Kiloweise Marihuana aus Prag herangeschafft

Kiloweise Marihuana aus Prag herangeschafft

Regensburger Gericht verhandelt außergewöhnlichen Drogenhandel – Kriminalitätsstatistik für Bayern veröffentlicht

26. 3. 2015 - Text: Klaus HanischText: Klaus Hanisch; Foto: APZ

Der Fahndungserfolg war so spektakulär, dass ihn Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei in Regensburg erst fast ein Jahr später veröffentlichten. Schon im April 2014 hatten sie einen Drogenring in der Oberpfalz gesprengt, der Marihuana im Wert von etwa 500.000 Euro verkauft haben soll. Und die Behörden gaben ihre Ermittlungsergebnisse quasi in letzter Minute bekannt: In Regensburg verhandelt nun bereits eine Gerichtskammer gegen sieben Drogenhändler. Auf die Spur kam ihnen eine sechsköpfige Ermittlungsgruppe mit Namen „Konopi“, dem tschechischen Wort für Hanf. Denn das Rauschgift wurde in großen Mengen über Kontaktpersonen in Tschechien erworben, insbesondere in Prag.

Daher waren an den Ermittlungen, die im September 2013 begannen, neben deutschen Kriminalpolizisten und Fahndern auch tschechische Polizisten beteiligt. Die Dealer sollen innerhalb von zwei Jahren bis zu 140 Kilogramm Rauschgift umgeschlagen haben. Anfangs holten Kuriere die „Ware“ mit Autos oder Motorrädern ab. Später wurde sie als „Serviceleistung“ von Hintermännern geliefert. Dabei kam es „zwischen Mitte 2012 und April 2014 zu Fahrten im zweistelligen Bereich“, wie die Polizei anhand von Unterlagen herausfand.

Nach ihren Angaben bildeten die Täter ein Netzwerk mit „mafiösen Strukturen“. Gegründet wurde es von einem 22-jährigen Elektroniker aus Regensburg, der einen Verteilerring nach dem Schneeballprinzip aufbaute. Neben ihm war ein 23 Jahre alter Jurastudent der „Kopf“ dieser Organisation.

Laut Polizei beschäftigten sie einen „hünenhaften Bodyguard aus Tschetschenien“, der für 3.000 Euro im Monat die Drogenlieferungen absicherte. Zudem trieb er Forderungen ein und beschützte die Mitglieder der Bande. Dabei griff er auf eigene Helfer zurück, die der Polizei bereits wegen Gewaltdelikten bekannt waren. Sie lockten säumige Zahler und vermeintliche Verräter in einen Hinterhalt und hielten sie dort stundenlang fest.

Anfang Februar 2014 erließ die Staatsanwaltschaft Regensburg Durchsuchungsbeschlüsse und Haftbefehle gegen sieben Tatverdächtige. Sie kannten sich seit vielen Jahren durch die Schule oder Freizeitaktivitäten. Bei ihrer Festnahme wurden Fahrzeuge, Bargeld im mittleren fünfstelligen Bereich und hochwertiger Schmuck beschlagnahmt. Zudem wurden Bankkonten gepfändet. Zu den Abnehmern der vielen Kilogramm Marihuana aus Tschechien zählten auch Mitglieder eines Rockerclubs. Daraus resultierten weitere Ermittlungen eines Kriminalfachdezernats in München, die ebenfalls zu Festnahmen führten.

Gewollte Zunahme
Dieser spektakuläre Fall kommt in der neuesten Kriminalstatistik für Bayern nur am Rande vor, weil Polizisten lediglich eine relativ kleine Menge an Marihuana sicherstellten. Vor allem durch Zeugenaussagen gehen sie davon aus, dass tatsächlich bis zu 140 Kilo verkauft wurden.

Doch selbst ohne diese Menge bestätigte das bayerische Innenministerium letzte Woche, dass die Rauschgiftkriminalität im Freistaat im vergangenen Jahr deutlich angestiegen ist. Genau um 8,4 Prozent, wie die Jahresbilanz für 2014 ergab. Insgesamt wurden 38.939 Fälle aufgedeckt. Dies liege, so Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU), vor allem an verstärkten Polizeikontrollen.

Die Beamten stellten im letzten Jahr unter anderem fast 30.000 Konsumeinheiten Ecstasy, 433 Kilogramm Marihuana, rund 172 Kilogramm Amphetamin und 59 Kilogramm Kokain sowie knapp 24 Kilogramm Heroin sicher. Dazu wurden 10,6 Kilogramm Crystal entdeckt.

„Die aus Tschechien importierte Teufelsdroge Crystal ist weiterhin ein großes Problem“, stellte Herrmann fest. Rund ein Drittel der insgesamt 3.098 Verstöße mit Crystal gab es im Grenzgebiet zu Tschechien. Nach Angaben des Ministeriums sind 21 Personen daran gestorben, drei mehr als 2013. Die Bekämpfung der Modedroge bleibe „daher auch 2015 ein besonderer Schwerpunkt der bayerischen Polizei“, wie Herrmann erklärte.

Auch in der gesonderten Kriminalstatistik für den Tschechien nahen Regierungsbezirk Oberpfalz hat Rauschgiftkriminalität weiterhin große Bedeutung. Nachdem die Fallzahlen dort lange auf nahezu gleichem Niveau blieben, stiegen sie im letzten Jahr um zehn Prozent auf 3.203 Straftaten an.

Solch eine Zunahme sei jedoch gewollt, erklärten die Behörden in Regensburg. Denn dabei handele es sich um ein Kontrolldelikt, das maßgeblich von der Kontrolltätigkeit der Einsatzkräfte bestimmt wird. „In der Praxis bedeutet das, je mehr Kontrollen durchgeführt werden, umso mehr Aufgriffe stellen sich ein“, erläuterte Polizeipräsident Gerold Mahlmeister.

Der Konsum und die illegale Einfuhr von Crystal Speed war in Regensburg, wie in den Vorjahren, ein beherrschendes Thema. Sowohl wegen der zahlreichen Aufgriffe durch Schleierfahnder als auch wegen der sichergestellten Mengen. 3,8 Kilogramm bedeuteten eine Steigerung um 60 Prozent. Knapp ein Viertel der Aufgriffe betraf Metamphetamin, wozu auch Crystal Speed zählt. Metamphetamine schlugen sich ein Jahr zuvor noch mit mehr als 35 Prozent in der Statistik nieder, wurden nun aber von anderen Drogenarten überholt. Vor allem von Cannabisprodukten, die mehr als die Hälfte der Verstöße ausmachten, nämlich 1.596 Fälle.

Urteile im April
Mit Sorge sehen die bayerischen Behörden, dass es deutlich mehr Rauschgiftdelikte an Schulen gab als in den Vorjahren. Bei 75 Prozent dieser Fälle war Cannabis im Spiel.

Im vergangenen Jahr wurden zudem fast 60 Kilogramm Marihuana sichergestellt, eine Steigerung um mehr als das Doppelte. Der außergewöhnliche Marihuana-Fall von April 2014 wird seit wenigen Tagen vor einer Kammer des Regensburger Landgerichts verhandelt.

Angeklagt sind sieben Drogenhändler, die zur Tatzeit erst zwischen 20 und 22 Jahre alt waren. Die Polizei hatte bereits zuvor mitgeteilt, dass sie „aus gut bürgerlichem Hause abseits gängiger Klischees des Betäubungsmittelmilieus“ stammten. Tatsächlich handelt es sich bei ihnen um junge Elektrotechniker, Informatiker und Studenten.

Bei dem Prozess kam zur Sprache, dass die Bande einmal im Monat einen Drogenkurier zwischen Prag und Regensburg pendeln ließ. Zunächst nur für kleinere Mengen, später dann mit 10-Kilo-Paketen, die in Reserverädern versteckt wurden. Während zwei Täter die Drogen bei einem Großhändler in Prag kauften, kümmerte sich ein dritter um den Vertrieb. Kunden waren Disc-Jockeys in Regensburg sowie der von der Polizei ermittelte türkische Rockerclub.

Zur Verpflichtung des von der Polizei als „hünenhaften Bodyguard“ bezeichneten Tschetschenen kam es, als die Dealer bei einem Drogengeschäft übers Ohr gehauen wurden. Der ehemalige Boxer soll ihre Geschäftspartner krankenhausreif geprügelt haben.

Auch der Staatsanwalt geht davon aus, dass die Bande in zwei Jahren Marihuana im Wert von mehr als einer halben Million Euro nach Bayern transportiert und durch dessen Verkauf einen Gewinn von mindestens 100 Prozent erzielt hat. Mit Urteilen wird Mitte April gerechnet.



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