Kulturerbe Platte

Kulturerbe Platte

In Brünn könnte bald die erste Plattenbausiedlung unter Denkmalschutz stehen. Das markiert eine Wende im Umgang mit der sozialistischen Vergangenheit

10. 7. 2014 - Text: Martin NejezchlebaText: Martin Nejezchleba; Foto: Martin Strachoň

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Poesie und Platte. In den 1960er Jahren ging das noch zusammen. „Die Silhouette ist in steter Bewegung … einmal sehen wir Jules Vernes Stählerne Stadt, ein andermal eine Märchenstadt hinter Mauern“. Voller Begeisterung beschrieb der berühmte tschechische Städteplaner Bohuslav Fuchs die Nordstadt von Brünn, der erste komplett aus vorgefertigten Betonplatten erbaute Stadtteil der Tschechoslowakei. Erbaut für 20.000 Menschen auf einer Fläche, auf der 362 Fußballfelder stehen könnten. Was heute nach dunkelgrauer sozialistischer Tristesse klingt, nannte Fuchs damals stolz das neue Symbol Brünns. Heute steht die Plattenbausiedlung Lesná kurz davor, erneut zum Symbol zu werden.

Anfang des Jahres gründete das tschechische Denkmalschutzamt (NPÚ) eine neue Kommission. „Ziel ist es, die bislang ausgebliebene öffentliche Diskussion über den Wert der Architektur aus den sechziger bis achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts anzukurbeln“, erklärt NPÚ-Direktorin Naďa Goryczková. Nach knapp einem halben Jahr hat die Komission vier Bau- und Kunstwerke aus der Zeit des Sozialismus für den Denkmalschutz empfohlen. Eines davon ist die Brünner Siedlung Lesná. Wenn sich bis Ende des Jahres auch das Kulturministerium auf die Seite von Denkmalschützern und Bürgerinitiativen stellt, dann wäre Lesná die erste denkmalgeschützte Plattenbausiedlung in Tschechien. Lesná würde zum Symbol für einen neuen Umgang der Tschechen mit ihrer kommunistischen Vergangenheit.

Angefangen hat die Brünner Erfolgsgeschichte auf einem Spielplatz. Die Kinder von Martin Maleček gingen dort oft zum Spielen. 2006 erfuhr der stolze Plattenbaubewohner, dass ein privater Investor dort eine Parkgarage bauen möchte – Maleček beschwerte sich im Rathaus. Als er dort hörte, er habe in die städtischen Pläne nicht hineinzureden, entschloss sich der Mittvierziger zum Kampf. Er gründete eine Bürgerinitiative, mit der er erst den Spielplatz rettete und später den geplanten Bau von Hochhäusern mit 17 Stockwerken verhinderte. Dann hatte Maleček die Idee, seinen Plattenbau ein für alle Mal vor unkonzeptionellen Eingriffen zu schützen: Zusammen mit anderen Bürgerinitiativen setzt er sich seit fünf Jahren für die Denkmalschutzzone ein.

Stadt im Grünen
Glaubt man den Architekten in der NPÚ-Kommission, gibt es gute Gründe für einen solchen Status. „Der Hauptwert der Lesná-Siedlung besteht im einzigartigen urbanistischen Konzept und im attraktiven Umfeld, in dem sie situiert ist“, begründet die Kommission ihre Empfehlung.

Von den unzähligen Siedlungen, denen Ex-Präsident Václav Havel einst den spöttischen Spitznamen „Kaninchenställe“ verpasste, unterscheidet sich Lesná vor allem wegen ihrer Bauzeit. In den Sechzigern gab es noch Geld für den Wohnungsbau. Die Planer und Architekten fuhren nach Schweden und Finnland und kamen mit der Idee einer „Stadt im Grünen“ zurück, die die geografischen Gegebenheiten respektiert.

Dass die Architekten ihr Ziel erreicht haben, sieht man bis heute. Die Plattenbauten wachsen von kleinen Wohnblöcken bis zu 13-stöckigen Platten den Hang empor und bieten so einen freien Blick auf die Altstadt. Zwischen den einzelnen Blöcken befinden sich riesige Grünflächen mit Parks, Wiesen, Schulen, Läden und Spielplätzen. Auch wegen der guten Infrastruktur wurde Lesná nie zum Kaninchenstall, wo man nur zum Schlafen zurückkommt. Mitten durch die Siedlung verläuft eine tiefe, bewaldete Schlucht. In die Innenstadt sind es von hier gerade einmal vier Kilometer.

„Abstand bitte!“
Die späteren tschechoslowakischen Plattenbauten wurden wegen Wohnungs- und Geldknappheit nicht mehr an Baugrund und Umgebung angepasst, im Gegenteil. Schnell und günstig musste es gehen, an Platz für sozialen Kontakt zwischen den Bewohnern hatten die Bauherren kein Interesse. Dass Bauwerke nicht mehr nur als „sozialistisch“ und damit als „hässlich“ abgestempelt, sondern differenziert betrachtet werden, das möchte die NPÚ-Kommission erreichen. „Der Sinn dieser Kommission ist es, so objektiv wie möglich Bauwerke zu beurteilen, die vor 50 Jahren oder später entstanden sind“, so Denkmalschutz-Chefin Goryczková. Das gelänge heute zumeist nur der jüngeren Generation.

Pavel Karous findet da deutlichere Worte: „Es sind 25 Jahre seit der Wende vergangen, warum können wir die Dinge verdammt noch mal nicht mit ein bisschen Abstand betrachten!“ Der Künstler kartiert mit seinem Projekt „Aliens und Reiher“ („Vetřelci a volavky“) die Kunstwerke, die in der Tschechoslowakei während der Zeit der Normalisierung, also nach der Niederschlagung des Prager Frühlings entstanden sind. 1.800 Plastiken hat er alleine in Prag gezählt, mindestens 450 davon sind seit der Wende verschwunden. Karous möchte diesen Trend stoppen.
Vereintes Europa abrissreif?

Am heftigsten kämpft er im Moment um den Erhalt eines Brunnens im Prager Stadtteil Žižkov. Er trägt den Namen „Vereintes Europa“, wird dem Stil des Brutalismus zugeordnet und soll verschwinden. Der Platz Jiřího z Poděbrad, auf dem der etwas klobige Springbrunnen steht, soll „revitalisiert“ werden. Für Karous ist klar, das Motiv ist blinder Antikommunismus, das Rathaus möchte sich einer weiteren Erinnerung an den Sozialismus entledigen. Vladislava Hujová (TOP 09), Bürgermeisterin des Stadtbezirks argumentiert hingegen damit, dass man die modernistische Herz-Jesu-Kirche, die absolute Dominante auf dem Platz und Kandidat für die Weltkulturerbe-Liste, von störenden Elementen befreien möchte.

„Wenn die meinen, der Brunnen sei ein Instrument sozialistischer Propaganda gewesen, dann sollen sie doch die Barockkirchen abreißen, als Symbol der Rekatholisierung und der habsburgischen Vorherrschaft!“ Das ist ein Totschlagargument. Dabei hat Karous nicht unrecht: Es müssen wohl noch ein paar Jahrzehnte vergehen, bis die Tschechen ihre kommunistische Vergangenheit mit so viel Gelassenheit betrachten können wie ihre Barockkirchen. Die Initiative des Denkmalschutzamtes scheint ein erster Schritt in diese Richtung zu sein – auch den Brunnen „Vereintes Europa“ möchte die Kommission unter Schutz stellen. Die Bürgermeisterin hat bereits angekündigt, den Brunnen in diesem Fall an eine andere Stelle zu verfrachten.