16. November 2018,

Das weiße Lächeln des Schnees

Bohumil Hrabal, 1988   © Hana Hamplová, CC BY-SA 3.0

18. 09. 2018

Im Suhrkamp-Verlag erscheinen „Schneeglöckchenfeste“ von Bohumil Hrabal. Den unsichtbaren Rahmen für 15 Erzählungen bildet die Gemeinde Kersko bei Nymburk

 


Von Volker Strebel



Der Schriftsteller Bohumil Hrabal (1914-1997) zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern seines Landes. Bereits zu Lebzeiten hatte er eine Art Kultstatus erlangt. Nicht, dass er das angestrebt hätte, aber die Umstände während der längsten Zeit seines Autorenlebens hatten dazu geführt.
 
Obwohl Hrabal bereits in jungen Jahren Gedichte und kurze Texte schrieb, hatte er erst als 40-Jähriger in der ČSSR offiziell debütieren können. Anfang der sechziger Jahre waren in rascher Folge Bücher erschienen, wenngleich auch meistens von der Zensur gekürzt oder verstümmelt.

Der vorliegende Band versammelt 15 Erzählungen, die allesamt von Land und Leuten der Waldsiedlung Kersko, 30 Kilometer östlich von Prag gelegen, inspiriert sind. In Kersko hatte Bohumil Hrabal einen Zweitwohnsitz, in welchem viele seiner Werke entstanden sind. Als Zeichen der Wertschätzung wird für Bewunderer und Freunde Hrabals seit Jahren das Fest „Hrabals Kersko“ („Hrabalovo Kersko“) ausgerichtet.

Die vorliegenden Erzählungen bieten wundervolle Kostproben seines erzählerischen Temperaments. Die für seine Prosa kennzeichnende Verschmelzung von auktorialen Betrachtungen mit eruptiven Monologen dargestellter Figuren erzeugt eine unwiderstehliche Sogwirkung. Die berichteten Vorgänge sind von unterschiedlicher Dramatik. Es muss nicht wie in „Das Festmahl“ („Hostina“) gleich eine aus dem Ruder gelaufene Jagd auf ein Wildschwein sein – eine Erzählung, die übrigens wie manch andere Hrabal-Texte vom befreundeten Regisseur Jiří Menzel erfolgreich verfilmt wurde. Oft handeln die Erzählungen naturgemäß von scheinbar unscheinbaren Beobachtungen in den Nachbarschaftsgärten von Kersko und vermitteln dennoch eine Ahnung von der Vielschichtigkeit des Alltags mit seinen Vorkommnissen.
 
Die dargestellten Figuren, meist knorrige Typen, kennzeichnet oft der zarte Charme von ewigen Verlierern oder zumindest Zukurzgekommenen. In „Herr Metek“ („Pan Metek“) wird ein Nachbar porträtiert, der allerhand unsinnige Anschaffungen allein deswegen vornimmt, weil sich zufällig eine einmalige Gelegenheit geboten hat und der Preis günstig ist. Eine kuriose Dynamik beginnt sich zu entwickeln und zum Schluss beginnt der Erzähler zu ahnen, dass Herr Metek „in Wirklichkeit ein mutiger Mann war, der, um über die Sinnlosigkeit nicht nur seines, sondern überhaupt des ganzen Lebens nicht nachdenken zu müssen (…) den Blick auf sich selbst verdeckt“.

In charakteristischer Weise entfaltet sich der Hrabalsche Erzählfluss, nur selten von Satzzeichen unterbrochen, und gerät vom Hundertsten ins Tausendste. Das Berichtete gewinnt dadurch an Tempo und Lebenskraft, ganz so, wie es sich während der bei Hrabal unvermeidlichen Besuche im Waldrestaurant „Forsthaus“ zuträgt, hinter der sich offensichtlich jene „Hájenka“ verbirgt, die übrigens bis heute existiert. In diesen Plaudereien werden oft recht unvermittelt zeitgenössische Persönlichkeiten erwähnt, die als Zeugen dienen oder auch einen weltläufigen Charakter unter Beweis stellen sollen, aber in der Wirkung eine nostalgische Note einbringen. Neben der tschechischen Ringerlegende Gustav Frištenský, dem Rennfahrer Niki Lauda oder dem Geiger Helmut Zacharias fallen vor allem in der Erzählung „Herr Kakra“ („Pan Kakra“) jede Menge Namen berühmter amerikanischer Filmklassiker, da Herr Kakra auf seinen unsteten Wanderungen zu den verschiedensten Kinos über ein umfangreiches Filmwissen verfügt.

Wie in allen Texten Bohumil Hrabals überzeugt seine bewundernswerte Sprachkraft, die in farbiger Dichte und hochdifferenzierter Wahrnehmung noch den nebensächlichsten Gegenständen gerecht wird und den ausgebreiteten Begebenheiten ihr literarisches Temperament verleiht. So wundert sich etwa in „Das Schneeglöckchenfest“ („Slavnosti sněženek“) der sonderliche Herr Liman, als er in seiner versteckt gelegenen Behausung aufgesucht wurde: „Oder suchen Sie etwa mich? Er zeigte auf die Jacke des Overalls, von dem sich Stücke Hühnerkot wie alte Medaillen ablösten“. Und die Wintererzählung „Baumbrüche im Wald“ („Polomy v lese“) endet mit dem Lächeln von Frau Beník: „Das ist ein schönes Wetter heute, was? Und beim Lächeln platzte sie und schüttelte zwei Reihen weißer Zähne aus … Und hinter ihr fiel weißer Schnee“.

Bohumil Hrabal mit Václav Havel, Bill Clinton und Madeleine Albright "beim Goldenen Tiger", 11. Januar 1994   © Jiří Jířů

Als der US-amerikanische Präsident 1994 die Hauptstadt Prag besuchte, überraschte ein Ortstermin der besonderen Art. Im traditionellen Lokal der Prager Altstadt „U Zlatého tygra“ („Zum goldenen Tiger“) saßen Bill Clinton, der tschechische Präsident Václav Havel und Bohumil Hrabal vereint beim böhmischen Bier. Auf den Fotos wirkt Hrabal, der sich nie sonderlich in die Politik eingemischt hatte, vergnügt und bildet die Verkörperung eines Sonderlings ab, der seinen eigenen Erzählungen entschlüpft schien. Das wahre Leben hatte ihn auf nahezu surreale Weise wieder einmal eingeholt ...





Bohumil Hrabal „Schneeglöckchenfeste“
Aus dem Tschechischen von Petr Šimon, 204 Seiten, 12 Euro, Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, ISBN: 978-3-518-24136-3


 

 

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