, es muss Schluss sein mit der Vergangenheit und ich fand es schon idiotisch, als sudetendeutsche Verbände in der Vergangenheit immer ihre Eigentumsforderungen vortrugen.

Mit Hansjörg Felmy in „Der Mann, der sich verkaufte“ (1959)

Sie gaben schon in den 1950er Jahren Ihr Filmdebüt bei der DEFA, spielten sehr viele Theaterrollen. Auch Künstler trifft Corona hart. Was macht diese aktuelle Krise mit Schauspielern: weckt sie Sehnsüchte nach Bühne und Kamera, schürt sie gar Existenzängste, weil viele Schauspieler oft um Engagements kämpfen müssen?
Das ist jetzt natürlich ein tiefer Einschnitt. Ich habe das Glück, Gast am Deutschen Theater zu sein. Alle Vorstellungen, die ausfallen, werden mir bezahlt, deshalb habe ich keine finanziellen Einbußen. Doch trotz meines langen Bühnenlebens hänge ich immer noch sehr am Theater, liebe Proben und Vorstellungen. Wir waren gerade in den Proben für „Das Herz der Krake“ von Nis-Momme Stockmann, das wurde unterbrochen und soll am 19. April fortgesetzt werden – was mir derzeit jedoch illusorisch erscheint. Es ist ein langer schwieriger Text. Aber irgendwann geht’s weiter.

Kann ein Schauspieler seinen Text so lange im Kopf behalten, bis es irgendwann nach der Virus-Krise wieder weitergeht?
Nein, ein Schauspieler kann einen Text nicht ewig im Kopf behalten. Und es hört ja prinzipiell nicht mit der Premiere auf. Je mehr man sich mit einem Text beschäftigt, umso mehr vertieft man ihn. Und es geht ja nicht nur um den Text allein, sondern auch um die Arbeit an der Figur und an der Situation. Ich arbeite auch jetzt jeden Tag daran.

Wie machen Sie das genau?
Ich nutze regelmäßig einen Heimtrainer, was auf Dauer langweilig ist. Deshalb lerne ich dabei meinen Text. Ich neige prinzipiell zur Perfektion und finde es ganz wichtig, einen Text jeden Tag zu rekapitulieren. Da bin ich sehr fleißig.

Sie spielten zuletzt auch in der preisgekrönten Fernsehserie „Babylon Berlin“. Früher behaupteten Schauspieler, dass Fernsehen nur wegen des Geldes für sie wichtig sei, die wahre Erfüllung des Schauspieler-Berufs jedoch auf einer Theaterbühne liege. Gilt das immer noch?
Ich liebe Fernsehen. Und ich hasse es, eine Vorstellung im Theater über 50 Mal spielen zu müssen. Ich finde es wunderbar, wenn man beim Fernsehen konzentriert arbeitet und eine Szene dann im Kasten ist. Für viele Kollegen ist die finanzielle Seite des Fernsehen schon ein wichtiger Grund, dort zu arbeiten. Doch ich kenne eigentlich niemanden unter den Schauspielern, der mit Missachtung auf das Fernsehen herabschaut.

Ihr Werk umfasst eine unfassbar lange Liste an Filmen, Fernseh- und Theaterstücken. Haben Sie Ihre vielen Rollen mal gezählt?
Nein. Früher habe ich noch Fotos aufgehoben, jetzt sammele ich nur noch die Programmhefte.

Szene aus „Emma nach Mitternacht“ (2016)

Der Schauspieler Dietrich Mattausch erzählte uns, dass er seine Verträge aufbewahrt habe und eines Tages vielleicht ein Buch mit seinen Erinnerungen schreiben wird. Könnten Sie sich auch Memoiren über ihr Leben und Schaffen vorstellen?
Es gab tatsächlich schon Anfragen, aber das mache ich nicht. Darin müsste ich auch über mein Privatleben erzählen und das will ich nicht.

Sie werden im Juni 90 Jahre alt. Man gewinnt den Eindruck, dass Sie heute noch so viel arbeiten wie in jungen Jahren. Wie ist das möglich?
Ich weiß es nicht und bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich es kann. Wahrscheinlich habe ich gute Gene. Ich habe allerdings auch immer viel für mich getan, nicht erst in den letzten Jahren. Ich mache schon seit Jahrzehnten regelmäßig Gymnastik und Kieser-Training. Und ich lag wohl auch mit meiner Ernährung intuitiv richtig, also wenig Fleisch, viel Gemüse und viel Obst und Salate.

Es lässt sich in den letzten Jahrzehnten überhaupt kein Bruch in Ihrer Arbeit erkennen. Wurden Sie neben den ausgesetzten Proben am Deutschen Theater für „Das Herz der Krake“ in künstlerischer Hinsicht auch noch anderweitig zu einem „Corona-Opfer“?
Ich drehte zuletzt für den Tatort Berlin, diese Dreharbeiten wurde ebenfalls unterbrochen. Und demnächst wäre ein neuer Film mit mir im Internationalen Kino in Berlin aufgeführt worden, der auch verschoben werden musste. Also, es wären tatsächlich einige Aktivitäten von mir in diesen Tagen „losgelassen“ worden.

Haben Sie schon Pläne für die Zukunft, wenn nach Corona wieder Normalität einkehrt?
Ich hoffe, dass es so weitergeht, wie es vorher war. Wann, weiß derzeit natürlich kein Mensch.

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