Kritik im Exil

Kritik im Exil

Das DOX präsentiert Werke der ostukrainischen Künstlervereinigung „Izolyatsia“

24. 6. 2015 - Text: Sophie KohoutekText: Sophie Kohoutek; Foto:

„Das ist Pornographie, keine Kunst!“ – sagt der Kommandant mit besorgter Miene. Der gepflegte Mittdreißiger ist Anführer einer Einheit, die im Namen der selbsternannten Volksrepublik Donezk das Gebäude des Künstlervereinigung „Izolyatsia“ besetzt hält. Dieser Schmutz verunreinige die Gedanken der jungen Leute in Donezk, deswegen müssten diese sogenannten Künstler von der Gesellschaft isoliert werden, erklärt er weiter. Die Filmaufnahmen mit den drastischen Aussagen des Milizenführers sind Teil der Ausstellung „Kultur und Konflikt: Izolyatsia im Exil“ („Kultura a konflikt: Izolyatsia v Exilu“) im Zentrum für zeitgenössische Kunst DOX. Sie stellt Arbeiten der Künstlervereinigung „Izolyatsia“ aus dem ost-
ukrainischen Donezk vor, die sich derzeit im Kiewer Exil befindet.

Seit einem Jahr besetzen die prorussischen Separatisten das Gebäude des 2010 gegründeten Kulturvereins. Nachdem sie die Büro- und Ausstellungsräume verwüstet haben, nutzen sie das ehemalige Fabrikgelände als Waffenlager, militärisches Übungsgelände und Gefängnis. Die Schau im DOX zeigt einerseits die politische, militärische und soziale Lage in der Region anhand von Interviews und Videoaufnahmen sowie die Aufarbeitung der Geschehnisse durch die Werke der „Izolyatsia“-Künstler.

Die junge Journalistin Katia Zhemchuzhnikova berichtet, dass sie Donezk verließ, als immer mehr Freunde von ihr in Gefängnissen verschwanden, da sie proeuropäische Maidan-Treffen mitorganisiert hatten. Wovon sie träume? Dass sie irgendwann einmal ohne Angst in ihre Heimat zurückkehren könne.

An den Wänden hängen außerdem überdimensionale Spielkarten von Serhij Sacharow. Sie zeigen Karikaturen von Repräsentanten der selbsternannten Volksrepublik Donezk und anderer am Konflikt beteiligter Persönlichkeiten. Dazu gehört auch Russlands Präsident Wladimir Putin, der als „Joker“ gleich die vorderste Säule des Ausstellungsraumes schmückt. Die Spielkarten waren Teil der zur Vernissage präsentierten Performance „The House of Cards“, bei der Sacharow das riesige Kartenhaus der proklamierten Volksrepublik zum Einsturz brachte. Die Aktion läuft als Video in der Endlosschleife ab.

In einem halbstündigen Interview berichtet der Ukrainer außerdem von seiner Gefangennahme durch prorussische Milizen. Sacharow hängte in Donezk Karikaturen russland-freundlicher Kämpfer auf, weswegen er für einen Monat eingesperrt und misshandelt wurde. Im Nebenraum läuft ein Film, der die Separatisten und ihren Alltag porträtiert. Ein Soldat mit Sonnenbrille und Wasserpfeife erklärt lässig, er würde jedem Befehl seines Kommandanten folgen. Dieser hält angewidert Fotografien eines Künstlers in die Höhe. Das Einsperren dieser Leute sei notwendig gewesen, zum Schutz des Volkes.

Die eindrückliche Schau im DOX beschreibt die komplizierte Situation in der Ostukraine anhand beklemmender und irritierender Bilder. Augenzeugen­berichte halten den Besuchern den realen Schrecken des Konfliktes vor Augen – eine Ausstellung, die niemanden kaltlässt.

Kultur und Konflikt: Izolyatsia, DOX Centre for Contemporary Art (Poupětova 1, Prag 7), geöffnet: Mo.–So. 10 bis 18 Uhr, Mi. & Fr. 11 bis 19 Uhr, Do. 11 bis 21 Uhr, dienstags geschlossen, Eintritt: 180 CZK (ermäßigt 90 CZK), bis 20. Juli, www.dox.cz



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