16. November 2018,

Aus Spaß wird Ernst

Thomas Niehaus und Paul Schröder als Söhne des Odysseus    © Armin Smailovic

08. 11. 2018

Das Prager Theaterfestival deutscher Sprache holt namhafte Ensembles und Schauspieler wie Lars Eidinger, Devid Striesow und Ursina Lardi in die tschechische Hauptstadt. Das Motto in diesem Jahr: Schluss mit lustig



Drogen, Depressionen, Selbstmord. Für die meisten klingt das kaum nach „unendlichem Spaß“. Doch genau darum geht es in dem gleichnamigen Theaterstück von Thorsten Lensing, der den Erfolgsroman von David Foster Wallace („Infinite Jest“, 1996) auf die Bühne brachte. Der „Unendliche Spaß“ sei von einem unendlichen Ernst beherrscht, urteilte Literaturkritiker Ulrich Greiner nach dem Erscheinen der deutschen Erstausgabe im Jahr 2009.

Das Motto „Schluss mit lustig“, unter dem das 23. Prager Theaterfestival deutscher Sprache läuft, ist also tatsächlich Programm. Neben „Unendlicher Spaß“ werden vom 18. November bis 1. Dezember noch sechs weitere Inszenierungen gezeigt. Allesamt widmen sie sich ernsten Themen, doch versprechen die Veranstalter gleichwohl unterhaltsame Theaterabende.

Devid Striesow (links) in "Unendlicher Spaß"   © David Baltzer

Den Unendlichen Spaß werden die Festivalbesucher am letzten November-Wochenende in der Neuen Bühne des Nationaltheaters haben. Die knapp vierstündige Inszenierung von Lensing feierte erst im Februar in den Berliner Sopiensælen ihre Premiere. Das Echo auf das erstklassig besetzte Stück (u.a. Ursina Lardi, Devid Striesow und Sebastian Blomberg) fiel überwiegend positiv aus. In einer Kritik für die „Süddeutsche Zeitung“ befand Mounia Meiborg sogar, „die ersten zwei Stunden sind das Schönste, was man seit langem im Theater gesehen hat“.

Eröffnet wird das Prager Theaterfestival deutscher Sprache mit einem anderen, von den Theaterkritikern gefeierten Stück. Stephan Kimmig hat für das Wiener Volkstheater den zehnteiligen Filmzyklus „Dekalog“ von Krzysztof Kieślowski adaptiert. Der deutsche Regisseur „verbindet die einzelnen packenden Storys zu einer gemeinschaftlichen Suche nach Halt und Orientierung“, heißt es auf der Seite des Volkstheaters. Acht Schauspieler schlüpfen für Die Zehn Gebote (so der Titel der Bühnenfassung) in rund 30 durchaus anspruchsvolle Rollen. Norbert Mayer schrieb nach der Uraufführung im Dezember 2017 für „Die Presse“: „Man wird Zeuge eines Mordes, begleitet den verurteilten Mörder zur Exekution (...), sieht eine Vater-Tochter-Beziehung, die auf Inzest hinsteuert. Man leidet mit einer Frau, die glaubt, dass ihr Mann stirbt (...). Eine Nymphomanin und ihr Stalker, ein impotenter Arzt und seine attraktive Frau (...) erleben Glück nur für Momente, Liebe für Minuten.“ Die Zuschauer erwarte „ein beeindruckender Abend voll bleierner Depression“. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ stimmte regelrechte Lobeshymnen auf „Die Zehn Gebote“ an: „Mag es auch als Blasphemie gelten, für diese Inszenierung ein neues Gebot aufzuwerfen, so muss es doch heißen: ,Du sollst dir das anschauen!'“

Szene aus "Die Zehn Gebote"   © www.lupispuma.com / Volkstheater

Geht es nach dem Echo der Theaterkritik gilt das auch für die jüngste Inszenierung von Antú João Romero Nunes, Hausregisseur am Thalia Theater Hamburg. Die Odyssee. Eine Irrfahrt nach Homer, eingeladen zum diesjährigen Berliner Theatertreffen, wird an zwei Abenden im Kunstzentrum DOX aufgeführt. In dem zweistündigen Theaterstück verkörpern Thomas Niehaus und Paul Schröder die Odysseus-Söhne Telemachos und Telegonos, die sich als junge Männer zum ersten Mal begegnen und nun gemeinsam die Rückkehr ihres Vaters von dessen Irrfahrt erwarten. Annette Yang vom NDR vergleicht die Arbeit des 35-jährigen Theatermachers mit einem „intensiven Kammerspiel (...), das in einem Szenario wie aus einem Horrorfilm eskaliert. Wer die griechische Sage von Odysseus kennt, wird viele Figuren wiederfinden. Alle anderen wird das lustvolle, schonungslose Spiel der beiden Darsteller fesseln“. 




EINTRITTSKARTEN ZU GEWINNEN

Lars Eidinger spielte während des Prager Theaterfestivals deutscher Sprache 2016 schon einmal die Hauptrolle in einem Shakespeare-Drama. Falls Sie wissen, um welches Bühnenstück es sich handelt und Eintrittskarten für das diesjährige Festival gewinnen möchten: Schicken Sie die Lösung als Betreff bis Donnerstag, 15. November an die E-Mail-Adresse gewinnspiel@pragerzeitung.cz! Die PZ verlost 3x2 Eintrittskarten für „Die Zehn Gebote“ (18.11.), „Unendlicher Spaß“ (24.11.) und „Richard III.“ (30.11.) sowie T-Shirts mit dem aktuellen Slogan des Festivals „Schluss mit lustig“. Bitte geben Sie in der E-Mail die von Ihnen gewünschte Vorstellung an. Die Gewinner werden schriftlich benachrichtigt.




Im Theater Archa bekommen die Festivalbesucher Five Easy Pieces geboten. Doch anders als der Titel vermuten lässt, – ähnlich wie beim „Unendlichen Spaß“ – ist der Stoff des Schweizer Regisseurs und Filmemachers Milo Rau alles andere als leicht. Die Produktion des Theaters Campo aus dem belgischen Gent befasst sich mit Marc Dutroux, der in den achtziger und neunziger Jahren mehrere Kinder und Jugendliche entführt, sexuell missbraucht und ermordet hat. In „Five Easy Pieces“ entwickelt Rau anhand der Biografie des Serienmörders und Kinderschänders eine kurze und bedrückende Geschichte Belgiens. Auf der Bühne stehen Kinder zwischen acht und 13 Jahren, die aussprechen, was unsagbar scheint. Sie schlüpfen in die Rolle der Opfer und des Täters – und inszenieren einen Fall, in dem sie selbst nie zu Wort kamen. „Five Easy Pieces“ heißen auch von Igor Strawinsky erdachte Klavierübungen für Kinder. Milo Rau macht daraus Übungen für Erwachsene, den Abgründen menschlicher Existenz zu begegnen – unter Mithilfe von Kindern.

Bedrückend: Milo Raus "Five Easy Pieces"   © Phile Deprez

Eine Liebeserklärung an den Horrorfilm und die Schauerliteratur erwartet die Zuschauer am 27. November im Theater Komödie. Blackout, ein Stück von Claire Thill und dem Ensemble ILL (Independent Little Lies) aus Luxemburg, dreht sich um Sinnestäuschungen, unberechenbaren Naturgewalten und einer Gesellschaft, die sich der Realität verschließt. Ausgangspunkt ist das in großen Teilen Europas und im Nordosten Amerikas ungewöhnlich kalte Jahr 1816, verursacht vor allem durch einen Vulkanausbruch in Indonesien. Das „Jahr ohne Sommer“ – in Deutschland auch als „Achtzehnhundertunderfroren“ und in den USA als „Eighteen Hundred and Froze To Death“ bezeichnet – hatte verheerende Folgen: Ernteausfälle und Hungersnöte, Krankheiten und soziale Unruhen. „Blackout“ greift die Untergangsstimmung des Jahres 1816 auf und verknüpft sie mit der Dramaturgie eines modernen Horrorfilms.

"Blackout" entführt den Zuschauer in eine düstere, prä-apokalyptische Phantasmagorie.   © ILL

Von Hass, Habgier und Gewalt handelt das Shakespeare-Stück Richard III., das Thomas Ostermeier für die Schaubühne Berlin neu inszenierte und den krönenden Abschluss für das Prager Theaterfestival deutscher Sprache bilden soll. Ob es auch so kommt? Die Premiere im Jahr 2015 stieß zumindest auf ein geteiltes Echo. Nur in einem Punkt waren sich fast alle Kritiker einig: Lars Eidinger als Herzog von Gloucester und späteren König sollte man gesehen haben. Eva Biringer von der „ZEIT“ vermutet die „günstige Konstellation von Regisseur, Hauptdarsteller und Raumkonzept“ als einen Grund für Richards Erfolg an der Schaubühne.

Doch stellte sie in ihrer Kritik auch fest: „Dieser Richard bleibt eine Eidinger-One-Man-Show. Andere Schauspieler setzen kaum mehr als Akzente, etwa Robert Meyer als Flüche schleudernder Magret (...) oder Thomas Bading als beiläufig sterbender König. Selten leuchtet einmal das ganze Ensemble auf als Tischfeuerwerk ballernde, zum Koksen hinterm Wandteppich verschwindende Hofgesellschaft. Meist leuchtet nur Eidinger.“ Und das als hässlicher Krüppel, der jeden aus dem Weg räumt, bis er niemanden mehr über sich hat. Und dann? „Allein an der Spitze des Königreichs, sämtlicher Widersacher beraubt, richtet er sein Wüten nun gegen seinen eigentlichen Hauptfeind – sich selbst“, schildert die Schaubühne. Amoralisch, psychopathisch, manipulativ: Die umstrittene Inszenierung mit einer der übelsten Gestalten der Literaturgeschichte läuft am 30. November und 1. Dezember im Ständetheater.

Lars Eidinger als Richard III.   © Arno Declair

Neben klassischen Theaterproduktionen steht auch eine Lesung von Judith Hermann („Sommerhaus, später“, „Nichts als Gespenster“) auf dem Festivalprogramm. 2016 brachte die Berlinerin ihren Erzählband „Lettipark“ heraus, der nun auch auf Tschechisch erscheint. Felix Stephan schrieb damals für „DIE ZEIT“: „Die Erzählungen sind stets von dem Grundgefühl durchzogen, zu Gast im eigenen Leben zu sein und dem Lauf der Dinge letztlich machtlos gegenüberzustehen. Den Figuren kommt es immer eher darauf an, Verhältnisse zu haben, als sie zu verändern.“ Die großen Geschichten spielten sich stets woanders ab, während bei Judith Hermann junge Frauen fröstelnd auf Terrassen stünden und gerade schon wieder auf jemanden warteten.

Wie gewohnt findet sich auch 2018 eine tschechischsprachige Vorstellung (mit deutschen Übertiteln) im Festivalprogramm. Regisseur Jan Mikulášek bearbeitete den 1984 erschienen Roman „Holzfällen“ von Thomas Bernard – und erhielt dafür den diesjährigen Josef-Balvín-Preis für die beste tschechische Inszenierung einer deutschsprachigen Vorlage. Das Stück handelt von einer Abendgesellschaft, die sich hervorragend amüsiert. Der Protagonist jedoch hat für sie nur eines übrig: pure Abscheu. Seinem Werk hatte Bernard damals ein für den Inhalt aussagekräftiges Zitat von Voltaire vorangestellt: „Da ich nun einmal nicht imstande war, die Menschen vernünftiger zu machen, war ich lieber fern von ihnen glücklich.“

"Holzfällen" in der Wiener Abendgesellschaft   © KIVA

Im sogenannten Off-Programm kann das Publikum im Planetarium neben dem Prager Messegelände das Hörspiel „Shakespeares Schädel“ hören, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Rundfunk. Im Theater am Geländer präsentiert sich das „Deutsch-tschechische Konkurrenztheater“ mit „Sprachbeißereien und angenehm provokativer Kulturharmonie“. In der Villa Štvanice wiederum führt die Theatergruppe LETÍ szenische Skizzen von Texten des Deutsch-Koreaners Bonn Park und der österreicherischen Dramatikerin Miru Svolikova auf.


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Das Programm im Überblick



Die Zehn Gebote
Volkstheater (Wien)
So., 18. November, 20 Uhr
Divadlo na Vinohradech

Lettipark (Lesung)
Judith Hermann
Mi., 21. November, 17 Uhr
Český rozhlas – Studio 1

Die Odyssee. Eine Irrfahrt nach Homer
Thalia Theater Hamburg
Fr., 23. November, 20 Uhr
Sa., 24. November, 20 Uhr
DOX+

Unendlicher Spaß
Sophiensæle Berlin / Kampnagel
Sa., 24. November, 19 Uhr
So., 25. November, 15 Uhr
Nová scéna

Five Easy Pieces
CAMPO & IIPM Gent
Sa., 24. November, 18 Uhr
So., 25. November, 13 Uhr
Divadlo Archa

Holzfällen (Mýcení)
Mo., 26. November, 20 Uhr
Divadlo Na zábradlí

Blackout
ILL Luxemburg
Di., 27. November, 20 Uhr
Divadlo Komedie

Richard III.
Schaubühne Berlin
Fr., 30. November, 20 Uhr
Sa., 1. Dezember, 18 Uhr
Stavovské divadlo

Schluss mit lustig. Szene aus Ostermeiers "Richard III."  © Arno Declair

   
 

Text: Marcus Hundt, Fotos: Beschreibungen und Bildrechte via Tooltip (Mouse over)

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