Lernen an der Armutsgrenze

Lernen an der Armutsgrenze

Jeder sechste tschechische Student klagt über ernsthafte finanzielle Probleme

20. 10. 2016 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: APZ

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Das Klischee des oft feiernden Studenten, der nur selten in der Bibliothek lernt oder sich für einen Nebenjob anstrengt, ist schon lange überholt. Und wenn es früher bereits ein Zerrbild der Realität war, so dürfte sich dieses heute sogar ins Gegenteil verkehrt haben. Studenten stehen nach der Bologna-Reform unter starkem Leistungs- und Zeitdruck. Und in vielen Fällen kommt ein wirtschaftlicher dazu. In einer Umfrage ermittelte das tschechische Bildungsministerium für das inter­nationale Monitoring-Projekt „Eurostudent VI“ ernüchternde Daten zur Situation der tschechischen Studenten. Durchschnittlich hat ein Studierender hierzulande lediglich etwas mehr als 9.000 Kronen (330 Euro) monatlich zur Verfügung, jeder Sechste klagt über erhebliche Geldsorgen und könnte sich ohne Nebenerwerb kein Studium leisten. Ein Auslandssemester rückt für viele auch deshalb in weite Ferne.

Bei der Umfrage wurden über 16.000 Teilnehmer von Bachelor­-­ und Masterstudiengängen an 46 Hochschulen befragt. Über die größten Geldsorgen klagten Vollzeitstudenten über 30. Die Gründe dafür sieht Umfrage­leiter Jakub Fischer in der Tatsache, dass man nach dem 30. Lebensjahr kaum mehr entsprechende Zuschüsse beantragen kann und für ein verlängertes Studium zusätzliche Gebühren entrichten müsse.

Kaum staatliche Hilfen
Die Untersuchung ergab, dass Studenten an staatlichen Uni­versitäten und Hochschulen im Schnitt 8.622 Kronen monatlich zum Leben benötigen, Besucher von privaten Institutionen aufgrund wesentlich höherer Semestergebühren hingegen mehr als 18.000. Für Fischer sind solche Zahlen jedoch mit Vorsicht zu genießen. „Sie gründen auf ziemlich groben Schätzungen.“

Laut der Eurostudent-­Erhebung hat ein Student im Durchschnitt rund 9.100 Kronen im Monat zur Verfügung – eine erstaunlich geringe Summe, um Studium und Lebensunterhalt zu bezahlen. Die größten Einnahmequellen bilden Zuschüsse von Eltern oder Partnern, gefolgt vom Erwerb durch einen regelmäßigen Nebenjob. Einem solchen gehen nur rund 20 Prozent der Vollzeitstudenten nach. Etwas mehr als ein Viertel nimmt Gelegenheitsjobs wahr. Von den Teilzeitstudenten gehen der Studie zufolge 90 Prozent einer Erwerbstätigkeit nach. Drei von vier Studenten arbeiten zumindest während der Semesterferien.

Ein Sechstel aller an einer Hochschule Eingeschriebenen gab an, ohne Nebenerwerb niemals studieren zu können und nur knapp über die Runden zu kommen. Viel Hilfe von öffentlicher Seite können sie nicht erwarten. Ein BAföG-System wie in Deutschland gibt es nicht. Die Zuschüsse, die Studenten direkt über die Uni beantragen können, belaufen sich monatlich auf lediglich 1.620 Kronen (rund 60 Euro).

Kein Geld fürs Ausland
Am verhältnismäßig besten geht es Jura-Studenten, die mit rund 10.500 Kronen im Monat kalkulieren, während angehende Mediziner im Schnitt nur 7.500 Kronen zur Verfügung haben. Die geringsten Finanz­sorgen plagen – kaum überraschend – Kinder von Eltern mit höherem Bildungsstand und besserem Einkommen.

Die finanziellen Engpässe bedeuten auch, dass tschechische Studenten größtenteils von  Auslandssemestern absehen. Einer weiteren Umfrage zufolge planen zwei Drittel keinen Trip ins Ausland. Für 30 Prozent sind die hohen Kosten das Haupt­hindernis, 31 Prozent wollen sich nicht vom persönlichen Umfeld trennen. Effektiv wagen nur 8,2 Prozent das Abenteuer jenseits des Heimatlandes.