Irritierende Verhältnisse

Irritierende Verhältnisse

Sigmund Freud starb vor 75 Jahren. Die ersten drei Jahre seiner Kindheit erlebte er im ostmährischen Freiberg

16. 10. 2014 - Text: Friedrich GoedekingText: Friedrich Goedeking; Foto: Der achtjährige Sigmund mit seinem Vater, 1864

 

„Ich bin das Kind von ursprünglich wohlhabenden Leuten, die in einem kleinen Provinznest behaglich gelebt haben.“ Mit diesen Worten beschönigte Sigmund Freud das Leben seiner Familie in Freiberg (Příbor). In der ostmährischen Stadt kam der spätere Begründer der Psychoanalyse vor 75 Jahren zur Welt. 

Erst kurz vor Freuds Geburt hatten die Behörden der jüdischen Familie gestattet, sich in Freiberg niederzulassen. Bis dahin reisten sein Vater und Großvater mehrmals im Jahr etwa 600 Kilometer vom heute ukrainischen Tysmenitz an, um Honig, Hanf und Wachs nach Freiberg zu transportieren. Mit dem Erlös erwarben sie in Mähren Tücher aus Schafwolle, die sie in ihrer Heimat wieder verkauften.

Für den Kauf eines Hauses oder einer Wohnung in Freiberg fehlte seinem Vater Jacob das Geld. Daher teilte sich die Familie ein Zimmer im Haus des Schlossers Zajíc.

Die Familienverhältnisse der Freuds waren ungewöhnlich und irritierend. Jacob Freud war mit Amalia, der Mutter Sigmunds, in dritter Ehe verheiratet. Als die beiden heirateten, war Amalia gerade einmal 19 Jahre alt, Jacob 20 Jahre älter. Aus der Ukraine hatte der Vater seine beiden erwachsenen Söhne aus erster Ehe mitgebracht – Emanuel und Philipp. Freud hatte also zwei Halbbrüder, die etwa 20 Jahre älter waren als er. Emanuel war bereits verheiratet. Dessen Sohn kam ein Jahr vor Sigmund zur Welt, so dass Sigmund bereits einen älteren Neffen hatte, als er geboren wurde. Philipp war im gleichen Alter wie Amalia und ein häufiger Gast in der Wohnung. Für Sigmund ein Anlass, darüber zu rätseln, weshalb er einen so alten Vater hatte und seine Mutter nicht den jungen Philipp zum Mann nahm. Die Vermutung, dass es zwischen Amalia und Philipp eine unerlaubte Beziehung gegeben habe, ist nie verstummt. Vielleicht trennte sich Jacob auch deshalb 1859 von seinen Söhnen, als er in finanzielle Schwierigkeiten geriet und nach Wien umzog.

Freuds Mutter wurde in der Ehe nicht glücklich. Ihr Mann war im gleichen Alter wie ihr Vater. Durch die Heirat sollte sie sich, die in Wien aufgewachsen war, nun mit dem Leben in einer verschlafenen  Kleinstadt abfinden. Umso mehr wandte sich der Stolz und die Liebe der Mutter ihrem Erstgeborenen zu. Auf die Zuwendung der Mutter reagierte Sigmund mit heftiger Eifersucht gegen Personen, die ihm den alleinigen Zugang zur Liebe der Mutter streitig machen konnten. Eifersucht und sexuelle Neugierde veranlassten ihn, in das elterliche Schlafzimmer einzudringen. Als die Mutter mit dem zweiten Kind schwanger war, wünschte er ihm den Tod und war erleichtert, als das Kind mit acht Monaten starb. In einer Selbstanalyse bemerkte Freud später, dass er Philipp für den Vater des zweiten Kindes seiner Mutter hielt.

Die ungewöhnlichen Familienverhältnisse beflügelten die Neugier und Fantasie des kleinen Sigmund erheblich. Sie trugen schließlich dazu bei, dass er 40 Jahre später die Theorie vom Ödipuskomplex entwickelte und sie für ein „allgemeines Ereignis früher Kindheit“ hielt, da er selbst mit der Verliebtheit in seine Mutter und der Eifersucht gegen den Vater und andere Konkurrenten „die packende Macht des Königs Ödipus“ bei sich entdeckte. Freud gewann dem Ödipuskomplex durchaus positive Seiten ab: „Wenn man der unbestrittene Liebling der Mutter gewesen ist, so behält man fürs Leben jenes Eroberungsgefühl, jene Zuversicht des Erfolges, welche nicht selten den Erfolg nach sich zieht.“ Die Mutter trug mit ihrer innigen Liebe dazu bei, dass sich die Prophezeiung einer Freiberger Bauersfrau bewahrheitete, die dem Säugling voraussagte, ein großer Mann zu werden.

Wenig Sinn für Religion
Die zweite Frau, die eine herzliche Zuneigung zu dem kleinen Sigmund fasste, war das Kindermädchen Monica. Freud nannte sie seine „Lehrmeisterin in Sachen Sexualität“. Sie erregte den Jungen, wenn sie mit ihren rauschenden Röcken vor ihm die Treppe hochging. Als Tschechin unterhielt sie sich mit Sigmund in ihrer Muttersprache, die er später jedoch wieder vergaß. Freud war untröstlich, als Phi­lipp die Frau des Diebstahls überführte und sie verhaftet wurde.

Als fromme Katholikin nahm Monica den Jungen mit in den Gottesdienst, belehrte ihn über die christlichen Vorstellungen von Himmel und Hölle, Erlösung und Auferstehung. Daheim ahmte der Knabe die liturgischen Handlungen des Priesters nach. Seine Eltern ließen die Kinderfrau gewähren, obwohl beide ursprünglich einer strengen orthodoxen jüdischen Gemeinde entstammten. In Mähren hatte sich der Vater der jüdischen Religion entfremdet, so dass Sigmund nicht mehr im jüdischen Glauben erzogen wurde und auch die hebräische Sprache nicht erlernte.

Als Erwachsener tat Freud bekanntlich die Religion als Illusion und infantile Wunschvorstellung ab. Ein Erlebnis des Vaters bestärkte ihn in der Ansicht, der Glaube fördere unterwürfiges Verhalten: Als sein Vater ihm erzählte, dass ihn in Freiberg ein Mann als Jude beschimpfte, ihn vom Trottoir stieß und ihm seine Pelzmütze vom Kopf riss und in den Straßendreck warf, fragte der Junge: „Und was hast du getan?“ – „Ich habe die Mütze aufgehoben“, war die Antwort des Vaters: Freud verlor damit fast gänzlich seinen Respekt vor ihm.

In der Sexualität sah Freud die stärkste Triebkraft des Menschen. Er selbst war im Umgang mit Frauen eher zurückhaltend und fast schüchtern. Das trifft bereits auf seine erste große Liebe zu: Mit 17 Jahren besuchte er in Freiberg die Familie Flusser und sah dabei die 15-jährige Tochter Gisela wieder, eine Spielkameradin aus seiner frühen Kindheit. Sigmund verliebte sich auf den ersten Blick in das Mädchen, traute sich aber nicht, ihr seine Gefühle zu offenbaren: „Es war meine erste Schwärmerei. Das Mädchen reiste nach wenigen Tagen ab und diese Trennung brachte die Sehnsucht erst recht in die Höhe. Ich erging mich lang in einsamen Spaziergängen, mit dem Aufbau von Luftschlössern beschäftigt.“ Ein Beispiel dafür, wie Freud selbst die von ihm postulierte Sublimierung der Triebe praktizierte?

Freuds Geburtshaus in Freiberg ist erhalten geblieben und beherbergt heute eine Ausstellung über Leben und Werk des „Vaters der Psychoanalyse“.

Sigmund-Freud-Museum Příbor, geöffnet: täglich außer montags 9 bis 16 Uhr, Eintritt: 40 CZK (ermäßigt 20 CZK), www.freudmuseum.cz



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