14. Dezember 2018,

Volles Rohr böhmisch

Illustrationsfoto   © Priscilla du Preez, unsplash.com

06. 12. 2018

Sie waren dreimal Europameister der böhmisch-mährischen Blasmusik – kommen jedoch aus Franken. Im Januar präsentieren die Hergolshäuser Musikanten zehn Stunden Blasmusik an einem einzigen Tag

 


Von Klaus Hanisch



Kaum hat das Jahr 2019 begonnen, da führen die Hergolshäuser eine Großveranstaltung durch, die fürwahr den Begriff „Event“ verdient. Sie heißt „Zauber der Blasmusik“ und geht über zehn Stunden, von zehn Uhr morgens bis acht Uhr abends. Ein Marathon-Festival! Nicht umsonst trägt es den Beinamen „… volles Rohr böhmisch“.
 
Eineinhalb Stunden spielen die fränkischen Musiker selbst, den Rest besorgen am 27. Januar drei Gast-Kapellen. Allesamt ausgewiesene Könner der böhmisch-mährischen Blasmusik, sie kommen diesmal aus Oberschwaben, Kärnten und vom Tegernsee. Dieses Ereignis mutet mit seiner Länge sportlich an. Doch Katja Lutz, die sich um das Management der Hergolshäuser kümmert, verweist auf weiter steigende Besucherzahlen. „Viele können sich dafür begeistern, einen ganzen Tag lang Blasmusik zu hören.“

Dies liege vor allem daran, dass böhmische Musik anders und viel direkter wirke, wenn sie live gespielt werde, ergänzt Dirigent Rudi Fischer. Und damit könnten Playback-Fernsehsendungen einfach nicht konkurrieren, selbst wenn sie von Millionen gesehen werden. Zudem verweist Fischer darauf, dass böhmische Musik nicht mehr so häufig im Radio zu hören sei. Deshalb müssten echte Fans eben die Konzerte besuchen – und das tun sie auch.

Viele Zuhörer sind zwar schon jenseits der 60, aber „auch junge Leute sind darunter, außerdem viele Musiker und Musikvereine“, so Lutz. Und weil die Fans so zahlreich sind, spielen die Hergolshäuser im März 2019 bereits ihre neunte CD ein. Wieder im Saal eines stillgelegten Kernkraftwerkes, in dem sie schon ihre Weihnachts-CD produziert haben, mit Hilfe eines mobilen Tonstudios.


© Hergolshäuser Musikanten


Die Hergolshäuser Musikanten wurden 1973 gegründet, damals noch als rein örtliche Dorfkapelle. „Und wir spielen immer noch bei Beerdigungen, Prozession, Christmette oder Geburtstagsständchen“, erläutert Katja Lutz. Das sei „Kulturgut und darf nicht verloren gehen“ in der kleinen Gemeinde mit rund 600 Einwohnern.

Solch lokale Auftritte in kleiner Besetzung stehen fortlaufend im Terminkalender, große Events in Hallen und Festzelten mit der gesamten Kapelle etwa jedes zweite Wochenende. Ein umfassendes Programm, zumal für ein Laienblasorchester, bei dem jeder Musiker einen Beruf ausübt. Etwa 30 gehören den Hergolshäusern an, die Hälfte von ihnen bildet seit Jahren den „harten Kern“. Sie sind Amateure im besten Sinne, meist zwischen 40 und 50 Jahre alt, auch Teenager wirken mit, der älteste ist schon über 70. Was sie verbinde, sei eine tiefe Partner- und Kameradschaft – und „der Spaß an der böhmischen Musik“, betonen Katja Lutz und Rudi Fischer übereinstimmend.

Fischer ist Spiritus Rector der Hergolshäuser, übernahm 1981 schon mit 20 Jahren ihre Leitung. Im Hauptberuf ist er Diplom-Ingenieur, mittlerweile auch staatlich anerkannter Dirigent für Laienblasorchester. Und er komponiert und textet viele Titel selbst. Mit seinen Arrangements und Tempiwechsel prägte Fischer Sound und Stil der Musikanten. Seine Kompositionen werden auch von anderen Kapellen deutschlandweit gespielt. Katja Lutz bezeichnet ihn als „leidenschaftlichen Blasmusiker“, der viele Musiker motiviert habe, bei den Hergolshäusern mitzumachen.
 
Sie spielt seit 1984 in der Kapelle, schon ihr Großvater war Dirigent, auch der Vater hatte sich der Musik verschrieben – familiäre Vorbestimmung ist bei Mitgliedern oft üblich. Einig sind sie sich auch darin, „nicht Stimmungs- und Schunkelmusik spielen zu wollen, sondern vor allem böhmisch“, so Katja Lutz. Denn: „Das groovt, das können wir, das macht am meisten Spaß, da fühlen sich die Musiker wohl – da geht einfach unser Herz auf!“
 
Wobei man zwischen böhmischer und mährischer Blasmusik unterscheiden müsse. Die böhmische sei nicht so schnell, dafür geradliniger und melodiöser, wurde Rudi Fischer zitiert. Sie gehe einfacher ins Ohr und sei eher was fürs Gemüt. Die mährische Musik bezeichnete er dagegen als hoch, laut, vielfach mit Trompete und mit „vielen Soli und Schnörkel“. Dies gefalle besonders der Jugend, da sei „mehr Action“ drin.


Tubaspieler  © CC0


Blasmusik als Hobby – das stößt nicht überall auf Verständnis. Dies habe sie schon erfahren, als sie in ihrem musischen Gymnasium das Abitur auf einem Tenorhorn ablegen wollte, erzählt Katja Lutz. „Dafür brauchte ich eine Sondergenehmigung.“ Als sie dann noch angab, gerne Blasmusik zu spielen,  schlugen „viele Leute vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammen.“

Dieses „unschicke“ Image der Blasmusik bekommen Jugendliche auch heute noch zu hören. „Doch unsere jungen Musiker stehen dazu“, freut sich Lutz. Größere Probleme bereitet der Kapelle, wenn Fußballtraining und Musikprobe am gleichen Tag stattfinden. Denn manches Mitglied könne sich für das eine wie das andere erwärmen. Zudem lernen immer weniger Kinder noch ein Instrument. Die Tochter von Katja Lutz spielt Trompete, studiert aber auswärts. Solche Umzüge sind ein weiteres Handicap für die Kapelle.
 
Trotzdem gebe es keine Nachwuchsprobleme, auch wenn geeignete Musiker nicht mehr nur im eigenen Dorf gefunden werden. Zumal die Musikanten vorgesorgt und 2008 die „Jungen Hergolshäuser“ gegründet haben. Dort werden derzeit 20 Jugendliche ausgebildet und an die böhmische Musik herangeführt.


Rudi Fischer (rechts) mit dem tschechischen Kapellmeister Ladislav Kubeš   © veselka.cz


Um ihre hohe Qualität zu halten, führt die Kapelle regelmäßig Workshops durch. Mit Dozenten wie Zdeněk Gurský von „Gloria“. Und Vlado Kumpan, einen Trompeter aus Bratislava, der am heimischen Nationaltheater und im Rundfunkorchester spielte und mit seiner Blaskapelle 2003 die Profi-EM gewann.

Auch die Hergolshäuser waren bei diesem Wettbewerb erfolgreich. Lange verkündete ein Transparent am Ortseingang ihrer Heimatgemeinde unweit von Würzburg: „Europameister der böhmisch-mährischen Blasmusik.“ Drei Mal erspielten sich die Hergolshäuser Musiker diesen Titel in der höchsten Amateurstufe: 2000, 2002 und 2003. Das Transparent wurde zwar längst entfernt, „aber die Triumphe bleiben was ganz Besonderes“, blickt Katja Lutz gerne zurück. Niemals hätten die Hergolshäuser damit gerechnet, zu gewinnen, sich quasi nur aus Spaß an der Freude angemeldet. Zudem war die Konkurrenz riesengroß. „Deshalb ist es bis heute ein unvergessliches Erlebnis für alle, die dabei waren.“
 
Teilnehmer kamen aus Deutschland, Österreich, den Niederlanden – aber kurioserweise nicht aus Böhmen. „Obwohl es sicher welche gab, die besser gewesen wären als andere“, vermutet Lutz. Die Amateure traten in drei Kategorien an, eine weitere Leistungsstufe gab es für Profis. Sie mussten mehrere Pflichtstücke und etliche Wahltitel vorspielen.
 
Die Jury bestand sich aus renommierten Blasmusikern wie dem Niederländer Freek Mestrini, der Trompete wie Flügelhorn lehrt. Oder dem Slowaken Adam Hudec, der am Konservatorium in Bratislava studierte und im Orchester des slowakischen Rundfunks spielte. Er komponierte 2002 die „Drosselpolka“ für die Hergolshäuser, als sie erneut gewannen.
 
Bei dieser EM wurde die Schwierigkeit der ausgewählten Stücke bewertet, ebenso wie sie präsentiert wurden und beim Publikum ankamen. „Es ging auch darum, ob der Funke überspringt“, fasst Katja Lutz knapp zusammen. Dass alle Orchester sauber und fehlerfrei spielen, wurde sowieso erwartet. Dass ausgerechnet die Hergolshäuser gewannen, könnte daran gelegen haben, dass „bei uns Spielfreude und Leidenschaft für diese Musik besonders spürbar waren.“

Mittlerweile werden immer mehr Wettbewerbe ausgeschrieben, etwa ein „Grand Prix der Blasmusik“, doch im Jahr 2000 sei diese EM die einzige Konkurrenz für böhmisch-mährische Blasmusik gewesen. Und er wurde zum ersten Mal überhaupt durchgeführt. „Deshalb war unser Sieg umso bedeutender“, so Lutz. Bei dieser Erstauflage gewann die „Blaskapelle Gloria“ aus Vracov in Südmähren den Profi-Wettbewerb. Mit Mitgliedern, die Konservatorien und Musikhochschulen besuchten. Geleitet wird die Kapelle, die bereits zig Tonträger aufgenommen hat, von Zdeněk Gurský, der selbst Trompete spielt. Zu dieser Kapelle bauten die Hergolshäuser eine langjährige Beziehung auf. „Wir haben sie mehrfach engagiert, wir kennen und schätzen uns, haben auch schon zusammengespielt.“

Harte Arbeit und der große Zusammenhalt machen nach Meinung von Katja Lutz den Erfolg der Hergolshäuser über so viele Jahre aus. Und: „Wir haben nie die Bodenhaftung verloren.“ Schon oft waren sie in Fernseh- und Radiosendungen zu hören. Mehrfach traten sie mit bekannten Künstlern wie Ernst Hutter und den Original Egerländer Musikanten auf.


Ernst Mosch gilt als "König der Blasmusik"   © Bogner Records


Deren Gründer Ernst Mosch ist für Katja Lutz ein Vorbild. Als Jugendliche sei sie zu seinen Live-Konzerten gepilgert, im Allgäu besuchte er sogar ein Konzert der Hergolshäuser und unterhielt sich dort mit Dirigent Fischer. „Früher gab es eigentlich nur ihn“, erinnert sich Lutz. Tatsächlich war und ist Ernst Mosch, der 1925 in Zwodau (Svatava bei Sokolov) geboren wurde und 1999 verstarb, für viele Blasmusik-Fans bis heute ein Idol. Er spielte über 1.000 Konzerte in 42 Ländern und verkaufte rund 40 Millionen Tonträger, weshalb er mit zahlreichen Goldenen und Platin-Schallplatten ausgezeichnet wurde.
 
Auch wenn längst viele neue Profis mitmischen, kommen Lieder von Ernst Mosch wie früher sehr gut an. „Das sind eben Gassenhauer.“ Auch die Hergolshäuser begrüßen ihre Zuhörer gerne mit Kompositionen von ihm, quasi als „Warm-up“. Die besten Musiker würden nichts nützen, wenn ihnen Gespür und Herz für die böhmische Musik fehle, sagte Mosch einmal. Womit er den Hergolshäusern aus der Seele sprach.

Etwa 1.000 Titel hat die Kapelle im Repertoire, zu 80 Prozent böhmische Blasmusik, dazu moderne Titel, Gesang und Unterhaltung. „Die Literatur ist mittlerweile ja unglaublich groß“, erklärt Tenorhornistin Katja Lutz. Auch das Stück „Die Sonne geht auf“ gehört dazu, ein Marsch von Fischer. „Kultstatus“ habe der schon, sagt Lutz – womit sie Lied wie Komponisten meint.

Mehr als zwei Dutzend Lieder trugen die Musikanten Ende November und Anfang Dezember bei ihren „Böhmischen Abenden“ vor. Solche Abende gibt es landauf, landab, denn viele Musikkapellen suchen und finden damit ihre Zuhörer. Doch die Hergolshäuser führten gleich drei Abende am Stück durch – und das an einem einzigen Wochenende. Zu jeder Veranstaltung kamen wieder Hunderte von Zuhörern.

Seit 28 Jahren veranstalten sie schon ihren Böhmischen Abend, seit über zehn Jahren dreimal nacheinander. „Oft haben wir uns gefragt, wie lange das noch möglich ist“, berichtet Katja Lutz, „aber das Interesse an drei Veranstaltungen in Folge ist konstant hoch“. Böhmische Musik erlebe seit Jahren einfach einen Boom, besonders im süddeutschen Raum. Es gebe eine „gute Szene, junge Leute“, die Menschen seien heiß auf diese Musik.

Was innerhalb dieser Szene für die Hergolshäuser spricht: „Wir haben schon sehr lange einen guten Namen.“ Ihre Zuhörer kommen daher längst nicht mehr nur aus dem Umland, sondern auch aus Hannover, dem Allgäu, Oberbayern und sogar Holland nach Franken. Wobei neben Können und Leistung auch internationale Erfolge für das große Renommee sorgten.

Sogar einen Online-Fanshop betreibt die Kapelle, nicht nur für ihre Tonträger, sondern auch für Noten, T-Shirts und sogar Baseballkappen und Polohemden.


Katja Lutz   © Hergolshäuser Musikanten
 

Auslandstourneen führten die Hergolshäuser nach Belgien, Frankreich, Holland, Italien, Österreich, Schweiz, Südafrika, Namibia oder Florida. Erst vor wenigen Wochen musizierten sie auf einem Kreuzfahrtschiff, das in die norwegischen Fjorde unterwegs war. 170 Fans in drei Bussen begleiteten die Musikgruppe, mehrere Tausend Passagiere erlebten dort böhmische Blasmusik in fränkischer Interpretation. „Ich kenne kein Blasorchester, das so etwas zuvor schon einmal gemacht hat“, behauptet Katja Lutz.

An einer Europameisterschaft wollen die Hergolshäuser nicht mehr so bald teilnehmen. Zu groß sei der Aufwand, zu umfangreich Vorbereitungen und Proben. Zudem hat die Musikkapelle schon jetzt Termine bis ins Jahr 2020 hinein. „Wir haben die EM dreimal gewonnen, das ist auf ewig in unseren Herzen.“

Aber: „Ins Herz der böhmischen Blasmusik“ würde Katja Lutz gerne mal fahren, „zu den Ursprüngen“ ihrer geliebten Töne und Klänge. Vielleicht nach Prag zu einem Festival. Allein, „es hat sich zeitlich bisher nicht ergeben“. Bietet sich in Böhmen jedoch irgendwann ein schöner Auftritt an, werden die Hergolshäuser Musikanten sicher mit Freude zugreifen. Und auch dort beweisen, dass sie wahre Meister der böhmisch-mährischen Blasmusik sind.

 

 

Fotos: Bildrechte via Tooltip (Mouse over)

^ nach oben