Lebensmotto Surrealismus

Lebensmotto Surrealismus

Jan Švankmajers absurde Welt im Haus zur Steinernen Glocke

7. 11. 2012 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: ghmp

Wenn sich weltweit bekannte Filmemacher wie Tim Burton oder Monty Pythons Terry Gilliam von den Arbeiten eines anderen inspirieren lassen, so kommt dies einem cineastischen Ritterschlag gleich. Ungleich größer die Ehre in der internationalen Kunstszene, wenn die Londoner Tate Gallery of Modern Art Werke von einem Künstler in ihre Dauerausstellung aufnimmt. Beides trifft auf Jan Švankmajer zu.

1934 geboren, studierte der gebürtige Prager bereits in jungen Jahren an der Akademie der bildenden Künste. In den siebziger Jahren stieß er mit seiner Frau Eva zur tschechoslowakischen Surrealistengruppe um Vratislav Effenberg. Zuvor hatte Švankmajer bereits eine gewisse Reputation als Animations-Filmemacher erworben. Charakteristisch für seine Werke ist die sogenannte „Stop-Motion“-Technik, mittels derer unbelebte Dinge bewegt werden und ein bizarres Eigenleben entwickeln. Seine witzigen aber auch düsteren Phantasie-Figuren sind beeinflusst vom literarischen Werk Edgar Allen Poes oder Lewis Carrolls. Sie schwanken stets zwischen Horrorvision und schwarzem Humor. 1973 wurde er mehrere Jahre mit einem Berufsverbot belegt. Den kommunistischen Machthabern waren die Arbeiten des Surrealisten zu absurd und undurchsichtig – sie standen deshalb unter dem Verdacht politischer Kritik. In den rund 40 Jahren seiner filmischen Tätigkeit produzierte Švankmajer über 30 Streifen, darunter Langzeitspielfilme wie „Alice“ oder „Faust“, die auch international viel Beachtung erhielten.

Verstörende Fabelwesen
Die Ausstellung im Haus Zur Steinernen Glocke am Altstädter Ring stellt einen Brückenschlag zwischen Švankmajers cineastischem Werk und seinen Plastiken, Collagen, Bildern und Druckerzeugnissen her. Die Schau soll des Künstlers surrealistischen Kosmos in seiner ganzen Vielseitigkeit zum Ausdruck bringen. Švankmajer selbst verwies immer wieder auf seine wesentlichen Inspirationsquellen Kindheit, Träume, Essen, Erotik und Puppentheater. Betrachtet man seine verfremdeten Porträts der Mona Lisa oder die Abbilder anderer Renaissance-Werke, so wird einem schnell klar, wie virtuos Švankmajer konventionelle Betrachtungs- und Sehgewohnheiten herausfordert. Zusätzlich evozieren seine plastischen Arbeiten und Zeichnungen auch Ängste und Verwirrung. Die verstörenden Fabelwesen seiner Imagination oszillieren zwischen absurder Komik und düsterer Märchenwelt und erinnern an Erzählungen wie „Die unendliche Geschichte“.

Švankmajer definiert Surrealismus als eine Reise in die Tiefen der Seele – ähnlich wie Alchemie oder Psychoanalyse, nur mit dem Unterschied, dass es keine persönliche Reise, sondern ein kollektives Abenteuer darstellt. Zeuge dessen kann man in Prag mittels einer spannend kuratierten und multimedial ausgerichtetem Schau werden, die von einem auch in Englisch verfassten Katalog begleitet wird.

Jan Švankmajer, Dimensions of Dialogue – Beetween Film and Fine Art, Galerie hlavního města Prahy, Dům U Kamenného zvonu (Haus zur steinernen Glocke/Staroměstské náměstí 13, Prag 1), geöffnet: Di.–So. 10–20 Uhr (montags geschlossen), Eintritt: 120 CZK (ermäßigt 60 CZK),
bis 3. Februar 2013



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