Leben zwischen gestern und morgen

Leben zwischen gestern und morgen

„Tage des Europäischen Films“ rücken Flucht und Migration in den Mittelpunkt

6. 4. 2016 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Foto: DEF

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Europa, der sichere Hafen. Ein Ort, an dem Träume wahr werden. Der Traum von einem Leben ohne Krieg und Verfolgung zum Beispiel. Auch wenn dieser Traum kein freiwilliger ist. „Wir begannen zu rennen, als die Bomben fielen. Erst später stellten wir fest, dass wir kein einziges Mal zurückgeblickt hatten. Wir konnten uns noch nicht einmal verabschieden von unserem Heim, unseren Erinnerungen und von dem Leben, das wir hatten. Wir standen da, genauso leer wie diese Räume selbst. Unsere hastig gepackten Sachen und die Dinge, die wir zurückließen, verfolgen uns nun.“ Der syrisch-deutsche Dokumentarfilm „Haunted“ erzählt von Flucht und Vertreibung, von einem ungewissen Leben zwischen gestern und morgen und vom Verlust von Sicherheit und Heimat. Und davon, welche Bedeutung ein Zuhause im Leben eines Menschen hat.

Der Film ist einer von vier Beiträgen, die das Festival „Tage des Europäischen Films“ („Dny evropského filmu“) in der Kategorie „Auf den Punkt“ präsentiert. Von 7. bis 14. April bringt das Festival mehr als 40 Filme aus knapp 30 europäischen Ländern auf die Leinwände der Kinos Lucerna und Světozor in Prag. Danach reist es weiter nach Brünn (14. bis 18. April); anschließend ist es bis 24. April in den Regionen zu sehen – unter anderem in Hradec Králové, Jablonec nad Nisou und Havířov.

Gemeinsam mit der Vertretung der Europäischen Kommission in Tschechien haben die Veranstalter die Kategorie „Auf den Punkt“ dem Thema Migration gewidmet. Im Mittelpunkt stehen die Beweggründe jener, die ihre Heimat verlassen müssen. Neben „Haunted“ (12. April, 18.30 Uhr im Kino Lucerna) läuft unter anderem „Dheepan“ („Dämonen und Wunder“) in dieser Sparte. Im vergangenen Jahr gewann das französische Drama um drei Flüchtlinge aus Sri Lanka bei den Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme (10.April, 18.30 Uhr im Kino Světozor und 11. April, 16.30 Uhr im Kino Lucerna).

In der Kategorie „LUX Film Preis“ werden Beiträge gezeigt, die in das Finale um den Filmpreis des Europaparlaments kamen. Die Auszeichnung wird seit 2007 jedes Jahr für die Auseinandersetzung mit Integration und Sprachvielfalt vergeben. Der Gewinner 2015 „Mediterranea“ erzählt von zwei Freunden aus Burkina Faso, die nach Europa auswandern. Nachdem ihr Boot kentert, finden sie sich in Süditalien wieder, wo sie auf eine harte Probe gestellt werden (12. April,18.30 Uhr im Kino Světozor).

Den Auftkat zum Festival bildet der estnisch-finnische Streifen „The Fencer“ (7. April, 19 Uhr im Kino Lucerna). Er beruht auf der Lebensgeschichte des estnischen Fechters und Trainers Endel Nelis, der sich Anfang der fünfziger Jahre vor der Geheimpolizei Stalins an der estnischen Küste versteckte. Dort brachte er Schülern das Fechten bei und wurde schnell zur Vaterfigur für viele elternlose Kinder. Als erster finnischer Film überhaupt erhielt „The Fencer“ im vorigen Jahr eine Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Beitrag.
Besonders erfolgreiche Werke zeigt die Kategorie „Best of“. Stolz sind die Veranstalter auf einen tschechischen Beitrag, der dieses Jahr bei der Berlinale zu sehen war: „Já, Olga Hepnarová“ ist die wahre Geschichte der damals 22-Jährigen, die im Juli 1973 mit einem Lkw in Prag in eine Menschengruppe raste und acht Menschen tötete. Vor Gericht verteidigte sie sich, ohne Reue zu zeigen. Stattdessen klagte Hepnerová, die 1975 hingerichtet wurde, Staat und Gesellschaft an.

Neben jüngeren Filmen wie „Melancholia“ und „Only God Forgives“ bringt das Festival auch einen Klassiker zurück ins Kino. Anlässlich des 400. Todestags von William Shakespeare läuft „Romeo und Julia“ (14. April, 9 Uhr und 13.30 Uhr im Kino Lucerna). Das Werk gewann 1969 den Oscar als bester Film.

Dny evropského filmu, 7. bis 14.  April in Prag (Kinos Lucerna und Světozor, Eintritt: 100 CZK), 14. bis 18. April in Brünn, 18. bis 24. April in den Regionen,
www.eurofilmfest.cz