„Masaryk verstand den Wunsch nach einem eigenen Staat“

„Masaryk verstand den Wunsch nach einem eigenen Staat“

Der israelische Botschafter Gary Koren erklärt die engen Beziehungen seines Landes zu Tschechien

29. 7. 2015 - Text: Katharina WiegmannInterview: Katharina Wiegmann; Foto: Gary Koren/Embassy of Israel in Prague

Ein Interview in der israelischen Botschaft zu vereinbaren, ist nicht ganz einfach. E-Mails und Anrufe im Vorfeld sind zwar freundlich, gehen aber deutlich über das übliche Interesse an den geplanten Fragen hinaus. Ungewöhnlich: Einige kommen nicht von der Pressestelle, sondern direkt aus der Sicherheitsabteilung. Welche elektronischen Geräte man mitbringen wolle? Wie lange man sich schon in Prag aufhalte? Die Kontrolle bei Ankunft in der Botschaft selbst dauert gute 15 Minuten und ist gründlicher als am Prager Flughafen. Dabei müssen sich Juden in Tschechien grundsätzlich nicht bedroht fühlen. Eine aktuelle Studie der amerikanischen „Anti-Defamation League“ („Antidiffamierungsliga“), für die über 53.000 Menschen in 101 Ländern befragt wurden, kam zu dem Ergebnis, dass hierzulande 13 Prozent der Bevölkerung antisemitisch eingestellt sind. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 27. Mit seinem Ergebnis liegt Tschechien in Europa hinter Schweden, den Niederlanden und Dänemark auf Platz vier – vom hinteren Ende der Antisemitismus-Skala aus betrachtet. Auch politisch sind die tschechisch-israelischen Beziehungen traditionell gut. Schon bei der israelischen Staatsgründung gab es tatkräftige Unterstützung von der damaligen tschechoslowakischen Regierung – und in diesem Jahr gedenkt die Botschaft der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen nach der Samtenen Revolution vor 25 Jahren. PZ-Redakteurin Katharina Wiegmann sprach mit Botschafter Gary Koren über die Ursprünge des engen tschechisch-israelischen Verhältnisses, gegenwärtige Kooperationen und das jüdische Erbe der Republik.

Herr Botschafter, Sie sind inzwischen zwei Jahre in Prag. Was haben Sie vor dem Antritt Ihres Postens erwartet? Wie gefällt es Ihnen in Tschechien?

Gary Koren: Sehr gut. Die Realität ist in mancher Hinsicht besser als meine Erwartungen im Vorfeld. Ich hatte zwar eine grobe Vorstellung von der tschechischen Geschichte, mein Wissen vor der Ankunft war aber eher oberflächlich. Das ist normal für einen Diplomaten, der alle paar Jahre an einen neuen Ort geschickt wird; aber auch das Schöne an unserer Arbeit. Wir können tief in fremde Länder und Kulturen eintauchen. Ich habe den Eindruck, ich sehe mehr vom Land als viele Tschechen. Als Israeli genieße ich besonders die Wälder, Berge und Flüsse, das ist etwas, was wir in unserem Land nicht in dieser Fülle haben. Ich genieße die Einsamkeit dort –  ein menschliches Bedürfnis, das sich im dicht besiedelten Israel nur schwer stillen lässt. Wo auch immer du hingehst, hundert andere sind schon da.

Woher kommt es, dass die Beziehungen zwischen Israel und Tschechien so außergewöhnlich gut sind? Als Premierminister Benjamin Netanjahu Prag im Jahr 2012 besuchte, sagte er, Tschechien sei der beste Freund Israels in Europa …

Koren: Sympathien sind schwer zu erklären. Vielleicht gibt es einen bestimmten Geist, der Tschechen von Slowaken oder Deutschen unterscheidet. Wir sind alle das Produkt der Entwicklung unserer Gesellschaft, unserer Familien und unserer Ausbildung. Und da muss es irgendetwas in Tschechien geben, das die guten Beziehungen begünstigt. Aber wir können hier sicher auch von europäischen Werten sprechen. Wir sind, im Gegensatz zu anderen Ländern im Mittleren Osten, Teil derselben Zivilisation. Natürlich ist Israel mit seinen arabischen, christlichen, muslimischen Minderheiten auch ein kultureller Schmelztiegel. Ich selbst wurde im lettischen Riga geboren. Aus der ehemaligen Sowjetunion kamen mehr als eine Million Menschen. Andere kamen aus den USA, Kanada, Äthiopien, dem Iran und Irak. Die jüdische Diaspora hat eine 2.000-jährige Geschichte. Aber was die Europäer sehen: Wir sind die einzige Demokratie in der Region. Unsere demokratische Tradition, die Tatsache, dass wir Teil einer jüdisch-christlichen Wertegemeinschaft sind, dass wir Menschen- und Frauenrechte respektieren, das alles schafft eine Verbindung.

Neben der Unterstützung ähnlicher Werte gab es in der beidseitigen Geschichte auch substantielle politische Hilfe für Israel. 1948 lieferte die Tschechoslowakei dringend benötigte Waffen für einen neu gegründeten Staat und den Kampf um sein Territorium.

Koren: Diese Unterstützung ist ein bekannter Teil unserer Geschichte, viele Politiker haben in ihren Memoiren darüber geschrieben. Tomáš G. Masaryk war übrigens schon im Jahr 1927 in Israel, noch bevor der Staat überhaupt gegründet wurde. Uns wurde die Selbstbestimmung damals verweigert, wohingegen die Tschechoslowakei nach dem Ersten Weltkrieg erfolgreich war. Masaryk hatte aus dieser Zeit übrigens viele Kontakte zu jüdischen Führungspersönlichkeiten in den USA, bei denen er Unterstützung für die Unabhängigkeit suchte. Er verstand den Wunsch nach einem eigenen Staat. Persönliche Sympathien und die Nachvollziehbarkeit der Lage resultierte schließlich in politischer Unterstützung. Bei der historischen Abstimmung über den Teilungsplan für Palästina in der UN-Generalversammlung 1947, einem ersten Versuch zur Zwei-Staaten-Lösung, unterstützten uns Präsident Beneš und Außenminister Jan Masaryk. Und es war selbstverständlich für sie, uns zu helfen, als die USA und Großbritannien ein Embargo verhängten, während uns fünf arabische Armeen angriffen und Palästinenser revoltierten, die gegen einen Staat Israel waren. Die Tschechoslowakei war das einzige Land, das uns mit Waffen und Trainings für unsere Piloten unterstützte.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Koren: Vielleicht war es ein Akt der Solidarität gegenüber einem anderen kleinen Land, aus dem Wissen heraus, dass man den „Großen“ nicht immer vertrauen kann. Die Erinnerungen an das Münchner Abkommen waren noch frisch. Und es war klar, dass die Dinge nach dem Zweiten Weltkrieg nicht so bleiben konnten, wie sie zuvor gewesen waren. So kam es, dass uns sogar die Kommunisten am Anfang unterstützten. Sie hofften, dass Israel in Opposition gegen die Kolonialmächte im Nahen Osten, Frankreich und Großbritannien, Mitglied des sozialistischen Blocks werden würde. Nachdem sie realisierten, dass dies nicht der Fall sein würde, froren die Beziehungen ein, bis sie nach der Samtenen Revolution erneuert wurden.

Als Außenminister Lubomír Zaorálek im Juni Israel besuchte, kritisierte er öffentlich das Entstehen jüdischer Siedlungen auf Territorium, das von der palästi­nensischen Autonomiebehörde kontrolliert wird. Israel würde mangelndes Interesse an einer friedlichen Lösung des anhaltenden Konflikts demonstrieren.

Koren: Das war natürlich nicht das erste Mal, dass wir kritische Stimmen hörten, auch nicht aus Tschechien. Ich bin nicht in der Position, Politiker aus anderen Ländern für ihre Äußerungen zu kritisieren. Tschechien ist Teil der EU und versucht seinen Weg zwischen einer eigenständigen und einer europäischen Außenpolitik zu finden. Es kann nicht allzu sehr von der EU-Linie abweichen. Obwohl es innerhalb der Union den Wunsch nach einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik gibt, haben die Mitgliedsländer alle ihre eigenen Prioritäten, wenn es um die Beziehungen zu Washington, Moskau, Peking oder eben Jerusalem geht. Wir respektieren den Wunsch nach Einigkeit und betrachten die EU als eine uns wohl gesonnene Institution – aber ich würde sagen, dass die Beziehungen mit jedem einzelnen Mitgliedsland besser sind als mit der Gemeinschaft im Ganzen. Wichtig ist, dass die Beziehungen mit Substanz gefüllt werden. Daran arbeiten wir als Botschafter hinter den Kulissen. Wir stellen sicher, dass alles reibungslos verläuft und bemühen uns, dass so oft wie möglich Gelegenheiten auftauchen, politische Äußerungen und Vereinbarungen mit Leben zu füllen.

Wie machen Sie das?

Koren: Berufsgeheimnis! Aber ich kann ihnen einige Beispiele dafür nennen, wie versucht wird, internationale Beziehungen auf eine gesellschaftliche Ebene zu bringen. Während des Besuchs von Außenminister Zaorálek wurde eine Vereinbarung unterzeichnet, die es jungen Leuten ermöglicht, bis zu einem Jahr in Israel zu reisen und zu arbeiten. Normalerweise sind die bürokratischen Hürden dafür recht hoch. Aber wir wollen Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren, die vielleicht kein Einkommen haben, dazu ermutigen, unser Land zu besuchen und ihnen ermöglichen, gleichzeitig auch ein bisschen Geld zu verdienen. Es kommen bereits viele junge Leute aus Westeuropa, zum Beispiel aus Deutschland oder den Niederlanden, die in einem Kibbuz im landwirtschaftlichen Bereich arbeiten, und vielleicht ist das auch für Tschechinnen und Tschechen interessant.

In welchen anderen Bereichen gibt es Kooperationen?

Koren: Zusammenarbeit gibt es auch in Forschung, Innovation und Entwicklung. Tschechiens Wirtschaft basiert im Wesentlichen auf der Industrie und es gibt den Wunsch nach Diversifizierung in Richtung einer stärker wissensbasierten Ökonomie, die bei uns in Israel sehr präsent ist: Wir haben eine Start-up-Kultur. Ein anderes wichtiges Feld des Austauschs ist digitale Sicherheit. Das ist eine große Sorge der modernen westlichen Volkswirtschaften, weil mit den neuen, ausgefeilten Waffen aus diesem Bereich immens großer Schaden angerichtet werden kann. Cyber-Angriffe können ein Land praktisch lahmlegen, den gesamten Verkehr stoppen, Banken blockieren. Jeder Staat hat die Verantwortung, ein darauf ausgerichtetes Abwehrsystem zu etablieren. Israel kooperiert nur mit sehr wenigen Ländern in diesem sensiblen Bereich, und Tschechien ist eines von ihnen.

Wie erleben Sie das reiche jüdische Erbe Ihres Gastlandes?

Koren: Gestern habe ich die Stadt Třebíč besucht, deren jüdisches Viertel, das ehemalige Ghetto, Unesco-Weltkulturerbe ist. Juden gibt es dort keine mehr. Es besteht zwar großes Engagement, die ehemaligen Stätten jüdischen Lebens zu erhalten, aber das geschieht nicht wegen der tschechischen jüdischen Gemeinde. Diese ist sehr klein und existiert vor allem in Prag. In kleinen Städten gibt es kein jüdisches Leben. Die Bemühungen, ihr Erbe zu bewahren, ist ehrenwert und ich habe auch das Gefühl, dass es von Herzen kommt. In Třebíč habe ich gehört, dass der jüdische Friedhof sogar während kommunistischer Zeiten heimlich von einer Gruppe Freiwilliger gepflegt wurde. Und seitdem ist natürlich viel passiert, auch dank finanzieller Mittel der Europäischen Union. Synagogen wurden zu Museen. Aber: Niemand betet mehr dort. Sie dienen lediglich kulturellen Bedürfnissen.

Sind Sie in Kontakt mit der jüdischen Gemeinschaft in Tschechien?

Koren: Natürlich. Letzte Woche habe ich beispielsweise in Olomouc im Rahmen der Makkabiade Tischtennis gespielt. Die Makkabiade ist eine Art Olympia der Juden – jedes Land hat eigene Mannschaften in verschiedenen Disziplinen, alle vier Jahre finden in Israel Spiele mit Teams aus der ganzen Welt statt.

Sie scheinen viel im Land unterwegs zu sein – wie erleben Sie die tschechische Mentalität?

Koren: Als eine sympathische Mischung aus Informalität und Rauheit, die nicht unhöflich ist, aber definitiv etwas, dass weniger westeuropäisch ist. Außerdem haben Tschechen einen eigenen Humor. Was mir außerdem auffällt, auch wenn es mich nichts angeht: Es sprechen immer noch relativ wenig Leute Englisch. Ein modernes Land, das in internationale wirtschaftliche Beziehungen involviert sein will, muss auch kommunizieren können.

Haben Sie einen Lieblingsort in Prag?

Koren: Ich liebe die Natur und wandere zum Beispiel gerne im Riesengebirge. Obwohl es natürlich toll für die tschechische Wirtschaft ist, dass so viele Touristen die Prager Innenstadt besuchen, mir persönlich gefällt es nicht. Es ist zu laut, zu viele Menschen. Aber ich mag das Flussufer bei Náplavka. Ich gehe dort mit all meinen Gästen hin, bevor sie die Stadt wieder verlassen. Ich genieße das Tempo dort, den Fluss – und natürlich das tschechische Bier.



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