Kostbare Noten

Kostbare Noten

Ein Heidelberger Musikwissenschaftler findet ein Gemeinschaftswerk von Mozart und Salieri in Prag. Es weist auf einen „guten Kontakt“ der angeblichen Erzrivalen hin

17. 2. 2016 - Text: Franziska NeudertText: fn/čtk; Foto: APZ

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Ein verschwunden geglaubtes Gemeinschaftswerk von Wolfgang Amadeus Mozart und Antonio Salieri ist in Prag aufgetaucht. Es wirft ein neues Licht auf die Beziehung der beiden Komponisten, die bisher nicht nur als Konkurrenten, sondern sogar als Erzrivalen galten. Der Heidelberger Musikwissenschaftler und Komponist Timo Jouko Herrmann spürte das Stück Ende Januar in den Archiven des Tschechischen Musik­museums auf, als er Nachforschungen zum Werk Salieris anstellte. Dabei entdeckte er Libretto und Notentext einer Kantate, die im Köchelverzeichnis unter dem Titel „Per la ricuperata salute di Ofelia“ aufgeführt ist, jedoch als verschollen galt. „Ich habe sofort das Museum kontaktiert und gefragt, ob ich eine Kopie des Werkes bekommen könne, um zu bestätigen, was ich da auf dem Bildschirm sah“, sagt Herrmann. Seinen Fund bezeichnet er als weltweit bedeutend. Er räume nicht nur mit der Legende über die Rivalität zwischen Mozart und Salieri auf, sondern verrate auch viel über die Entstehungsgeschichte des Werks.

Die Kantate entstand im Jahr 1785 anlässlich der Genesung der englischen Opernsängerin Nancy Storace; den Text schrieb der Librettist Lorenzo Da Ponte. Die insgesamt 30 Verse, von denen jedoch nur vier vertont wurden, erzählen die Geschichte der mehrmonatigen Krankheit von Storace. Die Sopranistin hatte zuvor ihre Arbeit an der Wiener Hofoper aufgrund einer Stimmkrise unterbrechen müssen. Gefeiert wurde sie vor allem für ihre Interpretationen der Werke Salieris und Mozarts. So weist der Titel der Dichtung auch auf ihre Rolle als erste Ofelia in Salieris Oper „La grotta di Trofonio“ hin. Die erste Strophe stammt von Salieri, die zweite von einer Person namens Cornetti, deren Identität bisher unbekannt ist. Vermutlich handelt es sich hierbei um einen Amateur. Die dritte und vierte Strophe vertonte Mozart. Laut Experten entstand die Kantate innerhalb einer Woche. Daher müssen die Komponisten in gutem Kontakt gestanden haben.

Das Libretto soll in der Sammlung des Tschechischen Musikmuseums verbleiben. Wie der Direktor des National­museums Michal Lukeš sagt, müsse es noch eindeutig identifiziert werden. In Tschechien erinnern in diesem Jahr zahlreiche Konzerte an das Schaffen Mozarts, der am 27. Januar vor 260 Jahren in Salzburg geboren wurde und mehr als 600 Kompositionen hinterließ.