Mumien, Musketiere und Manuskripte

Mumien, Musketiere und Manuskripte

Fürst Metternich und sein Kuriositäten-Kabinett auf Schloss Königswart

3. 10. 2012 - Text: Yvette PolášekText und Foto: Yvette Polášek,

Klemens Wenzel Lothar Fürst von Metternich war nicht nur ein bedeutender europäischer Staatsmann, sondern auch ein leidenschaftlicher Sammler. Der Nachwelt hat er eine ungewöhnliche Ansammlung an Kuriositäten hinterlassen.

Mitten im westböhmischen Bäderdreieck Karlsbad, Marienbad und Franzensbad liegt das klassizistische Schloss Königswart (Zámek Kynžvart), einstiger Sitz der mächtigen Adelsfamilie Metternich. Auf den ersten Blick eine idyllisch gelegene Sommerresidenz inmitten eines 270 Hektar großen Schlossparks, zu dem ein See und ein Golfplatz gehören. Doch das Schloss nahe der tschechisch-deutschen Grenze hat weitaus mehr zu bieten. Die Vergangenheit hält viele Kuriositäten bereit – und Schloss Königswart beherbergt eine Fülle von ihnen.

Die ursprüngliche Renaissance-Festung ging nach der Schlacht am Weißen Berg 1620 in den Besitz der aus Koblenz stammenden Familie Metternich über. In den Jahren 1821 bis 1839 wurde sie vom italienischen Architekten Pietro Nobile für den österreichischen Kanzler Klemens Fürst von Metternich und Graf von Königswart im Stil des Wiener Klassizismus umgebaut und beherbergt seitdem eine Menge ungewöhnlicher und kostbarer Schätze. Bis heute zählt die Schlossbibliothek zu den bedeutendsten und umfangreichsten  Privatbibliotheken Tschechiens. Basierend auf wertvollen Manuskripten, Inkunabeln und seltenen Drucken aus der aufgelösten Bibliothek des Benediktinerklosters in Ochsenhausen erweiterten der Staatsmann und dessen Sohn und Erbe Richard Klemens – der sich vor allem für Fahrzeuge interessierte – die Büchersammlung auf rund 42.000 Bände. Neben 230 Erstdrucken und 160 Handschriften befindet sich darunter auch ein Fragment der Fünf Bücher Mose aus dem 8. Jahrhundert.

In der größeren der beiden Schlossbibliotheken, der sogenannten Kanzlerbibliothek, fällt besonders ein riesiges Buch auf, das in seiner Größe an jene der berühmten Teufelsbibel (Codex Gigas) heranreicht. „Dieses Buch ist eigentlich nur ein Umschlag, in dem Landkarten und eventuell auch andere Dinge verwahrt worden sind“, schmunzelt Petr Doležal, während er die Besucher zur nächsten Kuriosität in den historischen Gemäuern führt. Ebenso interessant sind die Original-Geldscheine, unter denen sich auch „Gut“-Scheine befinden – die für ein paar Jahre am Schloss gültige Währung, die an Angestellte ausgegeben wurde.

Wagners „Schmerz“ und Napoleons Waschtisch
Während der einstündigen Führung überrascht vor allem die Fülle an wertvollen Tapisserien, Statuen und Möbeln sowie einzigartigen Bildern, die Metternich während seiner Zeit auf Schloss Königswart angehäuft hatte. So beherbergt das Schloss vier Altartafelbilder von Bernhard Strigel von Memmingen, die um 1510 entstanden sind.

Bei vielen Gegenständen handelt es sich um Geschenke oder Erbstücke von bedeutenden Zeitgenossen, so der Billardtisch mit dazugehörigen Elfenbeinkugeln, den Metternich vom russischen Zaren Nikolaus I. erhalten hatte. Zu sehen sind auch die handschriftliche Partitur „Schmerz“ mit Widmung von Richard Wagner oder ein Waschtisch von Napoleon Bonaparte, den er auf Elba täglich benutzte und den seine Ehefrau Marie-Louise von Österreich dem führenden Politiker der Restaurationszeit nach Napoleons Tod überlassen hatte.

In Erstaunen versetzen die Besucher aber die letzten beiden der 25 für die Öffentlichkeit zugänglichen Räume – das Kuriositäten-Kabinett des Kanzlers: In einem der ältesten Museen Europas befinden sich rund 2.500 persönliche Gegenstände berühmter historischer Persönlichkeiten. So etwa eine Handtasche von Madame de Pompadour, das Gewand des Infanten von Spanien, ein Kamm der österreichischen Kaiserin Maria Theresia, das Gebetbuch von Königin Marie Antoinette (das sie kurz vor ihrer Hinrichtung durch die Guillotine zur Hand nahm), der Schreibtisch von Alexandre Dumas dem Älteren, an dem er seine „Drei Musketiere“ zu Papier brachte, ein Schuh von Papst Gregor XVI. oder die nicht explodierte Bombe vom Attentat auf Kaiser Napoleon III.

Die Grundlage für diese Kuriositäten-Sammlung bildete unter anderem das Privatmuseum von Karl Huss, dem letzten Scharfrichter in Eger (Cheb). Nachdem er sein blutiges Handwerk an den Nagel gehängt hatte, kam als Museumsverwalter in den Dienst von Metternich. Neben Folterwerkzeugen, einer Münzsammlung und dem Schwert, mit dem er seine letzte Hinrichtung vollstreckte, brachte er auch sein persönliches „Besucherbuch“ des Egerer Museums in das Schloss Königswart mit. Als letzter Gast ist dort „Geheimrat Goethe“ vermerkt, der für die Führung damals zwei Gulden berappte.

„Museum der Geschichten“
Von unsagbarem Wert sind auch die im letzten Raum aufgebahrten zwei Sarkophage, Geschenke von Muhammad Ali Pascha. Der Vizekönig von Ägypten galt unter den Zeitgenossen nicht nur als erfolgreicher Geschäftsmann, sondern auch als erster Grabräuber im modernen Ägypten. „Das Reinigungspersonal fürchtet sich, diesen Raum zu betreten, doch Pentahutres, die 3.200 Jahre alte Mumie eines ägyptischen Priesters, ruht hier gut aufgebahrt“, erzählt Miloš Říha, langjähriger Kastellan des Schlosses. „Gesellschaft leistet ihr eine zweite Mumie – die sterblichen Überreste des Priesters Ken Mon, der den Schatz des Pharaos Thutmosis III beschützt haben soll.“

Říha verdankt Schloss Königswart auch seinen Beinamen „Museum der Geschichten“. Der Kastellan hat die Geschichten der einzelnen Sammelstücke, so sagt er selbst, präzise nachgeforscht, dokumentiert und auf die Internetseite des Schlosses gestellt. Und dies nicht nur in tschechischer Sprache, sondern auch auf Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch. So erfährt man auf der Suche nach weiteren Kuriositäten mehr über den Bau des Suezkanals, über das galante Treffen zwischen Richard Metternichs Ehefrau Pauline und Kaiser Napoleon III. oder über das Geheimnis der ältesten Fotografie der Welt. Und von Woche zu Woche werden mehr Geheimnisse gelüftet.

 

Kontakte und Termine

Zámek Kynžvart, Lázně Kynžvart, Tel. 354 691 269, www.kynzvart.cz, geöffnet: täglich außer montags, Eintritt: 110 CZK (für fremdsprachige Führungen: 150 CZK)

Město Lázně Kynžvart, Náměstí Republiky 1, 354 91 Lázně Kynžvart, Tel. 354 691 221, www.laznekynzvart.cz

Sonderveranstaltungen: Samstag, 6. Oktober – Fest der Vögel, Samstag, 3. November – Fest zu Ehren des Heiligen Hubert, Mittwoch, 28. Dezember bis Samstag, 31. Dezember – Weihnachtsführungen



Anzeige

Wir bedanken uns bei unserem Partner für die Unterstützung:

© 2020 pragerzeitung.cz
Datenschutz, Cookies & Tracking, Netiquette, Kontakt und Impressum

Design: ideasfirst, s.r.o. | Code: www.rinovo.cz