Männer im Abseits
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Männer im Abseits

Der Fußballroman „Muži v ofsajdu“ von Karel Poláček beschreibt das Leben der „einfachen Leute“ im Prag der dreißiger Jahre

20. 12. 2019 - Text: Volker Strebel, Titelbild: Mannschaft von Slavia Prag vor dem Halbfinal-Rückspiel des Mitropa-Pokals am 2. Oktober 1927 gegen Rapid Wien

Der Titel des Romans „Männer im Abseits“ stammt aus der Fußballsprache. Die Begeisterung für die Sportart, die letztlich alle Handelnden im vorliegenden Roman auf direkte oder indirekte Weise zusammenführt, lag in der jungen Tschechoslowakei der 20er und 30er in der Luft. Die ewigen Rivalen Sparta und Slavia Prag gehörten damals zu den absoluten Top-Vereinen in Europa, und die Nationalmannschaft war eine der stärksten der Welt (1934 verlor sie nur knapp das WM-Finale gegen Italien). An dieser Stelle ist bemerkenswert, dass die verschiedenen Fußballverbände im Land zwar national ausgerichtet (es gab neben dem tschechoslowakischen, deutschen, polnischen und ungarischen sogar einen jüdischen Fußballverband), aber alle unter dem Dach der Tschechoslowakischen Fußball-Assoziation (ČSAF) angesiedelt waren.

Die „Männer im Abseits“ im Stadttheater Mladá Boleslav | © MDMB

Insofern brauchte Karel Poláček (1892-1945) in seinem Roman diese verbindende Idee des Fußballs lediglich aufzugreifen, wenn sich der tschechische Emanuel Habásko als Gefolgsmann von Viktoria Žižkov und der jüdische Geschäftsmann Richard Natscheradetz, glühender Anhänger von Slavia Prag, auf dem Fußballplatz zuerst in die Haare geraten und anschließend versöhnen. Freilich war der während des Fußballspiels entfachte Streit zwischen den beiden immerhin derart heftig ausgefallen, dass ein herbeigerufener Wachmann die beiden Kontrahenten auf das Polizeikommissariat führen musste.

Doch Fußball verbindet und Herr Natscheradetz, „Inhaber eines Geschäfts mit Konfektion und Regenmänteln“, bezahlt nicht nur die Strafe für den arbeitslosen Pfiffikus Emanuel Habásko, sondern stellt ihn sogar als Mitarbeiter in sein Geschäft ein. Das freut nicht nur den Vater von Emanuel, ein verwitweter Schneider, der unter einfachsten Verhältnissen mehr recht als schlecht sein Auskommen findet. Neben seinem Interesse für „wissenschaftlichen Fußball“ und den ewigen Sorgen um seinen Sohn sind ihm noch die Nachstellungen der Witwe Ouholiček geblieben. In 91 kurzen Kapiteln werden die wechselhaften Schicksale dieser Menschen geschildert, die zum Ende des Romans sogar in die glückliche Hochzeit des jungen Emanuel mit Emmi Šefelín führen, was angesichts deren rabiaten Vaters zunächst kaum jemand für möglich gehalten hätte.

Filmszene aus „Muži v offsidu“ (1931)

Karel Poláček war als Publizist der „Lidové noviny“ und als Autor zahlreicher Erzählungen aber auch Filmszenarien in der Ersten Tschechoslowakischen Republik populär. Sein humoristischer Sprachstil prägte seine griffige Prosa ebenso wie sein Blick für Milieustudien und sozialkritische Porträts. So besteht etwa das gesamte Kapitel 21 aus einer atemlosen Anweisung von Frau Natscheradetz an den Angestellten Emanuel Habásko, was er denn dem Modesalon von Frau Schmalfuß mitteilen solle. Da die Gattin seines Chefs gewohnheitsgemäß vom Hundertsten ins Tausendste gerät, prüft sie am Ende ihres Monologes Emanuel, ob er die Mitteilung auch verstanden habe. Lapidar fasst er das gesamte Kapitel in einem Satz gekonnt zusammen. Frau Natscheradetz sieht das anders: „Sie können also gehen“, winkte gnädig die Dame, „aber Sie reden zu viel, ich beobachte das schon lange.“

Und so wechseln sich im Roman „Männer im Abseits“ (tschechisch: „Muži v ofsajdu“) tagesaktuelle Probleme mit philosophischen Betrachtungen zur Ehe und utopische Vorstellungen über das Leben mit atemberaubenden Träumen ab. Der 1931 erschienene Roman war seinerzeit auch als Sportkomödie erfolgreich verfilmt worden. Es war jene Phase der tschechoslowakischen Kultur, die der Literaturwissenschaftler Jiří Holý als „die glücklichen Jahrzehnte der tschechischen Literatur (1918-1938)“ überschrieben hatte. Doch die Zeiten sollten sich bald ändern!

Karel Poláček mit seiner Frau Dora im Sommer 1943 | © APZ

Nachdem am 15. März 1939 die deutsche Wehrmacht in die sogenannte Rest-Tschechei einmarschierte, war das Protektorat Böhmen und Mähren unter deutsche Hoheit gestellt worden. Dass im Marschgepäck der deutschen Soldaten eine zivilisationsferne Rassenkunde mitgeführt wurde, sollte sich vor allem für die jüdische Bevölkerung als tödliche Bedrohung herausstellen. Auch Karel Poláček wurde als Jude im Juli 1943 nach Theresienstadt deportiert. Ein Schicksal, das auch die Übersetzerin dieses Romans Herta Soswinski teilte. In ihrem Nachwort gibt ihre Enkelin Sylvia Soswinski über das entsetzliche Schicksal ihrer Großmutter eindrucksvoll Auskunft. Im Unterschied zu Herta Soswinski hat Karel Poláček diese schrecklichen Jahre nicht überlebt. Seine Spuren begannen sich zu verwischen. Aufgrund von Aussagen ehemaliger Leidensgenossen geht man davon aus, dass Karel Poláček im Januar 1945 während eines Häftlingstransports ums Leben kam.

Die von Karel Poláček hinterlassenen Bücher, sympathische Schelmenstücke mit feinem sozialpsychologischem Gespür, gehören zum festen Bestand der modernen tschechischen Literatur.

Karel Poláček: Männer im Abseits Aus dem Tschechischen von Herta Soswinski. Mit einem Nachwort von Sylvia Soswinski. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2019, 320 Seiten, 16 Euro



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