Inspirierend und brisant

Inspirierend und brisant

Dokumentarfilm-Festival „Jeden svět“ bringt Menschenrechte auf die Leinwand

26. 2. 2014 - Text: Franziska NeudertText: fn; Foto: Jeden svět

 

Was bedeutet Arbeit? Wohlergehen oder Belastungsprobe? Freiheit oder Abhängigkeit? Folter oder Erfüllung? Arbeit sichert nicht nur die materielle Existenz eines Menschen. Sie entscheidet auch wesentlich über die mögliche Teilhabe eines jeden am gesellschaftlichen Leben. Sie bedeutet also nicht nur das tägliche Brot, sondern auch Lebenschance, Leidenschaft und Last.

„Arbeit“ lautet in diesem Jahr das zentrale Thema des weltweit größten Dokumentarfilm-Festivals für Menschenrechte: „Jeden svět“ – „Eine Welt“ – präsentiert mehr als 100 Dokumentarfilme aus 54 Ländern, die um diese Problematik kreisen. Zunächst flimmern die Beiträge von 3. bis 12. März in sieben verschiedenen Kinos in Prag über die Leinwand. Danach reist das Festival weiter. Von 15. März bis 13. April geht es in 33 Städten Tschechiens über die Bühne; von 24. März bis 2. April sind die Streifen schließlich in Brüssel zu sehen.

„Mehrere Jahre ökonomischer Krise haben gezeigt, in welchem Maß Arbeit eine Quelle des Lebensunterhalts darstellt. Sie ist damit zu einem alltäglichen Belang für immer mehr Menschen geworden“, erklärt Festival-Direktorin Hana Kulhánková die Wahl des Mottos. „Unsere Gesellschaften ringen zunehmend mit Arbeitslosigkeit. Zugleich werden wir Zeuge, wie sich Arbeit durch fortschreitende Technisierung und Globalisierung schrittweise verflüchtigt.“ Im 16. Festival-Jahrgang wollen die Initiatoren deshalb einen Dialog über das zeitlose Thema eröffnen. Neben den zahlreichen Filmen sollen sich Diskussionsrunden und Konzerte mit der „gegenwärtigen Situation, die nicht einfach zu lösen ist“, auseinandersetzen, so Kulhánková.

Aus allen Winkeln der Welt
Darüber hinaus drehen sich die Beiträge auch um aktuell in den Medien brisante Belange, zum Beispiel um die umstrittene Austragung der Olympischen Winterspiele in Sotschi, den Bürgerkrieg im Sudan, den Bergarbeiter-Streik in Südafrika und die eritreischen Flüchtlinge in Israel. Was alle Filme dabei wie eine Klammer umfasst, ist die Frage nach den Menschenrechten. Diese spiegeln sich in der filmischen Auseinandersetzung mit Politik, totalitären Regimen, Umwelt, Migration, Fremdenfeindlichkeit und Entwicklungshilfe wider.

„Es klingt vielleicht naiv, aber ich glaube, dass Filme zur Veränderung von Standpunkten und Überzeugungen beitragen können“, ist Kulhánková vom Erfolg von „Jeden svět“ überzeugt. „Der Film ist ein sehr populäres Medium, das das Publikum nicht nur unterhält, sondern auch inspirieren und motivieren kann.“ Das sieht man nicht zuletzt an der überwältigenden Anzahl der Besucher, die das Festival jährlich anzieht. Über 100.000 Zuschauer haben bei „Jeden svět“ im vergangenen Jahr in den Kino­sälen gesessen. „Aktive Menschen, die helfen wollen“, meint  Kulhánková. Nach zehn Jahren Mitarbeit beim Festival sieht Kulhánková auch eine Entwicklung.

„Dank Technik und Internet erreichen uns immer mehr Beiträge aus allen Ecken der Welt. Digitale Kameras werden quasi zu direkten Zeugen von Missständen, bei denen keine Journalisten zugegen waren. Videos können per Handy gedreht und dann hochgeladen werden, sodass Millionen von Menschen daran teilhaben können.“

Den Auftakt zum Festival bildet traditionell die Vergabe des Preises „Homo Homini“ durch die Menschenrechtsorganisation „Člověk v tísni“ („Mensch in Not“). In diesem Jahr geht die Auszeichnung an die Rechtsanwältin Sapijat Magomedowa aus dem nordkaukasischen Dagestan. Sie wird für ihr Engagement für die Opfer von Willkür und Gewalt durch die Streitkräfte in ihrer Heimat geehrt.

Den filmischen Beginn macht „Miners Shot Down“ aus Südafrika. In Anwesenheit von Regisseur und Produzent wird der Streifen über die blutige Niederschlagung eines Bergarbeiteraufstands in Südafrika am 3. März vorgestellt. In den anschließenden Tagen folgen untergliedert in elf Kategorien – wie zum Beispiel „Recht, zu wissen“, „Reisen in die Freiheit“ und „Dokumentationen für Kinder“– die weiteren Filmbeiträge, die aus über 2.000 Einsendungen ausgewählt wurden. In der Sparte „Tschechische Perspektiven“ können sich die Zuschauer auf vier Premieren freuen, darunter auch „Olga“ über die erste Ehefrau Václav Havels.

Wahl des Publikums
Im Hauptwettbewerb konkurrieren zwölf Streifen um den Festivalpreis für den besten Film und die beste Regiearbeit. Weitere Auszeichnungen vergeben die Václav-Havel-Jury für den herausragendsten Beitrag für die Verteidigung der Menschenrechte, die Jury des Tschechischen Radios für den kreativsten Einsatz von Ton und Musik, sowie die Jury der Studenten, die den besten Filmbeitrag für Studierende würdigt. Die Zuschauer schließlich haben die Möglichkeit, ihren Kandidaten für den Publikumspreis zu bestimmen.

Den Filmfreunden bleibt also die Qual der Wahl. Kulhánková hilft mit einem persönlichen Tipp: „Judgment in Hungary“, eine ungarische Dokumentation aus einem Gerichtssaal, in dem die Ermordung von sechs Roma verhandelt wurde, und „The Blocher“ über den rechtspopulistischen Politiker Christoph Blocher und die Einwanderungs­gesetze der Schweiz. Aber eigentlich will sich die Direktorin bei der Vielfalt nicht festlegen. „Ich würde jeden der 106 Filme empfehlen.“

Jeden svět, 3. bis 12. März, Veranstaltungsorte in Prag: Kinos Lucerna, Světozor, Atlas, Ponrepo, Evald, Französisches Institut, Stadtbibliothek. Weitere Informationen und  Programmübersicht unter www.oneworld.cz